HALKWEBAutorenDas Ende des Imperiums, der Beginn der Erinnerung

Das Ende des Imperiums, der Beginn der Erinnerung

Reiche vergehen. Doch die Erinnerung bleibt. Und diese Erinnerung, ob sie nun durch Trennung oder durch Frieden geprägt ist, bestimmt weiterhin die Zukunft. Die eigentliche Frage ist, wie wir diese Erinnerung bewahren.

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Das Jahr 1915 steht für einen tiefgreifenden Bruch im Zerfallsprozess nicht nur eines Volkes, sondern eines ganzen Reiches. Gesellschaften, die jahrhundertelang auf demselben Gebiet zusammengelebt hatten, wurden durch dieses gewaltige Beben voneinander getrennt. Diese Geschichte, die heute mit unterschiedlichen Erzählungen in Erinnerung bleibt, steht in Wirklichkeit für die zersplitterte Erinnerung an eine gemeinsame Vergangenheit. Leid gewinnt nicht dadurch an Bedeutung, dass man es gegeneinander ausspielt, sondern dadurch, dass man es versteht; denn die Geschichte dieser Länder trägt mehr Spuren des Zusammenlebens als der Trennung.

Dass Erdoğan in seinen seit 2013 wiederholten Äußerungen der ’umgekommenen osmanischen Armenier“ gedenkt und verschiedene staatliche Institutionen den Schwerpunkt auf die ”von den Armeniern ermordeten unschuldigen Türken“ legen, zeigt einmal mehr, wie gespalten das Gedächtnis tatsächlich ist. Dieselbe Geschichte wird immer wieder neu erzählt, in der Sprache unterschiedlicher Schmerzen.

Dabei handelt es sich bei dieser Geschichte nicht nur um eine Geschichte der Trennung, sondern auch um die Geschichte eines langen Zusammenlebens. Armenier und Türken teilten über Jahrhunderte hinweg dieselben Städte, dieselben Straßen und dasselbe Brot. In der osmanischen Zeit waren die Armenier als Handwerker, Kaufleute, Architekten, Ärzte und Staatsmänner einer der produktiven und prägenden Bestandteile des Reiches. Diese Partnerschaft brachte nicht nur wirtschaftliche oder politische, sondern auch kulturelle Verflechtungen mit sich.

Der Umzug des armenischen Patriarchats von Bursa nach Istanbul nach der Eroberung Istanbuls ging als eines der stärksten Symbole für das Zusammenleben und das gegenseitige Vertrauen in die Geschichte ein. Dies war auch ein Beweis dafür, wie verschiedene Identitäten in einem Reich nebeneinander bestehen konnten.

Doch mit dem Schwinden der Imperien werden nicht nur die Grenzen, sondern auch die Bindungen zwischen den Gesellschaften brüchig. Die Ereignisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden nicht nur von inneren Dynamiken geprägt, sondern auch von den Machtkämpfen und politischen Kalkülen jener Zeit. Das Leid, das in diesem Prozess erfahren wurde, hinterließ tiefe Wunden nicht nur in der Erinnerung einer Seite, sondern in der Erinnerung aller Gesellschaften.

Wenn wir heute zurückblicken, ist es sinnvoller, zu versuchen, dieses gemeinsame Leid zu verstehen, als voreilige und einseitige Urteile zu fällen. Denn Geschichte ist nicht nur die Geschichte davon, wer Recht hatte, sondern auch davon, wer was verloren hat.

Politik, die sich auf die Vergangenheit stützt, treibt Gesellschaften auseinander, anstatt sie einander näherzubringen. Was wir jedoch brauchen, ist ein Gedächtnis, das keine Angst vor der Konfrontation hat, aber gleichzeitig den Willen zum Zusammenleben nicht verliert.

Denn die Wahrheit ist: Wir Armenier ähneln den Türken, und die Türken uns. Wir sind zwei Völker, die dieselben Speisen geteilt haben, in denselben Straßen aufgewachsen sind und vom Klima derselben Region geprägt wurden. Es gibt ebenso viele, wenn nicht sogar mehr Dinge, die uns verbinden, als solche, die uns trennen.

Reiche vergehen. Doch die Erinnerung bleibt. Und diese Erinnerung, ob sie nun durch Trennung oder durch Frieden geprägt ist, bestimmt weiterhin die Zukunft. Die eigentliche Frage ist, wie wir diese Erinnerung bewahren.

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