In der Türkei sind Worte nie nur Worte gewesen. Jedes von ihnen ist Träger eines historischen Überbleibsels, einer verdrängten Erinnerung und einer Vergangenheit, mit der man sich oft nicht auseinandersetzt. Daher können die Äußerungen von Mine Kırıkkanat nicht als “Versprecher” oder “schlecht gewählte Worte” abgetan werden. Denn in diesen Ländern sind Begriffe wie “Überreste des Schwertes” und “Krypto” direkt die Codes einer Mentalität, einer Tradition der Ausgrenzung und einer Politik der Verleugnung.
Wie Rober Koptaş betont, geht es nicht nur um die Aufrichtigkeit einer Entschuldigung, sondern auch die Entschuldigung selbst ist mit denselben mentalen Codes konstruiert. In der Türkei sind Entschuldigungen oft keine Konfrontation, sondern Schadensbegrenzung. Denn das Problem liegt nicht in der Sprache, sondern in dem Denksystem, das diese Sprache hervorbringt.
Dieses Gedankensystem weist eine Kontinuität von der letzten Periode des Osmanischen Reiches bis zur Gründung der Republik und von dort bis zum heutigen Tag auf. Der Ausdruck “Überreste des Schwertes” bezieht sich direkt auf den Völkermord an den Armeniern. Dieser Ausdruck, der verwendet wird, um die Nachkommen der Überlebenden zu demütigen, ist nicht nur eine Beleidigung, sondern auch eine Anspielung auf “Wärt ihr nur nicht geblieben”. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Unterbewusstsein, eine Form des Hasses, die zwar verdrängt wurde, aber nie verschwunden ist.
In ähnlicher Weise ist das Wort “Krypto” seit vielen Jahren Teil einer paranoiden Sprache in der Türkei. “Krypto-Armenier”, “Krypto-Jude”, “Krypto-Grieche”... Diese Ausdrücke kursieren seit Jahren immer wieder in Politik, Medien und sozialen Medien. Diese Form der Anschuldigung, die auf der Verschleierung der Identität beruht, offenbart eigentlich etwas anderes: Dass diese Identitäten immer noch als “Verbrechen”, “Schande” oder “Bedrohung” kodiert werden. Diese Sprache löst die Staatsbürgerschaft von der Basis der Gleichheit und etabliert eine Hierarchie auf der Grundlage der Herkunft.
Die Diskurse, denen Kemal Kılıçdaroğlu seit Jahren wegen seiner alevitischen Identität ausgesetzt ist, gehören ebenfalls zu diesem Rahmen. Das Alevitentum wurde in der Türkei nie als Glaubenssache betrachtet, sondern oft als einer der Codes des “Anderen” verwendet. Wenn dann noch “heimliche armenische” Unterstellungen hinzukommen, entsteht eine vielschichtige Sprache der Ausgrenzung.
Noch auffälliger ist, dass diese Sprache nicht nur in marginalisierten Kreisen, sondern auch in Segmenten, die sich selbst als “säkular”, “modern” oder “fortschrittlich” definieren, leicht produziert werden kann. Dies zeigt, dass Rassismus in der Türkei nicht nur eine ideologische Position, sondern auch ein kultureller Reflex ist.
Eines der größten Probleme der Türkei besteht darin, dass sie Rassismus nur anhand von Beispielen aus dem Westen definiert und seine Erscheinungsformen innerhalb der Türkei leugnet. In diesem Land werden die Menschen jedoch nach wie vor nach ihrer Abstammung, ihrem Glauben und ihrer ethnischen Herkunft kategorisiert. Die Frage “von wem?” hat Vorrang vor der Frage “wer?”.
Es geht also nicht um einen Tweet. Es geht darum, wie leicht und wie bequem eine Mentalität reproduziert werden kann. Und noch wichtiger ist, dass diese Reproduktion oft unbemerkt bleibt und sogar verteidigt wird.
Wenn es wirklich heißt, dass “Diskriminierung nicht auf unserer Tagesordnung stehen darf”, dann sollte dieser Satz mehr sein als ein Wunsch. Der Weg dorthin ist nicht das Vergessen, sondern das Erinnern und die Auseinandersetzung. Denn solange dieses Land sich für das Vergessen entscheidet, ist es dazu verdammt, dieselben Fehler zu wiederholen.
Das Problem in diesem Land ist nicht die Amnesie, sondern das selektive Vergessen.
Wir vergessen nicht. Wir erinnern uns nur, wenn es uns nicht in den Kram passt.
Und solange sich diese Sprache nicht ändert, wird sich auch die Geschichte dieses Landes nicht ändern.
