HALKWEBAutorenHunger hat keine Religion, Armut hat keine Heimat

Hunger hat keine Religion, Armut hat keine Heimat

Hunger ist kein Schicksal, er ist eine Wahl. Und diese Wahl ist die Wahl der globalen Mächte.

0:00 0:00

In unserer Zeit ist der Hunger keine menschliche Tragödie mehr, sondern ein politisches Phänomen, das von der globalen Ordnung bewusst erzeugt, gesteuert und aufrechterhalten wird. Jeder Ansatz, der immer noch versucht, Hunger durch Schicksal, Kultur, Glauben oder individuelle Unzulänglichkeiten zu erklären, ist entweder das Produkt von Unwissenheit oder eine ideologische Partnerschaft mit der Macht. Die wissenschaftlichen Daten, die Wirtschaftspolitik und die historischen Erfahrungen sind eindeutig: Hunger ist weder natürlich noch unvermeidlich; er ist die logische Folge einer bestimmten wirtschaftlichen und politischen Ordnung.

Die Welt stirbt nicht an Hunger, sondern daran, dass sie nicht geteilt wird

Die Weltbevölkerung beträgt heute etwa acht Milliarden Menschen. Davon leiden mindestens 800 Millionen Menschen an chronischem Hunger, und etwa 2,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu regelmäßiger und gesunder Nahrung. Fast ein Drittel der Menschheit ist nicht ausreichend ernährt. Es ist ein wissenschaftlicher Trugschluss, dieses Bild mit einem Mangel an Ressourcen zu erklären. Denn in der gleichen Welt gibt es eine noch nie dagewesene Konzentration von Wohlstand und Einkommen.

Die Geografie des Reichtums bestimmt die Karte des Hungers

Etwa 60-65 % des weltweit erwirtschafteten Gesamteinkommens konzentrieren sich in den Händen der reichsten 10 % der Bevölkerung. Die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung leben dagegen von nur 8-10 Prozent des Gesamteinkommens. Das reichste 1 Prozent der Weltbevölkerung kontrolliert etwa 45-50 Prozent des globalen Reichtums. Die 10 reichsten Menschen besitzen mehr als das gesamte Vermögen der ärmsten 3,5 Milliarden Menschen auf dem Planeten. Diese Situation lässt sich nicht durch individuellen Erfolg oder harte Arbeit erklären, sondern ist das mathematische Ergebnis eines systematischen Vermögenstransfers nach oben. Hunger entsteht nicht durch den Überfluss der Armen, sondern dadurch, wer das Geld hat.

Das Problem ist das Eigentum, nicht die Produktion

Die wissenschaftlichen Daten sind eindeutig: Die Welt kann mit ihrer derzeitigen landwirtschaftlichen Produktionskapazität problemlos die gesamte Menschheit ernähren. Dennoch werden jedes Jahr etwa 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Diese Menge reicht aus, um alle hungernden Menschen auf der Welt um ein Vielfaches zu ernähren. Das Problem liegt nicht in der Produktion, sondern in den Eigentumsverhältnissen, Verteilungsmechanismen und der profitorientierten Wirtschaftsordnung. Sobald Lebensmittel nicht mehr ein Menschenrecht sind, sondern zu einer an der Börse gehandelten Ware werden, wird der Hunger zu einem “natürlichen” Ergebnis des Systems.

Hunger ist eine Kriegswaffe: Gaza

Der Hunger in Gaza ist eines der nackten und härtesten Beispiele für diese Ordnung. Der Hunger ist hier keine Begleiterscheinung, sondern eine direkte Kriegsstrategie. Nahrungsmittel, Wasser und Elektrizität werden als militärische Mittel eingesetzt; das Aushungern ist nach dem Völkerrecht ein eindeutiges Kriegsverbrechen, das jedoch von den westlichen Staaten entweder durch Schweigen oder de facto durch Unterstützung legitimiert wird. Die Vereinten Nationen veröffentlichen Berichte, äußern ihre tiefe Besorgnis, verhängen aber keine Sanktionen. Das liegt daran, dass die UNO durch den Veto-Mechanismus der mächtigen Staaten politisch gelähmt ist und eher zu einer geopolitischen als zu einer moralischen Institution geworden ist.

Jemen: Rüstungsprofite, Kinderfriedhöfe

Das Verhungern von Millionen von Menschen im Jemen ist keine “humanitäre Krise”, sondern eine systematische Zerstörung, die durch den globalen Waffenhandel angeheizt wird. Die hungernden Kinder im Jemen sind in den Bilanzen der Rüstungskonzerne unsichtbar, aber ihr Fehlen wird als akzeptable Kosten für das System angesehen. Auch hier wird der Hunger nicht gelöst, sondern verwaltet, gemeldet und normalisiert.

Afrika: Nicht die Natur, der Imperialismus

Der Hunger auf dem afrikanischen Kontinent wird oft mit Rückständigkeit oder klimatischen Bedingungen erklärt. Die Wahrheit ist jedoch die folgende: Afrikas Bodenschätze und landwirtschaftliche Ressourcen werden seit Jahrhunderten ausgebeutet, und die auf ein einziges Produkt für multinationale Konzerne fixierte Wirtschaft treibt die Menschen in den Hunger. In Afrika, das etwa 17 Prozent der Weltbevölkerung beherbergt, leben mehr als 25 Prozent der weltweit hungernden Bevölkerung. Dieses Bild ist kein Problem der Natur, sondern das direkte Ergebnis der imperialistischen politischen Ökonomie.

DER IWF: Institutioneller Architekt der Armut

Die Armut in Südamerika wurde durch Militärputsche, IWF-Programme und Privatisierungsmaßnahmen verschärft. Die vom IWF unter dem Namen “Strukturanpassung” auferlegte Politik hat zu Kürzungen der öffentlichen Ausgaben, zur Abschaffung der Agrarsubventionen, zur Auflösung des Wohlfahrtsstaates und zur Prekarisierung der Arbeit geführt. Wissenschaftliche Studien sind eindeutig: In Ländern, in denen IWF-Programme umgesetzt wurden, hat die Einkommensungleichheit zugenommen, die Ernährungssicherheit wurde geschwächt und die Armut wurde dauerhaft. Trotzdem hält der IWF den Diskurs der “Stabilität” aufrecht. Die einzige Stabilität, die er bietet, ist die Stabilität des Kapitals.

Die Hilfsindustrie: Die Vermarktung des Gewissens

Organisationen wie UNICEF sammeln mit Fotos von hungernden Kindern Spenden, stellen aber die globale Ordnung, die den Hunger produziert, nicht in Frage. Kinderarmut wird von einer Rechtsverletzung zum Objekt emotionaler Kampagnen. Das hungernde Kind ist kein Bürger, es ist ein Plakat. Dies ist eine ideologische Praxis, keine humanitäre, und sie dient der Rechtfertigung des Systems.

Hunger im Zentrum des Kapitalismus

In den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Zentrum des Kapitalismus, sind Millionen von Menschen obdachlos; Lebensmittelbanken und Warteschlangen für Hilfsgüter sind alltäglich geworden. Wenn es im reichsten Land der Welt eine Hunger- und Wohnungskrise gibt, ist der Bankrott der neoliberalen Ordnung unbestreitbar. Trotzdem behandeln die Vereinten Nationen und die Weltbank die Armut immer noch als ein “kontrollierbares” Problem. Denn es geht nicht darum, den Hunger zu beenden, sondern die Ordnung aufrechtzuerhalten, ohne sie in Frage zu stellen.

Türkei: Regime der Wohltätigkeit

Die Türkei ist von diesem globalen Bild nicht ausgenommen. Die IWF-Politik wird ohne den IWF umgesetzt, Arbeit wird unterdrückt und Armut wird mit einem Regime der Wohltätigkeit verwaltet. Während die sozialen Rechte abgebaut werden, wird die Armut mit religiösen und nationalen Diskursen legitimiert; der Hunger wird als individuelles Schicksal dargestellt. Die wissenschaftliche Realität ist jedoch eindeutig: Armut ist strukturell, nicht individuell; Hunger ist politisch, nicht moralisch.

Die Lösung ist eine Änderung der Ordnung, nicht der Hilfe

Wer hier schweigt, billigt diese Ordnung. Der Kampf gegen den Hunger ist nicht durch Hilfskampagnen möglich, sondern durch die Aufarbeitung der Machtverhältnisse. Die wahre Lösung liegt nicht in humanitären Hilfspaketen, sondern in einer öffentlichen, egalitären und auf Rechten basierenden Wirtschaftsordnung. Nahrung und Unterkunft müssen als grundlegende Menschenrechte anerkannt werden, die nicht der Gnade des Marktes überlassen werden dürfen. Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion müssen in die öffentliche Planung einbezogen werden, Kleinerzeuger müssen geschützt und die Vorherrschaft der multinationalen Agrarmonopole gebrochen werden. Übermäßiger Reichtum muss durch eine Vermögenssteuer und eine progressive Einkommenssteuer kontrolliert werden; die öffentlichen Mittel müssen an die Gesellschaft und nicht an das Kapital weitergeleitet werden. Die vom IWF und ähnlichen Institutionen auferlegte Sparpolitik muss abgelehnt werden; der Sozialstaat muss wieder aufgebaut werden. Der Mindestlohn muss auf das Niveau eines existenzsichernden Lohns angehoben werden; die Arbeitssicherheit muss zu einem allgemeinen Recht werden. Auf internationaler Ebene müssen Sanktionsmechanismen gegen diejenigen eingeführt werden, die den Hunger als Kriegsinstrument einsetzen; das Vetosystem der Vereinten Nationen muss demokratisiert werden.

Zahlen lügen nicht

An dieser Stelle ist es notwendig, die Diskussion von abstrakten Appellen an die Moral wegzuführen und in konkreten Zahlen zu sprechen. Nach Berechnungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen und des Welternährungsprogramms werden jährlich etwa 40-50 Milliarden Dollar an zusätzlichen Mitteln benötigt, um den chronischen Hunger in der Welt vollständig auszurotten. Gleichzeitig beläuft sich das weltweite Gesamtvermögen auf etwa 450 Billionen Dollar, von denen etwa 45-50 Prozent, also 200-225 Billionen Dollar, nur von den reichsten 1 Prozent der Weltbevölkerung gehalten werden. Etwa 2 Billionen Dollar, was nur 1 Prozent des Vermögens dieser Gruppe entspricht, reichen nach den heute bekannten Berechnungen aus, um den gesamten chronischen Hunger in der Welt für Jahrzehnte zu beseitigen. Selbst eine 0,25-prozentige Vermögenssteuer auf das reichste 1 Prozent würde etwa 500 Milliarden Dollar einbringen, genug, um den Hunger in der Welt für mindestens zehn Jahre zu beenden. Eine dauerhafte Vermögenssteuer für Superreiche in Höhe von 2 bis 3 Prozent auf globaler Ebene würde jedes Jahr 4 bis 6 Billionen Dollar an öffentlichen Mitteln einbringen, was ausreicht, um nicht nur den Hunger, sondern auch die extreme Armut und die unsichere Grundversorgung mit Lebensmitteln historisch zu beenden. Der Hunger ist also kein unlösbares menschliches Problem, sondern die direkte Folge der politischen Entscheidung, den Reichtum unangetastet zu lassen.

Hunger und Fettleibigkeit: Zwei Gesichter desselben Systems

Aber die Fäulnis des globalen Systems hört damit nicht auf. Während die Menschen vor Hunger sterben, hat sich die “Adipositas- und Abnehmindustrie” zu einem Markt von nie dagewesener Größe entwickelt. Heute beläuft sich das jährliche Gesamtbudget, das weltweit für Diätprodukte, Schlankheitsmittel, Schönheitsoperationen, die Fitnessindustrie und den Markt des “gesunden Lebens” ausgegeben wird, auf etwa 400-500 Milliarden Dollar. Allein das Volumen des Marktes für Schlankheitsmittel und Nahrungsergänzungsmittel übersteigt 150 Milliarden Dollar. Diese Summe entspricht fast dem Zehnfachen der jährlichen Mittel, die zur Beseitigung des chronischen Hungers in der Welt benötigt werden.

Auf der einen Seite versuchen die Menschen abzunehmen, indem sie Milliarden für überschüssige Kalorien ausgeben, während auf der anderen Seite Millionen von Menschen sterben, weil sie keinen Zugang zu einer einzigen Mahlzeit haben. Dies ist kein “Widerspruch”, sondern die bewusste Organisation des Kapitalismus. Ein und dasselbe System produziert sowohl Fettleibigkeit als auch Hunger. Denn es geht nicht um die Gesundheit, sondern um den Profit; es geht nicht um das Leben, sondern um den Marktwert. Wenn Lebensmittel über den Bedarf hinaus konsumiert werden, entsteht ein neuer Sektor; wenn sie für die Armen unzugänglich gemacht werden, entsteht Schweigen.
Der Kapitalismus sieht den hungernden Körper nicht, aber er sieht den übergewichtigen Körper als “Markt”. Hunger ist eine Schande, er wird versteckt; Fettleibigkeit wird zu einer Ware und vermarktet. Auf diese Weise verwaltet das System Armut und Überkonsum zur gleichen Zeit.

Letztes Wort

Die Schlussfolgerung ist klar und unbestreitbar. Hunger hat keine Religion, denn Hunger hat nichts mit Theologie zu tun, sondern mit Wirtschaft. Die Armut hat keine Heimat, denn das Kapital kennt keine Nation, keine Grenzen. Der Hunger wird erst enden, wenn sich diese Ordnung ändert. Und diese Ordnung kann nur durch einen organisierten, bewussten und politischen Kampf geändert werden.

Denn der Hunger kann nicht warten.
Denn Armut wird nicht durch Geduld besiegt, sondern durch Politik.

ANDERE SCHRIFTEN DES AUTORS