Der Ausdruck “verdeckter Kılıçdaroğlu-Anhänger”, den Mine Kırıkkanat für Kemal Kılıçdaroğlu verwendet hat, ist nicht als bloßer “Versprecher” oder als momentaner Wutausbruch abzutun. Dieser Ausdruck ist eine aktuelle Manifestation einer historisch herabwürdigenden, ausgrenzenden und identitätsbezogenen Redeweise. Es geht also nicht nur um den fehlerhaften Beitrag einer Journalistin, sondern um die Denkweise, die hinter diesem Beitrag steht, und die Haltung, die danach an den Tag gelegt wurde.
Aus journalistisch-ethischer Sicht liegen hier zwei separate Verstöße vor. Der erste ist offensichtlich: Ein Journalist verwendet eine Sprache, die die von ihm ins Visier genommene Person mit ethnischen oder historischen Assoziationen stigmatisiert. Dies überschreitet die Grenzen der Kritik und grenzt direkt an den Versuch der Diskreditierung. Der zweite Verstoß ist tiefgreifender: Die auf diese Äußerung folgende sogenannte “Entschuldigung” versucht, den Fehler zu relativieren, anstatt ihn wirklich einzugestehen.
Eine Entschuldigung verliert ihren Wert, sobald sie den Fehler herunterspielt. Wenn nicht klar anerkannt wird, warum die verwendete Sprache problematisch ist, keine klare Verantwortung übernommen wird und auf klassische Ausflüchte wie “Ich wurde missverstanden” oder “Das war nicht meine Absicht” zurückgegriffen wird, ist das keine Korrektur mehr, sondern eine Verteidigung. Und wenn der Verteidigungsreflex die ethische Verantwortung übertrumpft, kann Vertrauen nicht wiederhergestellt werden.
An dieser Stelle wird die Haltung der Zeitung Cumhuriyet ebenso umstritten wie der Vorfall selbst. Der vage Ton der Erklärung der Zeitung vernebelt die Angelegenheit, anstatt sie in einen klaren ethischen Rahmen zu stellen. In solchen Fällen besteht die Aufgabe von Medienunternehmen nicht darin, ihre Mitarbeiter bedingungslos zu verteidigen, sondern berufliche Grundsätze klar darzulegen. Denn Journalismus ist ein Bereich, der nicht auf persönlicher Loyalität, sondern auf öffentlicher Verantwortung beruht.
Dass eine Zeitung wie Cumhuriyet, die historisch mit bestimmten Werten verbunden ist, sich nicht klar von einer solchen Äußerung distanzieren kann, ist nicht nur ein Fehler in der Krisenkommunikation. Dies ist zugleich ein Zeichen dafür, inwieweit die institutionelle Identität erodiert ist. Aus Sicht der Leser ist das Bild klar: Wird das Prinzip gewahrt oder die Person?
Auch die politische Dimension dieses Vorfalls darf nicht außer Acht gelassen werden. Der politische Diskurs in der Türkei ist schon seit langem von einer harschen, polarisierenden und oft ausgrenzenden Tonart geprägt. Wenn Journalisten diese Sprache reproduzieren oder gar legitimieren, verengt dies den Raum für öffentliche Debatten noch weiter. Denn ein Journalist ist kein politischer Akteur – zumindest sollte er das nicht sein. Seine Rolle besteht darin, ebenso sehr Abstand zu wahren wie zu kritisieren, ebenso sehr zu hinterfragen wie eine saubere Sprache zu pflegen.
Das eigentliche Problem ist hier weniger der Fehler selbst als vielmehr die Beziehung, die zu diesem Fehler aufgebaut wird. Wenn ein Journalist das Problem seiner Wortwahl nicht wirklich begreift, wird die Entschuldigung zu einer reinen Formalität. Wenn eine Institution diese Situation nicht offen als Problem thematisiert, werden ihre ethischen Maßstäbe in Frage gestellt. Und wenn der Leser in diesem Prozess nicht überzeugt wird, wird der Vertrauensverlust dauerhaft.
Letztendlich ist dieser Vorfall zu lehrreich, um ihn als bloßen Ausrutscher oder unglückliche Äußerung abzutun. Denn er macht uns eines deutlich: In der Journalistik eskalieren Krisen nicht durch Fehler, sondern dadurch, wie man zu diesen Fehlern steht. Und manchmal richtet eine Entschuldigung, gerade weil sie keine echte Entschuldigung ist, mehr Schaden an als der begangene Fehler.
