HALKWEBAutorenIrrtümer einer Reduktion: Über Islam, Arabismus und 'Rückständigkeit'

Irrtümer einer Reduktion: Über Islam, Arabismus und ‘Rückständigkeit’

Dieser Diskurs hat ideologische Funktionen und führt zu klassenmäßigen und politischen Ergebnissen.

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Es gibt eine häufig wiederholte Behauptung: “Der Islam ist im Wesentlichen arabische Kultur”. Eine Stufe über diese Behauptung hinaus kommt eine noch schärfere Verallgemeinerung: “Die arabische Kultur ist reaktionär; daher ist der Islam die Quelle der Reaktion.”

Dieser Ansatz, der auf den ersten Blick wie eine verkürzte Erklärung erscheint, beinhaltet in Wirklichkeit schwerwiegende Verkürzungen auf historischer, soziologischer und kultureller Ebene. Es handelt sich jedoch nicht nur um einen Verständnisfehler; dieser Diskurs ist ein Diskurs, der ideologische Funktionen hat und klassenbezogene und politische Ergebnisse hervorbringt.

Aus einer vernünftigen Perspektive besteht das Hauptproblem solcher Verallgemeinerungen darin, dass sie die historische und materielle Realität auf einen kulturellen Essentialismus reduzieren. Mit anderen Worten: Anstelle der Produktionsweisen, Klassenwidersprüche und politischen Machtstrukturen, die die sozialen Beziehungen bestimmen, wird eine vage und oft ideologische Kategorie namens “Kultur” herangezogen. So werden die wirklichen Ursachen unsichtbar gemacht.

Im türkischen Kontext sehen wir, dass dieser Diskurs systematisch wiederholt wird, insbesondere in den harten und ausgrenzenden Versionen des türkischen Nationalismus und in offen rassistischen Kreisen. Diese Wiederholung ist nicht zufällig. Denn diese Reduktion dient einem bestimmten politischen Zweck: Sie soll die Klassenwidersprüche verschleiern und die soziale Unzufriedenheit auf ein falsches Ziel lenken.

Zunächst einmal ist es notwendig, eine klare Unterscheidung zu treffen: Der Islam ist eine Religion, während der Arabismus eine Kultur und Ethnie ist. Obwohl Religionen die Spuren der Geografie tragen, in der sie entstanden sind, wandeln sie sich durch die Interaktion mit verschiedenen Gesellschaften im Laufe der Geschichte. In diesem Sinne hat sich auch der Islam universalisiert und in ein Glaubenssystem verwandelt, das in verschiedenen Gegenden auf unterschiedliche Weise gelebt wird. Vom Iran bis nach Indonesien, von Anatolien bis nach Afrika - es ist klar, dass der Islam zu plural ist, um auf eine singuläre kulturelle Form reduziert zu werden.

Der entscheidende Punkt für eine vernünftige Analyse ist jedoch Folgendes:
Es geht nicht um die Religionen und Kulturen selbst, sondern darum, wie sie genutzt werden, unter welchen historischen Bedingungen und innerhalb welcher Klassenverhältnisse.

“Eine Aussage wie ”Die arabische Kultur ist reaktionär“ ist nicht nur wissenschaftlich falsch, sie ist auch ideologisch funktional. Denn dieser Diskurs sucht die Ursache für Probleme wie soziale Rückständigkeit, Autoritarismus oder Demokratiedefizite nicht in wirtschaftlichen und politischen Strukturen, sondern in einer ”anderen Kultur". So wird die Verantwortung der herrschenden Klassen unsichtbar.

An dieser Stelle ist es notwendig, einen genaueren Blick darauf zu werfen, wie bestimmte Strömungen des türkischen Nationalismus diesen Diskurs nutzen. Diese Verwendung hat zwei Hauptziele:

Die erste besteht darin, eine künstliche kulturelle Überlegenheit aufzubauen.
Den Islam mit der arabischen Kultur zu identifizieren und ihn als “reaktionär” zu bezeichnen, ist eine einfache Möglichkeit, die türkische Identität als “fortschrittlich” und “modern” darzustellen. Dies ist ein ideologischer Spiegel, der die Klassenrealität verdeckt: Konkrete Probleme wie Arbeitsausbeutung, Einkommensungerechtigkeit und Arbeitslosigkeit werden nicht diskutiert, stattdessen wird der Diskurs der kulturellen Überlegenheit in Umlauf gebracht.

Zweitens, um klassenbezogene Kritik zu neutralisieren.
Wenn statt kapitalistischer Produktionsverhältnisse, staatlicher Politik oder globaler Ungleichheiten vage Begriffe wie “Arabisierung” als Quelle sozialer Probleme dargestellt werden, richtet sich die Wut der Arbeiterklasse auf die falschen Ziele. So bleibt die herrschende Ordnung unhinterfragt.

Dieser Mechanismus weist auf ein Phänomen hin, das in der sozialistischen Literatur häufig diskutiert wird: das falsche Bewusstsein. Die Menschen können Diskurse annehmen, die ihren materiellen Interessen zuwiderlaufen, weil sie die wahren Ursachen nicht sehen können. Wenn es heißt, “das Problem ist die arabische Kultur”, werden die wahren Ursachen von Arbeitslosigkeit, Armut oder Unfreiheit unsichtbar.

Die Geschichte zeigt uns das jedoch deutlich:
Weder ist der Autoritarismus einer bestimmten Religion eigen, noch ist die Rückständigkeit das Schicksal einer bestimmten Kultur. Auch Freiheit und Fortschritt gehören nicht zu einer bestimmten Kultur. Sie sind das Ergebnis sozialer Kämpfe, von Klassengleichgewichten und politischen Prozessen.

Auch der Vorwurf, der Islam sei “reaktionär”, sollte in diesem Zusammenhang überdacht werden. Entscheidend ist nicht die Religion an sich, sondern die Klassen, mit denen sie interpretiert wird und zu welchen Zwecken. Im Laufe der Geschichte wurde die Religion sowohl als Instrument der Unterdrückung eingesetzt als auch als Inspiration für den Widerstand der Unterdrückten. Dieser doppelte Charakter ergibt sich nicht aus dem Wesen der Religion, sondern aus ihrem gesellschaftlichen Kontext.

Daher sind sowohl “der Islam ist reaktionär” als auch “die arabische Kultur ist reaktionär” aus Sicht einer vernünftigen Analyse unzureichend und irreführend. Solche Verallgemeinerungen verschleiern die wirklichen Widersprüche und schaffen einen ideologischen Nebelschleier.

Das sollte hier noch einmal betont werden:
Die ständige Wiederholung dieses Diskurses durch einige nationalistische und rassistische Kreise in der Türkei deutet eher auf eine bewusste oder halbbewusste ideologische Funktion als auf einen “Irrtum” hin. Diese Funktion besteht darin, die Gesellschaft nicht auf der Grundlage von Klassen, sondern auf der Grundlage kultureller Unterschiede zu spalten und so den Fortbestand der bestehenden Ordnung zu sichern.

Folglich ist es nicht nur ein analytischer Fehler, sondern auch eine politische Entscheidung, den Islam auf die arabische Kultur und die arabische Kultur auf ein einziges Adjektiv wie “Rückständigkeit” zu reduzieren. Eine vernünftige Perspektive lehnt solche Reduzierungen ab und wendet sich der Frage zu:

“Wer profitiert von diesem Diskurs?”
Wenn ein Diskurs eher die Herrschenden als die Unterdrückten begünstigt, ist es notwendig, innezuhalten und umzudenken.

Das eigentliche Problem ist vielleicht dieses:
Um eine Religion oder Kultur zu verurteilen, oder um die sozialen Beziehungen, Klassenstrukturen und Machtmechanismen zu verstehen, die in dieser Religion und Kultur geformt werden?

Die Antwort auf diese Frage wird bestimmen, wie wir nicht nur den Islam und den Arabismus, sondern auch den Kampf für Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit sehen.

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