Der Geist Istanbuls lebte nicht nur in den steinernen Gebäuden, sondern auch an den Tavernentischen.
Wenn man das Gedächtnis eines Viertels heute verstehen will, genügt es, seinen alten Tavernen zuzuhören. Denn eine Taverne war nicht nur ein Ort, an dem man Raki trinken konnte, sondern auch eine kleine Heimatstadt der Umgangsformen, der Etikette, der Konversation und der Kultur des Zusammensitzens an einem Tisch.
Ich sah es zum ersten Mal bei Madame Despina, der ersten richtigen Taverne, in die mich mein Vater mitnahm. Einer der alten Istanbuler Tische mit Musik, mit Dutzenden von Vorspeisen auf dem Tisch, wo man sich amüsierte, ohne sich gegenseitig zu erdrücken...
Der erste Ort war in Gayrettepe. Aber verwechseln Sie es nicht mit dem heutigen Gayrettepe. Damals war es ein Viertel mit Obstgärten, nicht mit Betontürmen. Es gab Ländereien, die von albanischen Familien bewirtschaftet wurden. Istanbul atmete noch. Dann zog Madame Despina nach Kurtuluş; Kurtuluş war in jenen Jahren eine der letzten Bastionen der Istanbuler Tavernenkultur.
Noch heute erinnere ich mich an den Geschmack dieser Blattleber und den Geruch des Hirtenbratens. Aber mit den Jahren merkt man das: Es ist nicht nur das Essen, das eine Taverne unvergesslich macht. Die Hauptsache war die Harmonie am Tisch.
Alle saßen an diesen Tischen. Es gab solche, die mit ihren Geliebten kamen, und solche, die mit ihren Frauen kamen... Aber niemand störte die Ruhe der anderen. Niemand störte den Nebentisch, niemand würde in der heutigen Sprache zu jemandem “gehen”. Man ging, um Spaß zu haben, nicht um zu jagen. Die Gläser wurden gleichzeitig erhoben, die Lieder wurden gleichzeitig gesungen. An diesen Tischen herrschte Respekt.
Jetzt wurde ein Orden namens “new generation meyhane” gegründet. Du kommst rein, es ist keine Taverne, es ist wie eine Casting-Umgebung... Das Aroma ist im zweiten Plan, es gibt keine Konversation, es gibt keine Liebe. Die Musik dröhnt in den Ohren. Es riecht schwer nach Parfüm. Jeder starrt den anderen an, aber keiner hört dem anderen zu.
Denn es handelt sich nicht mehr um eine Wirtshauskultur, sondern um eine Konsumkultur. Früher hat man Figuren auf den Tisch gestellt, heute stellt man Fotos auf. Früher gab es fasıl, jetzt gibt es einen DJ. Früher hat man über Freundschaft gesprochen, heute wird berechnet, wer wen sieht.
Das Bittere an der Sache ist, dass die Korruption an diesen Tischen begann. Als der Geist der Taverne verschwand, verschwand auch der Geist von Istanbul. Darüber hinaus entstand ein merkwürdiges Bild, als eine Ordnung geschaffen wurde, die dem Alkohol kulturell fern, der Besteuerung aber zu nahe stand. Trinken wird nun als Luxus und nicht als Vergnügen behandelt. Die Lokale werden entsprechend gestaltet; anstelle von hochwertigen Mehşk-Tischen werden Schnellkonsumzonen eröffnet.
Wenn es heute noch Leute gibt, die von den alten Tavernen sprechen, dann ist das nicht nur eine Frage der Nostalgie.
In Wirklichkeit beschreiben sie einen verlorenen Anstand, die Istanbuler Sitten und die Kultur des Zusammensitzens am selben Tisch.
