Ketten sind nicht mehr aus Eisen gefertigt. Sie hinterlassen keine Spuren an den Handgelenken oder tragen einen Ring um den Hals. Aber sie existieren. Ketten, von denen man denkt, dass es sie nicht gibt, weil sie unsichtbar sind, Ketten, die verleugnet werden, weil sie nicht benannt werden... Hier beginnt die moderne Sklaverei von heute.
Der Sklave von einst kannte seinen Herrn. Er wusste, wem er diente und von wem er ausgebeutet wurde. Die Menschen von heute nennen ihren Chef “Arbeitgeber” und sich selbst “freier Arbeiter”. Aber die Realität hat sich nicht geändert, nur die Sprache hat sich geändert. Die Ausbeutung hat einen höflicheren Namen für sich gefunden.
Millionen von Menschen, die in aller Herrgottsfrühe aufstehen, ihren Tag den Zielen anderer widmen und sich abends vor Erschöpfung nicht einmal mehr selbst ertragen können... Menschen, die ihr Leben aufgeben, um über die Runden zu kommen... Und dennoch eine Gesellschaft, der man immer noch rät, “dankbar” zu sein.
Die moderne Sklaverei funktioniert nicht durch Aushungern, sondern dadurch, dass sie keine vollständige Sättigung zulässt. Man ist weder völlig hungrig noch wirklich satt. Es fehlt immer ein bisschen, man ist immer ein bisschen verschuldet, immer ein bisschen unfähig, aufzuholen... Denn das System weiß es: Ein satter Mensch stellt Fragen, während ein unvollständig gebliebener Mensch sich nur auf das Überleben konzentriert.
Heute sind Kreditkarten, Konsumrausch und das Schuldensystem die neuen Glieder der Kette. Die Menschen leben nicht mehr, um zu arbeiten, sie arbeiten, um ihre Schulden zu bezahlen. Freiheit ist nicht mehr das Recht zu wählen, sondern sie ist zu einem Feststecken zwischen Optionen geworden.
Noch auffälliger ist dies:
Diese Ordnung sagt den Menschen, dass sie gleich sind.
Menschen, die das gleiche Einkaufszentrum betreten, die gleiche Werbung sehen und die gleichen Träume träumen, denken, dass sie gleich sind. Doch der eine schaut sich das Schaufenster an, der andere kauft. Der eine lebt, der andere schaut nur zu. Aber beiden wird das gleiche Märchen erzählt: “Wenn du hart arbeitest, kannst auch du Erfolg haben.”
So wird die Hoffnung zum mächtigsten Werkzeug des Systems.
Eine Ordnung, die von der Wahrscheinlichkeit lebt, nicht von der Realität...
Die moderne Sklaverei versklavt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Die Menschen tragen ihre Ketten nicht mehr, sie verteidigen sie. Sie legitimieren sogar die Ketten der anderen. Denn alles andere würde bedeuten, sich mit den eigenen Realitäten zu konfrontieren.
Das Traurigste daran ist Folgendes:
Niemand nennt sich selbst einen Sklaven.
Alle sind müde, aber niemand fragt, warum. Alle kommen nicht miteinander aus, aber die Schuld liegt bei ihnen selbst. Das System funktioniert weiter, als ob es perfekt wäre.
Die modernen Sklaven von heute leben, ohne zu wissen, wer ihre Herren sind.
Und vielleicht ist das der Grund, warum heute die größte Ausbeutung der Geschichte stattfindet.
Denn dieses Mal sind die Ketten nicht sichtbar.
