Eine Äußerung richtet sich manchmal nicht nur gegen eine einzelne Person; sie verletzt auch eine Identität, einen Glauben, ein gesellschaftliches Gedächtnis. Die von Mine G. Kırıkkanat geäußerte Aussage “Kılıçdaroğlu ist ein Schwertabfall” ist genau aus diesem Grund keine gewöhnliche politische Kritik. Diese Äußerung ist nicht mehr nur ein gegen Kemal Kılıçdaroğlu gerichtetes Wort, sondern wird zu einer Sprache, die eine Gemeinschaft berührt und ins Visier nimmt, die historisch Leid erfahren hat: die Aleviten.
Politik lebt von Kritik; Ideen prallen aufeinander, Menschen diskutieren. Doch Kritik hat ihre Ethik und ihre Grenzen. Äußerungen, die sich auf Überzeugungen, Identitäten und historische Traumata stützen, sind keine Kritik, sondern eine andere Form der Spaltung und Herabwürdigung. Ausdrücke wie “Kılıç artığı” (dt. „Klingenschatten“) wecken Erinnerungen an die dunklen Kapitel dieser Region. Jeder Satz, der ohne Kenntnis dessen, was diese Assoziation bedeutet, geäußert wird, ist entweder das Produkt von Unwissenheit oder von bewusster Diskriminierung.
Noch auffälliger ist jedoch, dass einige Persönlichkeiten, die sich selbst als “demokratisch”, “liberal” oder “fortschrittlich” bezeichnen, diese Sprache verwenden können. Dass diejenigen, die jahrelang auf die Stimmen, die Unterstützung und die Präsenz der Aleviten gesetzt haben, um bestimmte Positionen zu erreichen, heute auf einen solchen Diskurs zurückgreifen, ist nicht nur ein Widerspruch, sondern zugleich ein schwerwiegender ethischer Bankrott. Demokratie zeigt sich nicht nur an der Wahlurne, sondern auch in der Sprache, im Verhalten und in der Haltung. Der Anspruch auf “Demokratie” derer, die diese Prüfung nicht bestehen, bleibt nichts weiter als ein leerer Slogan.
Ein weiterer bemerkenswerter Punkt ist die Haltung der Zeitung Cumhuriyet gegenüber dieser Rhetorik. Schweigen ist manchmal die lauteste Stimme. Die spaltende Sprache eines Autors zu ignorieren, bedeutet, ihm indirekt Zustimmung zu geben. Die Presse ist nicht nur dazu verpflichtet, zu berichten, sondern auch, eine ethische Grenze zu wahren. Schweigen, wenn diese Grenze überschritten wird, bedeutet, Teil des Verstoßes zu sein.
Die Aleviten sind kein “Spielball” dieses Landes. Sie sind keine Gemeinschaft, die als Mittel für politische Kalküle oder Polemiken herhalten muss. Wir sprechen hier von einem Volk, das seit Jahrhunderten auf diesem Boden lebt, einen hohen Preis gezahlt hat und versucht, seine Kultur und seinen Glauben zu bewahren. Jeder Satz, der diese Realität außer Acht lässt, schmälert denjenigen, der ihn ausspricht.
Wenn Kritik geäußert wird, dann über die Politik. Über Ideen. Doch jeder Angriff, der sich gegen die Identität richtet, schadet nicht nur demjenigen, der ins Visier genommen wird, sondern auch dem sozialen Frieden. Deshalb muss sich jeder, insbesondere wer die Feder in der Hand hält, der Tragweite seiner Worte bewusst sein.
Denn manche Worte werden nicht nur ausgesprochen; sie hinterlassen Spuren. Und diese Spuren sind oft tiefer, als wir glauben.
