Die größte Illusion der Moderne ist der Glaube, dass die Macht dem Einzelnen gehört. In der heutigen Ordnung beherrschen jedoch nicht die Menschen das System, sondern das System reproduziert meist die Menschen durch Ämter. Namen wechseln, Parteien wechseln, Verwalter wechseln, aber die Reflexe der Macht bleiben dieselben.
Denn unser Zeitalter ist nicht mehr das Zeitalter der Individuen, sondern das der Sitze.
In der Vergangenheit war die Macht in Palästen sichtbar. Könige regierten, Dynastien regierten. Heute existiert die Macht in einer stärker institutionalisierten, technischen und unsichtbaren Struktur. An die Stelle der Throne sind Amtsstuben getreten, an die Stelle der Dynastien bürokratische Netze, an die Stelle der absoluten Monarchien zentralisierte Verwaltungsmechanismen. Aber das Wesen hat sich nicht verändert.
Die Autorität ist nach wie vor im Zentrum angesiedelt.
Die Verantwortung wird auf die Umwelt übertragen.
Aus diesem Grund wird in modernen Systemen der Erfolg schnell vereinnahmt, während der Misserfolg ständig anonymisiert wird. Wenn die Wirtschaft wächst, setzt die Regierung ihren Willen durch; wenn eine Krise eintritt, wird die Schuld auf die globalen Märkte, frühere Verwaltungen, die Bürokratie oder externe Akteure geschoben. In dem Maße, in dem die Macht zentralisiert wird, schwächt sich die Kultur der Rechenschaftspflicht ab.
Das grundlegende Paradoxon der Politik beginnt genau hier:
Die Macht neigt dazu, zu dem zu werden, was sie kritisiert.
Strukturen, die Freiheit fordern, wenn sie in der Opposition sind, fangen an, Kritik als Bedrohung zu sehen, wenn sie an die Macht kommen.
Die Kader, die mit dem Verdienstdiskurs aufsteigen, stellen ihre eigenen Kreise mit der Zeit in den Mittelpunkt des Systems.
Wenn Macht erlangt wird, wird die Forderung nach Gerechtigkeit oft zur Sprache des Privilegs.
Denn Autorität ist nicht nur ein Bereich der Verwaltung, sondern auch ein psychologisches und soziologisches Klima, das das menschliche Verhalten verändert.
Die Menschen beginnen oft, nicht ihre eigenen Ideen zu verteidigen, sondern die Reflexe ihrer Position. Nach einiger Zeit wird die Grenze zwischen Person und Amt verwischt. Entscheidungen werden nicht nach dem Gewissen des Einzelnen getroffen, sondern aus Sorge um die institutionelle Kontinuität. So formt das System im Laufe der Zeit selbst die Akteure, die es kritisieren, innerhalb seiner eigenen Logik um.
Dies ist nicht nur in der Politik der Fall, sondern in allen Bereichen, vom Sportmanagement bis zu den Unternehmensstrukturen.
In einem Fußballverein bestimmen die Manager eine erfolglose Transferpolitik, aber die Rechnung für die erfolglose Saison wird dem Trainer oder den Fußballern zugeschoben. In Unternehmen zahlen die Mitarbeiter den Preis für falsche strategische Entscheidungen, indem sie entlassen werden, während die Vorstände im Amt bleiben. In bürokratischen Strukturen werden die Bürger auf der Suche nach einer Lösung ständig an einen anderen Schreibtisch verwiesen. Die Autorität ist sichtbar, aber wer die Verantwortung trägt, ist unklar.
Dies ist eine der tiefsten Krisen der modernen Gesellschaft:
Die Entscheidungsbefugnis nimmt zu, während die Rechenschaftspflicht abnimmt.
Aus diesem Grund existieren die Menschen in unserer Zeit zunehmend mit ihren Titeln und nicht mehr mit ihren Identitäten. Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Personen zunimmt, die ihren Einfluss verlieren, wenn sie aus dem Amt scheiden, und deren Stimmen in Vergessenheit geraten, wenn sie ihren Sitz verlassen. Denn das System bringt eher Akteure hervor, die die institutionelle Kontinuität bewahren, als Personen mit Charakter.
In Wirklichkeit hat sich nur die Form der Macht geändert.
Keine Logik.
Die Könige von gestern sprachen “im Namen Gottes”.
Die heutigen Machthaber sprechen im Namen des “Staates”, der “Institution”, des “nationalen Interesses” oder des “Systems”.
Die Gemeinsamkeiten sind jedoch in allen Epochen dieselben:
Eigentum an der Behörde,
und das ständige Hinausschieben der Verantwortung.
Vielleicht ist das der Grund, warum der moderne Mensch eine immer größere Entfremdung erfährt. Denn mit der Zeit beginnt der Einzelne, die Identität der Behörde zu tragen, in der er sich befindet, und nicht mehr sein eigenes Selbst. Das System repräsentiert nicht den Menschen; der Mensch wird zu einer Erweiterung des Systems.
Und am Ende ist niemand mehr da.
Es gibt nur den Sitz.
Das Selbst ist tot.
Es ist der lebende Stuhl.
