HALKWEBAutorenDie Schwertschrottausgabe: Die Bürde der Erinnerung

Die Schwertschrottausgabe: Die Bürde der Erinnerung

“Der Ausdruck ”Schwertreste" bezieht sich auf eine dunkle Zeit in dieser Geographie. Wenn man ihn unwissentlich verwendet, ist das Unwissenheit; wenn man ihn wissentlich verwendet, ist das ein Hinweis auf ein viel ernsteres Problem.

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Ich habe ihn vor Jahren bei der Bezciyan Association in Kumkapı kennengelernt.
Auch bekannt als Kommunist Sarkis... alias Sarkis Cerkezian.

Meister Sarkis war nicht nur ein Handwerker, er war einer der Menschen, die das Gedächtnis dieses Landes auf ihrem Rücken trugen. Als er in einem unserer Gespräche sagte: “Ich bin der Überrest eines Schwertes”, verstand ich nicht ganz, was er damit meinte. Ich fragte ihn.

Seine Antwort war kurz, aber heftig:
“Mein Sohn, sie hatten nicht die Macht, deinen Großvater zu erschlagen, also lebst du noch.”

Damals war mir nicht bewusst, welch tiefe historische Belastung diese Aussage darstellte.

Heute wird derselbe Ausdruck von einem Journalisten als Beleidigung gegen Herrn Kemal Kılıçdaroğlu verwendet. Außerdem wurde unmittelbar nach dem 24. April...

Genau an dieser Stelle ist es notwendig, innezuhalten und nachzudenken.

Es besteht eine Kluft zwischen einem Ausdruck, den eine Person verwendet, um ihre eigene Identität, ihr eigenes historisches Trauma auszudrücken, und demselben Ausdruck, der an eine andere Person gerichtet wird, um sie zu demütigen. In den Worten von Meister Sarkis steckten Schmerz, Ironie und Geschichte. In der heute verwendeten Sprache hingegen stecken Wut, Ignoranz und die Unfähigkeit zur Konfrontation.

“Der Ausdruck ”Schwertreste" bezieht sich auf eine dunkle Zeit in dieser Geographie. Wenn man ihn unwissentlich verwendet, ist das Unwissenheit; wenn man ihn wissentlich verwendet, ist das ein Hinweis auf ein viel ernsteres Problem.

Was noch mehr zum Nachdenken anregt, ist, dass diese Sprache in einer Zeitung, die sich “Cumhuriyet” nennt, Platz findet. Die Republik ist nicht nur der Name eines Regimes, sie ist auch eine Frage der Mentalität. Sie muss sich auf gleiche Bürgerrechte, ein gemeinsames Gedächtnis und Empathie gründen.

Wir sehen jedoch, dass es trotz all der Jahre, die vergangen sind, immer noch ein Verständnis gibt, das den “Anderen” verunglimpft, den Schmerz der Vergangenheit leugnet und die Sprache als Waffe einsetzt.

Die Republik könnte gegründet worden sein.
Aber die Entwicklung zu einer Gesellschaft ist noch nicht abgeschlossen.

Und vielleicht ist das der Grund, warum dieser Satz von Meister Sarkis noch in unseren Ohren widerhallt.

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