HALKWEBPolitikDie AKP ist eine Katastrophe – Artikelserie 2

Die AKP ist eine Katastrophe – Artikelserie 2

Was verliert ein Land, wenn die Gerechtigkeit verloren geht?

Wann beginnt ein Land zu verarmen?

Die meisten Antworten auf diese Frage sind wirtschaftlicher Natur.

Hohe Inflation.

Arbeitslosigkeit.

Schulden.

Geringes Einkommen.

Dabei ist das, was ein Land in den Ruin treibt, meist gar nicht wirtschaftlicher Natur.

Das ist Gerechtigkeit.

Denn Gerechtigkeit ist nicht nur der Name für die Urteile, die in Gerichtssälen gefällt werden.

Gerechtigkeit ist die Grundlage für das Vertrauen der Menschen in die Zukunft.

Wenn ein Bürger glaubt, dass er vor Gericht zu seinem Recht kommt, herrscht dort Rechtsstaatlichkeit.

Wenn ein Unternehmer bei einer Investition davon ausgehen kann, dass sich die Regeln nicht willkürlich ändern, dann herrscht dort Rechtsstaatlichkeit.

Wenn ein Journalist seine Meinung äußern kann, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, was ihm dabei widerfahren könnte, dann herrscht dort Rechtsstaatlichkeit.

Gerechtigkeit ist nicht nur eine Angelegenheit für Juristen.

Das ist eine Angelegenheit, die die gesamte Gesellschaft betrifft.

Denn wenn die Gerechtigkeit verloren geht, sind nicht nur die Prozessparteien die Verlierer.

Das ganze Land verliert dabei.

In der Geschichte der Republik Türkei war die Justiz nie völlig frei von Kontroversen.

Zu verschiedenen Zeiten wurden unterschiedliche Kritikpunkte vorgebracht.

Es wurde über politische Einmischungen gesprochen.

Gerichtsurteile wurden hinterfragt.

Die Veränderungen der letzten dreiundzwanzig Jahre haben jedoch den Charakter der Debatte verändert.

Es geht nicht mehr nur darum, ob bestimmte Entscheidungen richtig oder falsch sind.

Das Problem besteht darin, dass weite Teile der Gesellschaft beginnen, sich zu fragen, ob die Justiz tatsächlich unabhängig ist.

Für einen Rechtsstaat ist dies ein unübersehbares Alarmsignal.

Denn Gerichte sorgen nicht nur für Gerechtigkeit.

Es schafft Vertrauen.

Manchmal akzeptieren Menschen sogar Entscheidungen, die ihnen nicht gefallen.

Warum?

Denn sie glauben, dass die Entscheidung unabhängig getroffen wurde.

Genau darin liegt die Kraft der Gerechtigkeit.

Nicht, weil es alle zufriedenstellt, sondern weil es für alle gleichermaßen gilt.

Wenn dieses Vertrauen jedoch erschüttert wird, scheint das System zwar noch zu funktionieren, verliert aber zunehmend an Legitimität.

Dies ist eines der grundlegenden Probleme, mit denen die Türkei heute konfrontiert ist.

Man muss sich nicht unbedingt große Fälle ansehen, um zu verstehen, warum Gerechtigkeit wichtig ist.

Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag reicht aus.

Ein Bürger kauft ein Haus.

Er bezahlt.

Er erhält die Eigentumsurkunde.

Als Jahre später ein Streit um das Eigentumsrecht aufkam, ging er vor Gericht.

Wenn man darauf vertraut, dass die eigenen Rechte nicht nach politischer Macht, Reichtum oder Einfluss, sondern nach dem Gesetz geschützt werden, herrscht in diesem Land Vertrauen.

Wenn er jedoch glaubt, dass nicht die Gerechtigkeit, sondern die Macht den Ausgang bestimmt, verliert er nicht nur den Prozess.

Er beginnt auch, sein Vertrauen in den Staat zu verlieren.

Genau darin liegt die unsichtbare Wirkung der Gerechtigkeit auf die Gesellschaft.

Unabhängig vom Inhalt der gerichtlichen Urteile fällt es einem bedeutenden Teil der Gesellschaft schwer, Vertrauen in die Prozesse zu haben, die diesen Urteilen zugrunde liegen.

Dies ist nicht nur ein rechtliches, sondern auch ein wirtschaftliches Problem.

Denn Kapital braucht Vertrauen.

Investoren brauchen Vertrauen.

Ein Unternehmer braucht Vertrauen.

Wenn das Recht in einem Land nicht vorhersehbar ist, ist auch die wirtschaftliche Zukunft nicht vorhersehbar.

Daher ist es nicht das einzige gemeinsame Merkmal der weltweit am weitesten entwickelten Volkswirtschaften, dass sie Technologie produzieren.

Das liegt daran, dass sie über starke Rechtssysteme verfügen.

Wenn Gerichtsurteile im Schatten politischer Debatten stehen, schwächt dies nicht nur das Gerechtigkeitsempfinden, sondern auch die wirtschaftliche Dynamik.

Ein weiteres Beispiel ist ein gewöhnlicher Handwerker.

Er eröffnet ein Geschäft.

Er investiert.

Er nimmt einen Kredit auf.

Es funktioniert.

Er zahlt seine Steuern.

Wenn er jedoch nicht abschätzen kann, wie die Regeln morgen angewendet werden, kann er nicht zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Denn Menschen investieren nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern auch, weil sie darauf vertrauen, dass die Regeln für alle gleichermaßen gelten.

Wo es keine Gerechtigkeit gibt, steigt das Risiko.

Wenn das Risiko steigt, gehen die Investitionen zurück.

Wenn die Investitionen zurückgehen, schwindet nicht nur die Wirtschaftskraft, sondern auch das Vertrauen der Gesellschaft in die Zukunft.

Der Verlust der Gerechtigkeit hinterlässt jedoch tiefere Wunden als die Wirtschaft.

Das verletzt das Gewissen der Gesellschaft.

Wenn die Menschen anfangen zu glauben, dass der Unterschied zwischen Recht haben und Macht ausüben verschwunden ist, beginnt ein großer moralischer Niedergang.

An diesem Punkt beginnen die Menschen, sich nicht mehr auf Regeln, sondern auf Beziehungen zu verlassen.

Nicht auf das Recht, sondern auf Beziehungen.

Nicht nach Leistung, sondern nach Nähe.

Dies untergräbt nicht nur den Staat, sondern auch die gesellschaftliche Moral.

Wenn die Kinder eines Landes beim Heranwachsen ihren Gerechtigkeitssinn verlieren, werden auch die Bürger der Zukunft unvollständig erzogen.

Denn Gerechtigkeit ist kein Schulfach.

Das lernt man durch eigene Erfahrung.

Die Menschen erkennen, was Gerechtigkeit ist, indem sie darauf achten, wie der Staat sie behandelt.

Was die Türkei heute braucht, sind keine neuen Slogans.

Es geht auch nicht darum, neue Feinde zu schaffen.

Was wir brauchen, ist, dass wieder Vertrauen in das Recht entsteht.

Es ist nicht jedem möglich, den Entscheidungen der Gerichte zuzustimmen.

Es ist jedoch möglich, dass jeder glaubt, diese Entscheidungen seien unabhängig getroffen worden.

Genau hier beginnt der wahre Rechtsstaat.

Gerechtigkeit ist kein Schmuckstück des Staates.

Das ist grundlegend.

Wenn das Fundament nachgibt, ist das Gebäude selbst dann gefährdet, wenn es noch zu stehen scheint.

Eine der größten Herausforderungen für die Türkei besteht darin, nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Gerechtigkeitsempfinden wiederherzustellen.

Denn wenn die Gerechtigkeit verloren geht, verliert man nicht nur Rechtsstreitigkeiten.

Das Vertrauen geht verloren.

Die Verdienste gehen verloren.

Die Investition geht verloren.

Das gesellschaftliche Gewissen geht verloren.

Und schließlich geht die Zukunft eines Landes verloren.

Hakan URUN

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