Unwissenheit ist kein neues Problem.
Das Neue daran ist, dass die Unwissenheit so sichtbar, so einflussreich und so selbstbewusst geworden ist.
Früher waren die Menschen in Dingen, von denen sie keine Ahnung hatten, zurückhaltender. Es galt als ganz normal, zuzugeben, dass man sich irren konnte. Man war der Ansicht, dass man erst lernen, zuhören und verstehen müsse, bevor man sich zu einem Thema äußern könne.
Heutzutage ist es sehr einfach, an Informationen zu gelangen. Doch der einfache Zugang hat die Weisheit nicht im gleichen Maße gesteigert.
Im Gegenteil, oft haben Informationsfetzen begonnen, die Tiefe zu ersetzen.
Eine Schlagzeile, ein Videoausschnitt oder ein paar Posts werden als ebenso gewichtig angesehen wie das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Jemand, der nur die Zusammenfassung einer wissenschaftlichen Arbeit liest, kann sich mit derselben Gewissheit äußern wie Experten auf diesem Gebiet. Oft verteidigen Menschen nicht das, was sie wissen, sondern das, was sie zu wissen glauben.
Hier beginnt das Problem.
Denn die erste Voraussetzung für das Lernen ist, sich seiner Unzulänglichkeiten bewusst zu werden.
Wer weiß, dass er etwas nicht weiß, stellt Fragen. Er ist neugierig. Er hört zu. Er hegt Zweifel.
Wer nicht weiß, dass er nichts weiß, hat nichts zu suchen. Er glaubt, sein Ziel bereits erreicht zu haben.
Das digitale Zeitalter hat diese Illusion noch verstärkt.
Heutzutage kann sich jeder mit Inhalten umgeben, die seine eigenen Ansichten bestätigen. In einem Umfeld, in dem immer wieder dieselben Ideen wiederholt werden, werden Überzeugungen nicht hinterfragt, sondern verfestigen sich. Nach einer Weile beginnen sich diese wiederholten Gedanken wie Wissen und die gewohnten Formulierungen wie Wahrheiten anzufühlen.
Das ist nicht nur in den sozialen Medien so.
Das sieht man in der Politik. Die Menschen ziehen oft Erklärungen vor, die ihnen ein gutes Gefühl geben, statt der Wahrheit.
Das sehen wir in der Wissenschaft. Selbst wenn sich die Daten ändern, wollen die Menschen ihre seit Jahren verinnerlichten Ansichten nicht aufgeben.
Das sehen wir in der Bürokratie. Wenn Warnungen aus der Praxis ignoriert werden, können falsche Entscheidungen lange Zeit Bestand haben.
Das Gleiche gilt auch für den Alltag. Die Menschen suchen oft gar nicht nach der Wahrheit. Sie glauben, dass sie die Wahrheit ohnehin schon in der Hand haben.
Wissen führt den Menschen jedoch nicht zur Gewissheit, sondern zur Vorsicht.
Jeder, der sich wirklich intensiv mit einem Thema auseinandersetzt, erkennt, dass die Welt komplexer ist, als sie auf den ersten Blick erscheint. Je mehr Antworten man findet, desto mehr Fragen tauchen auf.
Deshalb führt wahres Wissen oft zu Demut.
Oberflächliches Wissen hingegen stärkt das Selbstvertrauen.
Der Mensch glaubt, das Ganze zu begreifen, obwohl er nur einen kleinen Teil davon sieht.
Hier beginnt auch die Gefahr für die Gesellschaft.
Irren ist menschlich. Es ist jedoch gefährlich, die Möglichkeit eines Irrtums zu leugnen. Denn wer nicht akzeptiert, dass er Fehler machen kann, sieht auch keine Notwendigkeit, diese zu korrigieren.
Außerdem zahlen nicht nur sie selbst den Preis dafür, wenn sie an die Macht kommen. Auch Institutionen, Gesellschaften und manchmal sogar ganze Länder müssen dafür bezahlen.
Daher geht es nicht um das Vorhandensein von Unwissenheit.
Das eigentliche Problem ist, dass Unwissenheit nicht mehr als Mangel angesehen wird.
Die Gesundheit einer Gesellschaft hängt nicht davon ab, dass die Menschen alles wissen. Sie hängt davon ab, dass jeder akzeptieren kann, dass niemand alles weiß.
Denn der Weg zur Wahrheit beginnt nicht dort, wo unser Wissen endet, sondern dort, wo wir erkennen, was wir nicht wissen.
