HALKWEBAutorenShowcase Person und Hisseli Harikalar Kumpanyası

Showcase Person und Hisseli Harikalar Kumpanyası

Beziehungen werden nicht mehr erlebt, sie werden konsumiert. Mögen, ausprobieren, sich langweilen, liken.

Heute ist Samstag. Wahrscheinlich haben Sie kurz vor dem Lesen dieses Artikels einen kurzen Blick auf Ihr Handy geworfen. In der nächsten Zeile haben Sie gesehen, wie ein Freund, der Tränen um ein in Iran getötetes Kind vergoss, drei Sekunden später einen Beitrag gepostet hat, in dem er den Luxuskonsum lobte. Das hat Sie nicht überrascht. Vielleicht haben Sie selbst vor ein paar Minuten einen ähnlichen “Gefühlswechsel” erlebt.

Denn das ist heutzutage die Norm.

Das berühmte Prinzip der “Kohärenz” der traditionellen Aufklärung ist in den Tiefen des digitalen Friedhofs begraben worden. Unser Geist ist keine Bibliothek mehr, sondern ein Jahrmarkt, auf dem an jeder Ecke andere Musik spielt und an jedem Stand eine andere Ideologie wie eine Vorspeise serviert wird.

Früher bedeutete es, für eine Überzeugung zu stehen, dass man den Preis dafür zahlen musste. Wenn man eine Haltung vertrat, musste man sich dem Gegenwind dieser Haltung stellen.

Der Mensch von heute lebt seine Ideen nicht aus, sondern kombiniert sie.

Am Morgen beansprucht er die Autorität als “Macht” für sich, am Mittag gibt er sich dem Freiheitsdiskurs als “Modernität” hin.
Das ist kein Widerspruch mehr, sondern ein Stil.

Ist das Betrug?

Nein. Etwas viel Gefährlicheres: die Gefühlslosigkeit.

Denn der moderne Mensch denkt nicht mehr, er lässt sich nur noch berieseln. Algorithmen stellen uns ein Buffet vor die Nase; und wir verhalten uns wie gierige Touristen mit verdorbenem Geschmack, die ihren Teller mit Soßen füllen, die überhaupt nicht zusammenpassen. Faschismus ist zu einem “Vibe”, Mystik zu einer “Ästhetik” und die Revolution zu einem “Hashtag” verkommen.

Die Ästhetik der Loslösung von der Wahrheit

Ein Widerspruch wird erst dann sichtbar, wenn es eine gemeinsame Wahrheitsgrundlage gibt. Diese Grundlage ist zusammengebrochen.

Heutzutage hat jeder seine eigene “Wahrheit”, die er in seiner eigenen Echokammer verbreitet. Da es keine gemeinsame Realität mehr gibt, stört es niemanden, dass Ideen, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen müssten, nebeneinander bestehen.

Gegensätze stehen nicht mehr im Widerspruch zueinander. Denn niemand hat wirklich ein Problem mit irgendjemandem. Das einzige Anliegen aller ist es, den nächsten Inhalt zu erreichen.

FAZIT: SKLAVEN DES FLUSSES

Könnte es für die Politik einen günstigeren Nährboden geben?

Eine Masse, die gestern noch applaudierte, heute schon buht und morgen beides vergisst, um sich an einem Katzenvideo zu trösten… Gedächtnislosigkeit ist die am einfachsten zu steuernde gesellschaftliche Form.

Diese Zeit verlangt von uns nicht, dass wir ganze Menschen sind. Sie verlangt zersplitterte Identitäten, deren einzelne Teile separat konsumiert werden – “Wegwerf”-Identitäten.

LIEBEN, OHNE SICH ZU BERÜHREN, VERLASSEN, OHNE SICH ZU TRENNEN: DAS ZEITALTER DER DIGITALEN LIEBEN

Im vorigen Abschnitt habe ich vom “zerbrochenen Bewusstsein” gesprochen. Wie kann sich dieser zerbrochene Mensch nun an einen anderen Menschen klammern?

Die Antwort ist einfach: Es hält nicht. Es rutscht nur.

Das Zeitalter der Vernetzung, nicht das Zeitalter der Verbundenheit

Früher war Liebe ein Preis, den man zahlen musste. Es bedeutete, eine Last auf sich zu nehmen und ein ganzes Leben in Kauf zu nehmen.

Heute hingegen entsteht Liebe so schnell wie das Herunterladen einer App und erlischt so still wie eine Benachrichtigung. Denn in den Köpfen aller schwirrt dieselbe Frage herum:

“Gibt es etwas Besseres?”

Beziehungen werden nicht mehr erlebt, sie werden konsumiert. Mögen, ausprobieren, sich langweilen, liken.

Wer abends sagt “Ich denke an dich”, lässt es morgens bei “Gesehen” bewenden. Denn nicht Herzen, sondern Algorithmen bestimmen die Beziehungen unserer Zeit.

KEINE SCHWÄCHE: WIR MÜSSEN UNS ZEIGEN

Wahre Nähe beginnt dort, wo man seine Schwächen zeigt.

Aber diese Zeit duldet keine Fehler. Jeder steht im Rampenlicht. Jeder ist glücklich, erfolgreich und “gut”.

Aber man darf die Auslage nicht anfassen. Man darf sie nur anschauen.

Und wenn die Nacht hereinbricht, kann niemand die Einsamkeit hinter dieser Schaufensterfront erreichen.

STILLE GEWALT: IGNORIEREN

Die häufigste Form des Verlassens in der heutigen Zeit ist nicht das Schreien, sondern das Schweigen.

Verschwinden.

Wenn eine Nachricht unbeantwortet bleibt, kann das schmerzhafter sein als ein Abschied. Denn damit gibst du zu verstehen, dass du den anderen nicht als Menschen, sondern nur als Inhalt betrachtest.

Inhalte werden konsumiert. Wenn sie nicht gefallen, wird weitergeklickt.

ABER WAS IST MIT DENEN, DIE SICH WIRKLICH LIEBEN?

Es gibt sie noch.

Diejenigen, die einem in die Augen schauen können, die bereit sind, gemeinsam eine Last zu tragen… Aber auch sie suchen in diesem rasanten Tempo nach einem festen Halt.

Denn in der heutigen Zeit braucht es wirklich Mut, um zu lieben.

Die Suche nach der Wärme der Haut in der Kälte des Bildschirms: Eine moderne Tragödie

Der größte Zufluchtsort für einen zerrissenen Geist ist “der Andere”. Doch auch dieser Zufluchtsort ist nicht mehr sicher.

Eine Fülle an Möglichkeiten, aber ein Mangel an Werten

Früher brauchte es Zeit, um jemanden kennenzulernen. Heute reicht es, sich einfach zu entscheiden.

Je mehr Auswahlmöglichkeiten es gibt, desto geringer wird jedoch der Wert.

“Warum sollte ich mir die Mühe machen, wenn das Bessere nur einen Wisch entfernt ist?” – das ist das ungeschriebene Gesetz moderner Beziehungen.

Deshalb kann niemand den anderen ertragen.

Das Verschwinden der Empathie

Man spürt nicht, dass man jemandem hinter dem Bildschirm wehtut.

Denn man sieht seine Tränen nicht. Man hört seine Stimme nicht.

Deshalb ist der größte Verlust nicht der Verlust der Liebe, sondern der Verlust des Mitgefühls.

Zugegebene Liebe, nicht gelebte Nähe

Früher bedeutete Liebe, dass zwei Menschen einander ansahen.

Jetzt schauen zwei Personen in dieselbe Kamera und zeigen sich anderen.

Eine Beziehung wird nicht gelebt, sondern zur Schau gestellt.

Wie alles, was ausgestellt wird, verliert es mit der Zeit an Lebendigkeit.

WARUM SUCHEN WIR DANN NOCH IMMER NACH JEMANDEM?

Inmitten all dieses Verfalls lautet die eigentliche Frage:

Wenn wir keine Bindungen eingehen können und ständig nach etwas Besserem suchen, warum sehnen wir uns dann immer noch nach jemandem?

Denn unter all diesen digitalen Schichten ist der Mensch immer noch auf der Suche nach demselben:

Zu sehen sein.

Verstanden werden.

Sich wertgeschätzt fühlen.

Algorithmen können uns zwar zusammenbringen, aber nicht trösten.

Ein Emoji kann die Wärme einer Hand nicht ersetzen.

Vielleicht liegt das Problem gar nicht in der Technologie.

Vielleicht liegt das Problem in jenem verlockenden Versprechen, das uns gemacht wird:

“Ein müheloses Leben.”

Doch Liebe erfordert Mühe.

Ist ein Gefühl, für das man sich nicht eingesetzt hat, überhaupt ein Gefühl?

Oder sind wir emotionale Touristen, die von einem Menschen zum nächsten taumeln, um ihre Einsamkeit zu verdrängen?

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