Was heute in der CHP geschieht, lässt sich nicht als gewöhnliche parteiinterne Auseinandersetzung abtun. Die Haltung gegenüber Kemal Kılıçdaroğlu, der jahrelang den Vorsitz der Partei innehatte und die Unterstützung von Millionen von Bürgern genoss, macht deutlich, wie sehr politische Höflichkeit und demokratische Kultur erodiert sind.
Die Übernahme der Kontrolle über den Parteisaal durch eine bestimmte Gruppe, die “Verräter Kemal”-Rufe an den Türen und der Ausschluss Andersdenkender haben zu Szenen geführt, die mit den Gründungswerten der CHP unvereinbar sind. Es ist nicht hinnehmbar, dass eine politische Partei so rücksichtslos mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihrem eigenen Vorsitzenden und ihrem eigenen institutionellen Gedächtnis umgeht.
Noch auffälliger ist, dass diejenigen, die sich gestern die unter der Führung von Kemal Kılıçdaroğlu erzielten Erfolge auf die Fahnen geschrieben haben, heute versuchen, die Schuld für alle Misserfolge demselben Mann anzulasten. Kritik wird es in der Politik natürlich immer geben. Doch wenn die Grenze zwischen Kritik und Lynchjustiz überschritten wird, ist das Ergebnis nicht Demokratie, sondern Intoleranz.
Die heutigen Ereignisse zeigen, warum die seit Jahren andauernden Diskussionen rund um den 37. Parteitag der CHP noch immer nicht beendet sind. Solange die Vorwürfe bezüglich der Unregelmäßigkeiten beim Parteitag, der Einflussnahme auf die Delegierten und der innerparteilichen Machtkämpfe nicht aufgeklärt sind, scheint ein Ende dieser Diskussionen nicht in Sicht zu sein.
Genau aus diesem Grund geht es hier nicht nur um Kemal Kılıçdaroğlu. Es geht darum, auf welchen Werten Politik aufgebaut werden soll. Wenn Beleidigungen, Ausgrenzung und Diskreditierung in einer Partei zur Normalität werden, gibt es keine Garantie dafür, dass morgen nicht noch härtere Methoden an ihre Stelle treten.
Kemal Kılıçdaroğlu fordert seit Jahren eine saubere Politik und sagt: “Wir werden uns davon befreien.” Er vertritt die Ansicht, dass die Politik von Vetternwirtschaft, Interessenkonflikten und persönlichen Berechnungen befreit werden müsse. Man kann diesem Aufruf zustimmen oder nicht; doch die Forderung nach einer sauberen Politik an sich darf nicht unterschätzt werden.
Heute muss jeder, der sich in der Türkei für Ehrlichkeit, Transparenz und politische Ethik einsetzt, die aktuellen Ereignisse genau unter die Lupe nehmen. Denn es geht um mehr als nur um einzelne Personen. Es geht darum, ob sich die Politik den Grundsätzen oder den Machtkämpfen beugen wird.
Die Geschichte schreibt nicht über diejenigen, die in schwierigen Zeiten schweigen, sondern über diejenigen, die Stellung beziehen, wenn sie Ungerechtigkeit erleben. Deshalb müssen alle, die sich für politische Ethik, Transparenz und eine saubere Politik einsetzen, ihre Stimme erheben. Denn Demokratie kann nur in einem Umfeld gedeihen, in dem unterschiedliche Meinungen frei geäußert werden können und Menschen nicht gegeneinander aufgehetzt werden.
