HALKWEBAutorenStark, aber nicht sicher: Die psycho-politischen Grundlagen der israelischen Aggression

Stark, aber nicht sicher: Die psycho-politischen Grundlagen der israelischen Aggression

Das größte Risiko für die Türkei in dieser neuen Ära besteht darin, dass sie gezwungen ist, sich für eine Seite zu entscheiden; die größte Chance besteht darin, einer der wenigen Akteure zu sein, die ein Gleichgewicht herstellen können.

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Die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten haben den tiefen Widerspruch zwischen Israels militärischer Kapazität und seinem Sicherheitsempfinden wieder sichtbar gemacht. Der Krieg, der mit den Angriffen der USA und Israels auf den Iran begann, und die unerwartete Reaktion des Irans auf diesen Krieg sollten nicht nur im Hinblick auf das militärische Gleichgewicht, sondern auch im Hinblick auf das psychologische Sicherheitsempfinden der israelischen Gesellschaft sorgfältig bewertet werden.

Israel wird oft als ein mächtiger, technologisch überlegener Staat beschrieben, der in der Lage ist, seine Bedrohungen zu besiegen. Diese Einschätzung ist weitgehend zutreffend. Gleichzeitig gibt es jedoch eine entscheidende Tatsache, die oft übersehen wird: Israel ist zwar ein mächtiger Staat, aber ein Staat, der sich nie sicher fühlt. Es sei darauf hingewiesen, dass sich die Sozialpsychologie aus dieser Situation speist und gleichzeitig die Staatspsychologie nährt.

Diese Situation ist nicht zufällig. Die Gründungsidentität des Staates Israel beruht auf historischen Traumata, der Erfahrung des Exils und insbesondere der kollektiven Erinnerung an den Holocaust. Daher ist Sicherheit für Israel nicht nur eine militärische Frage, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Die Wahrnehmung der Bedrohung ist keine vorübergehende Situation, sondern ein ständiges Element der politischen Kultur.

Die Wahrnehmung von Sicherheit in der israelischen Gesellschaft ist vielschichtig. Die Bedrohung geht nicht nur von einem bestimmten Staat oder einer Organisation aus, sondern wird ständig auf verschiedenen Ebenen reproduziert. Während Akteure wie der Iran, die Hisbollah und die Hamas das sichtbare Gesicht dieser Wahrnehmung darstellen, gibt es tiefer liegende historische und identitätsstiftende Faktoren, die dafür sorgen, dass sich Israel eingekreist und verwundbar fühlt.

Diese Struktur ist noch deutlicher sichtbar geworden, als iranische Raketenangriffe begonnen haben, Israels Luftverteidigung zu beschädigen. Unabhängig von den militärischen Auswirkungen der Raketenangriffe besteht die wichtigste Folge dieser Angriffe darin, dass sie in der israelischen Gesellschaft das Gefühl verstärken, dass “niemand völlig sicher ist”. Die Angriffe auf strategische und symbolische Ziele wie das Kernkraftwerk Dimona stellen nicht nur eine physische Bedrohung dar, sondern auch eine psychologische Herausforderung für das Zentrum der israelischen Sicherheitsdoktrin.

Das Bild, das sich an diesem Punkt ergibt, ist keine Schwäche, sondern ein Paradoxon. Mit zunehmender militärischer Macht Israels verschwindet die Wahrnehmung der Bedrohung nicht, sondern sie wird im Gegenteil immer ausgefeilter und weiter verbreitet. Das liegt daran, dass es bei der Sicherheit nicht nur um physische Kapazitäten geht, sondern auch um Wahrnehmung, Erinnerung und Identität. Israels Politik, die als aggressiv empfunden wird, wird weitgehend auf dieser psychopolitischen Grundlage gestaltet.

Diese Struktur ist nicht auf die interne Dynamik Israels beschränkt. Auch die strategische Allianz mit den Vereinigten Staaten hat großen Einfluss auf diese Sicherheitswahrnehmung. Obwohl die Beziehung zwischen den USA und Israel oft als unverzichtbares Bündnis bezeichnet wird, gibt es starke Einschätzungen, dass diese Beziehung nicht immer mit den Interessen der USA übereinstimmt. Nichtsdestotrotz hat diese Beziehung für Israel eine zweiseitige Wirkung: Einerseits verschafft sie Sicherheit, andererseits beseitigt sie nicht die Sicherheitsbedenken.

Die geopolitische Annäherung des Irans an Akteure wie Russland und China und seine zunehmende Fähigkeit, Israel direkt herauszufordern, haben diese psychologische Struktur weiter vertieft. Der Widerstand des Irans, obwohl er mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeitet, verstärkt in der israelischen Gesellschaft das Gefühl, dass absolute Sicherheit nicht möglich ist.

Dieses geopolitische Bild hat auch wichtige Auswirkungen auf die Türkei. Die regionalen Auswirkungen der amerikanisch-israelischen Beziehungen prägen indirekt die türkisch-israelischen Beziehungen. Die Türkei und Israel haben jedoch grundlegend unterschiedliche Sicherheitsansätze. Während Israel seine Sicherheit durch militärische Überlegenheit und Präventivschläge herstellt, versucht die Türkei, Sicherheit durch ein breiteres regionales Gleichgewicht und multilaterale Beziehungen herzustellen.

Angriffe auf den Iran und die Eskalation regionaler Spannungen stellen für die Türkei ernsthafte Risiken in Bezug auf die Energiesicherheit, die Stabilität der Grenzen und das geopolitische Gleichgewicht dar. Die Türkei muss ihre Beziehungen zu den USA als NATO-Mitglied aufrechterhalten und gleichzeitig die direkten Auswirkungen eines regionalen Konflikts vermeiden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Bewertung Israels allein auf der Grundlage seiner militärischen Kapazitäten nicht ausreicht, um das Verhalten dieses Staates zu verstehen. Entscheidend ist die Koexistenz einer starken militärischen Struktur und eines tiefen Gefühls der Unsicherheit. Israels Macht speist sich nicht nur aus seiner militärischen Kapazität, sondern auch aus seinen Ängsten.

Das größte Risiko für die Türkei in dieser neuen Ära besteht darin, dass sie gezwungen ist, sich für eine Seite zu entscheiden; die größte Chance besteht darin, einer der wenigen Akteure zu sein, die ein Gleichgewicht herstellen können.

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