In diesem Land ist der 1. Mai nicht nur der Tag der Demonstranten.
Der Tag derer, die nicht gehen können, derer, die es sich überlegen und dann doch davon absehen, und derer, die innerlich schreien, aber nach außen hin schweigen.
Denn in jedem Menschen sammelt sich etwas an.
Seit Jahren.
Unausgesprochene Worte.
Unterdrückte Wut.
“Einwände, die mit den Worten ”irgendwann einmal“ aufgeschoben wurden.
Man sagt, seit dem Massaker vom 1. Mai 1977 in Taksim habe sich viel verändert.
Aber eines ist immer noch dasselbe:
In diesem Land will die Arbeit zu Wort kommen.
Und er wird immer noch zum Schweigen gebracht.
Manchmal aus Angst.
Manchmal auf Kredit.
Manchmal auch mit diesem bekannten Satz:
“Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt”.”
Aber wann ist es soweit?
Ist der Moment, wenn du nach Schichtende in der Fabrik denkst: “So kann es nicht weitergehen”?
Ist das der Satz, der dir durch den Kopf geht, wenn du mitten in der Nacht im Büro Überstunden machst?
Ist es diese stille Angst, die in einem Bergwerk mit jedem Abstieg ein wenig größer wird?
Deshalb war uns der Streik der Arbeiter von Doruk Maden bekannt.
Denn ihre Geschichte ist nicht anders.
In diesem Streik siehst du dich selbst.
Die Tage, an denen du dich nicht wertgeschätzt fühlst.
Die Momente, in denen du allein bist.
Diese vertraute Leere, in der man deine Stimme nicht hört.
Und genau das tut weh.
Denn in diesem Land ist man nicht nur gegenüber dem Chef auf sich allein gestellt.
Manchmal sind auch diejenigen, die behaupten, ihn zu vertreten, nicht zu sehen.
DİSK, Türk-İş…
Die Namen sind groß. Die Geschichte ist schwerwiegend.
Aber für viele Menschen ist das Gefühl, das sie heute hervorrufen, ein anderes:
Abstand.
Weißt du, was passiert, wenn diese Distanz immer größer wird?
Der Kampf wird immer einsamer.
Die Wut verschließt sich in sich selbst.
Der Protest verstummt.
Aber es verschwindet nicht.
Genau deshalb ist der 1. Mai so wichtig.
Denn heute besteht die Möglichkeit, dass sich diese stillen Sätze vereinen.
Eine zitternde Stimme, wenn man sie für sich allein hört,
Wenn man es gemeinsam ausspricht, entsteht ein Echo.
Vielleicht wird nicht jeder zum Platz gehen.
Vielleicht schreien nicht alle.
Aber alle stellen sich dieselbe Frage:
“Muss das so weitergehen?”
Und jetzt geht es nicht mehr darum, über diese Frage nachzudenken.
Es geht darum, die Frage zu beantworten.
Ehrlich zu sich selbst sein.
Den Satz, der einem durch den Kopf geht, zum ersten Mal laut auszusprechen.
Nicht auf der Seite der Angst stehen, sondern auf der Seite des eigenen Lebens.
Denn dieses System bleibt bestehen, solange du schweigst.
Und wenn du diesen Schritt eines Tages wagst,
Du wusstest eigentlich schon immer, wohin es geht:
Taksim-Platz.
Denn manche Orte sind mehr als nur ein Ort.
Er ist ein Hafiz.
Das ist eine Behauptung.
Das ist eine Möglichkeit.
Der 1.-Mai-Platz ist Taksim.
Aber darum geht es gar nicht.
Das Wichtigste ist, sich dafür zu entscheiden, nicht mehr gegen seinen Willen zu schweigen.
Und heute vielleicht zum ersten Mal wirklich fragen:
Wie lange willst du noch warten?
Es lebe der 1. Mai.
Es lebe der organisierte Kampf und die Solidarität der Arbeiterklasse.
