Die Politik in der Türkei wird nicht mehr nur durch Wahlen bestimmt.
Der eigentliche Kampf wird von der Frage “Wer kann die Zukunft gestalten?” in den Köpfen der Gesellschaft geprägt. Aus diesem Grund reicht es zunehmend nicht mehr aus, die aktuellen politischen Krisen nur mit Kandidatendebatten, Kongresskalkulationen oder parteiinternen Gleichgewichten zu erklären.
Die Spannungen in der CHP sind genau eine solche Krise.
Denn es geht nicht um den Wettbewerb einiger weniger Namen. Es geht darum, welche Art von politischer Hoffnung die Opposition der türkischen Gesellschaft bietet. Um es noch deutlicher zu sagen: Was heute in der CHP diskutiert wird, ist die Reproduktion der politischen Legitimität und nicht die Führung.
Die mehr als zwanzigjährige Herrschaft der AKP lässt sich nicht allein mit der Staatsmacht erklären. Die Regierung wird auch von den Blockaden gespeist, die die Opposition in sich selbst erzeugt hat.
Das Bild einer Opposition, die sich ständig intern streitet, die ihre Energie eher für organisationsinterne Kämpfe als für die Gesellschaft aufwendet, die ihre eigene Legitimität ständig in Frage stellt, wird zum größten politischen Vorteil der Regierung.
Die Krise der CHP ist also nicht einfach ein “Kongressproblem”.
Die Frage ist folgende:
Warum gelingt es der Opposition nicht, ein dauerhaftes Vertrauensverhältnis in der Gesellschaft aufzubauen?
Denn die Gesellschaft will nicht mehr nur, dass sich die Regierung ändert. Sie fordert auch einen Wandel in der Sprache, der Ethik und der Organisation der Politik.
Genau aus diesem Grund steht Kemal Kılıçdaroğlu nicht vor einer gewöhnlichen politischen Entscheidung, sondern vor einer historischen Schwelle.
Diese Schwelle ist größer als die Frage, ob man wieder kandidieren soll oder nicht.
Die eigentliche Frage ist, ob die CHP über persönliche Führungsdebatten hinausgehen kann.
Die Politik in der Türkei ist seit langem in führerzentrierten Strukturen verhaftet. Parteien auf der Rechten wie auf der Linken sind eher durch die Loyalität der Führer als durch Organisationsstrukturen geprägt. Da sich die Führungspersönlichkeiten nicht ändern, können die Organisationen nicht erneuert werden; da die Organisationen nicht erneuert werden können, kann die Gesellschaft nicht wieder mit der Politik verbunden werden.
Die Folgen sind schwerwiegend:
Jede Forderung nach Veränderung verwandelt sich von einem demokratischen Wandel in einen Vernichtungskrieg.
Der Anspruch sozialdemokratischer Politik ist jedoch genau das Gegenteil.
Linke Politik basiert auf der Beständigkeit von Institutionen, nicht von Individuen.
Sie basiert nicht auf dauerhaften Führungspersönlichkeiten, sondern auf einer nachhaltigen politischen Kultur.
Daher wird die Botschaft, die Kılıçdaroğlu heute verkünden wird, nicht nur über das interne Gleichgewicht der CHP, sondern auch über die Zukunft der Opposition entscheiden.
Seine Erklärung, dass er die Parteiverwaltung nicht als einen Bereich persönlicher Macht betrachtet und dass die CHP auf einem völlig legitimen und transparenten Kongress an neue Kader übergeben wird, ist nicht nur eine parteiinterne Entscheidung.
Dies bedeutet, dass die politische Reife wiederhergestellt werden muss, die in der Türkei lange Zeit fehlte.
Denn echte Führung besteht manchmal nicht darin, die Nase vorn zu haben, sondern darin, durch Rückzug politischen Raum zu schaffen.
Das Grundproblem der Türkei ist genau hier angesiedelt:
Die Politik bringt ständig “Führer hervor, die nicht aufgeben können”.
Deshalb wachsen Parteien nicht, sondern ziehen nur Kreise.
Die Gesellschaft verliert allmählich die Hoffnung auf Veränderung.
Was die CHP heute braucht, ist kein neuer Retter.
Ein neues politisches Terrain,
eine neue Sprache der Legitimität
und ein neues Organisationsethos.
Denn es geht nicht mehr nur um die Frage, wer die CHP führen wird.
Die eigentliche Frage ist, wie die Politik in der Türkei geführt wird.
