Es gibt einige Stadtteile Istanbuls, zwischen denen der Unterschied nicht in Kilometern, sondern im Alter besteht.
Gestern habe ich es wieder gespürt: Unten ist Balat, oben Çarşamba... Es sind zwar nur 600 Meter, aber wenn man diese Straße entlanggeht, hat man manchmal das Gefühl, durch einen 600 Jahre alten Zeittunnel zu gehen.
Gestern besuchten meine Frau und ich zum ersten Mal die berühmte armenische Kirche in Balat. Es war der vierzigste Tag von Ostern. Der Tag dieser Kirche ist immer anders. Es gibt Geschichten, die seit Jahren erzählt werden; sie besagen, dass diejenigen, die nicht sehen, sehen, diejenigen, die nicht hören, hören, und diejenigen, die nicht gehen, gehen. Manche glauben daran, andere halten es für eine Legende, aber diese Atmosphäre hat auf jeden Fall etwas, das einen durchdringt. Der Geruch von Kerzen vermischt mit Stille, das Echo der Gebete, die Hoffnung in den Augen der Menschen... Es ist wie eine andere Zeit in Istanbul.
Wir beteten, zündeten Kerzen an, saßen eine Weile. Dann machten wir uns zu Fuß auf den Weg zur Ausstellung in der Yuvakimyon-Mädchenschule. Balat hat sich in den letzten Jahren in einen völlig anderen Ort verwandelt. “Historische Konditoreien” ohne Geschichte, Pfannkuchenläden an jeder Ecke, Läden, die künstliche Nostalgie verkaufen... Es ist, als ob manche Orte die Fotos des Viertels verkaufen, nicht seine Seele. Überall Gebäck, überall Dekor. Das echte Istanbul geht manchmal zwischen den Schildern verloren.
Dann bogen wir in Richtung Çarşamba ab und es war, als wären wir in einem anderen Land. Die Sprache der Straßen änderte sich, die Art, wie die Menschen gingen, die Schaufenster änderten sich, der Lebensrhythmus änderte sich. Die Tatsache, dass zwei so unterschiedliche Welten im selben Viertel, in denselben Straßen, nebeneinander stehen können, ist wirklich einzigartig in Istanbul.
Aber das Wichtigste ist: Sie alle sind unser Volk. Sie sind alle Teil dieses Landes. Die alte armenische Tante in Balat ist auch die unsere, der bärtige Ladenbesitzer in Çarşamba ist auch der unsere. Es geht nicht darum, gleich auszusehen; es geht darum, die Existenz des anderen in derselben Stadt zu respektieren.
Genau das ist es, was Istanbul lebendig macht. Nicht einheitlich zu sein, sondern mit Unterschieden zusammenleben zu können. Denn diese Stadt ist wie eine Marmorierung... Die Farben sind nicht gleich, aber sie gewinnen alle in demselben Wasser an Bedeutung.
