Ich denke, das ist der traurigste Teil des menschlichen Gehirns: Es neigt dazu, an dem festzuhalten, was es glauben will, anstatt die Wahrheit zu sehen.
Denn die Wahrheit ist ermüdend.
Sie zwingt Sie, sich zu verändern.
Der menschliche Verstand will jedoch oft Recht haben und sich nicht verändern.
Es gibt ein System, das tief im Gehirn verläuft. Das retikuläre Aktivierungssystem. Kurz: RAS. Es entscheidet, welche der Millionen von Details im Leben wir wahrnehmen werden. Es ist wie ein unsichtbarer Filter.
Aber hier ist die Sache.
Man beginnt zu leben, ohne sich dieses Filters bewusst zu sein.
Wenn er von Angst besessen ist, sieht er überall Bedrohungen.
Wenn er wütend ist, fühlt sich jeder wie ein Feind.
Wenn er einem Führer blindlings anhängt, kann er selbst die offensichtlichste Wahrheit leugnen.
Denn das Gehirn versucht, das zu schützen, woran man glaubt.
Nicht die Wahrheit.
Aus diesem Grund können zwei Personen, die dasselbe Ereignis betrachten, völlig unterschiedliche Dinge sehen.
Was der eine “Gerechtigkeit” nennt, nennt der andere “Verrat”.
Was der eine “Freiheit” nennt, nennt der andere “Gefahr”.
Und der Mensch erkennt oft nicht, welches Spiel sein eigener Verstand mit ihm treibt.
Und es kommt noch schlimmer.
Man denkt vor allem mit seinen Wunden.
Eine Person, die als Kind gedemütigt wurde, kann noch Jahre später eine kleine Kritik als Angriff verstehen.
Jemand, dem ständig das Gefühl vermittelt wird, wertlos zu sein, bricht bei der kleinsten Zurückweisung zusammen.
Gesellschaften, die in Angst aufgewachsen sind, beginnen, bei jedem Zuflucht zu suchen, der stark erscheint.
Denn der Geist wird nicht nur durch Wissen geprägt.
Sie ist auch vom Schmerz geprägt.
Vielleicht ist es deshalb so schwer, objektiv zu denken.
Denn der Mensch denkt nicht nur mit seinem Verstand.
Er denkt über seine Ressentiments, seine Ängste, sein Ego und seine Vergangenheit nach.
Im Zeitalter der sozialen Medien funktioniert dieses System sogar noch wilder.
Algorithmen speisen nun das menschliche RAS-System.
Sie zeigen dir, worüber du wütend bist.
Wovor man sich auch fürchtet, sie verstärken es.
Sie setzen denjenigen, auf den Sie wütend sind, ständig vor Sie.
Und nach einer Weile beginnt man zu glauben, dass die Welt wirklich so dunkel ist.
Aber vielleicht irrt er auch nur in der Dunkelheit seiner eigenen Gedanken umher.
Das, was wir als gesundes Denken bezeichnen, ist nicht mit großen Worten zu beschreiben.
Manchmal muss man einfach innehalten und sich die Frage stellen
“Und wenn ich mich irre?”
Dies ist der Beginn der Reife.
Denn Fanatismus gibt es nicht nur in der Politik.
Manchmal wird man zu einem Fanatiker des eigenen Schmerzes.
Ein Fanatiker seiner eigenen Wut, seiner eigenen Geschichte, seiner eigenen Opferrolle...
Und genau dann verliert man die Wahrheit am meisten.
Ich habe in meinem Leben schon viele Menschen gesehen.
Menschen, die viel lesen, aber nicht denken können...
Menschen, die viel reden, aber nie hören...
Menschen, die immer versuchen, Recht zu haben, aber sich selbst nicht einmal von außen betrachten...
Ich denke, die Weisheit beginnt hier ein wenig.
Indem man lernt, an seinem eigenen Verstand zu zweifeln, bevor man ihm vertraut.
Denn das menschliche Gehirn kann sich manchmal in den größten Vorhang verwandeln, der die Wahrheit verbirgt.
