HALKWEBAutoren23. April: Konfrontation, nicht Feiern

23. April: Konfrontation, nicht Feiern

Was war das Versprechen der Republik? Chancengleichheit. Wie sieht die Realität heute aus? Ein System, in dem der Ort, an dem man geboren wird, über das Schicksal entscheidet.

Der 23. April… Wir sprechen von einem Feiertag, den Mustafa Kemal Atatürk den Kindern geschenkt hat. Doch dieses Geschenk ist kein Tag, den man mit pompösen Feierlichkeiten abhaken kann; es ist der Name einer schweren Verantwortung. Denn die 1920 eröffnete Große Nationalversammlung der Türkei ist nicht nur ein Gebäude, sondern die Verkörperung des Grundsatzes ’Die Souveränität liegt beim Volk“.

Können wir diese Behauptung heute objektiv betrachten?

Eine Souveränität, die nur auf dem Papier besteht

Die verfassungsmäßigen Rechte bleiben gewahrt. Es finden Wahlen statt. Die Institutionen scheinen zu funktionieren.
Aber die Realität sieht anders aus.

Selbst wenn junge Menschen in den sozialen Medien ihre Meinung äußern, zensieren sie sich selbst. Während Studierende mit Wohn- und Existenzsorgen zu kämpfen haben, bleibt der Anspruch, ein “freier Mensch” zu sein, reine Theorie. Journalisten, Wissenschaftler, Künstler … Sobald sie Kritik üben, können sie zur Zielscheibe werden.

Können wir angesichts dieser Tabelle immer noch sagen: “Die Souveränität liegt voll und ganz beim Volk”?

Die sich vertiefende Kluft im Bildungswesen

Auf der einen Seite eine kleine Gruppe, die Zugang zu guten Schulen hat, auf der anderen Seite Millionen von Kindern, die in überfüllten Klassen und mit unzureichenden Mitteln versuchen, eine Ausbildung zu erhalten.

Was war das Versprechen der Republik?
Chancengleichheit.

Was ist heute die Wahrheit?
Ein System, in dem der Ort, an dem man geboren wird, über das Schicksal entscheidet.

Wenn ein Kind allein aufgrund der wirtschaftlichen Lage seiner Familie schon zu Beginn seines Lebens einen Rückstand hat, ist das nicht nur ein soziales Problem. Das ist eine direkte Aushöhlung des Ideals der Republik.

Wirtschaft: Die Realität, die die Hoffnung zunichte macht

Ein Großteil der jungen Menschen träumt nicht mehr – sie schmieden Pläne: um wegzugehen.

Hohe Inflation, Arbeitslosigkeit, Unsicherheit… Das sind nicht nur wirtschaftliche Begriffe, sondern Realitäten, die das Leben der Menschen einschränken. Wenn das oberste Ziel eines frischgebackenen Hochschulabsolventen nicht darin besteht, etwas zu schaffen, sondern zu überleben, dann liegt hier ein gravierender Bruch vor.

Die Republik ist der Anspruch, ihren Bürgern ein Leben in Würde zu ermöglichen.
Inwieweit trifft diese Behauptung heute zu?

Polarisierung: Die größte Bedrohung

Wer anders denkt, wird nicht mehr nur als “Gegner”, sondern als “Feind” angesehen.
Die Gesellschaft spaltet sich in scharfe Lager, anstatt auf einer gemeinsamen Basis zusammenzufinden.

Dabei ist die Republik doch ein Projekt des Zusammenlebens.
Wenn der Wille zum Zusammenleben nachlässt, liegt genau darin die größte Gefahr.

Die eigentliche Frage

Die Frage lautet nicht: “Werden wir den 23. April feiern?”
Die eigentliche Frage lautet: “Bleiben wir der Bedeutung des 23. April treu?”

Wenn die Antwort nicht eindeutig ist, ist auch das Problem eindeutig.

Und trotzdem…

Ja, die Lage ist ernst. Ja, die Probleme sind konkret und unbestreitbar.
Doch das Wesen der Republik besteht darin, selbst unter den schwierigsten Bedingungen nicht aufzugeben.

Wenn es heute noch junge Menschen gibt, die Fragen stellen, wenn es noch Menschen gibt, die Gerechtigkeit fordern, wenn diejenigen, die sagen, dass “ein besseres Land möglich ist”, noch nicht verstummt sind – dann ist diese Geschichte noch nicht zu Ende.

Das letzte Wort: Harte Realität, zarte Hoffnung

Den 23. April zu feiern ist einfach. Dem Gedenken gerecht zu werden, ist schwer.
Aber wenn wir vor dieser Herausforderung zurückschrecken, bleibt vielleicht nichts mehr übrig, was wir feiern könnten.

Deshalb sollten wir uns heute sowohl der Realität stellen als auch dazu stehen.

Herzlichen Glückwunsch zum Nationalfeiertag und zum Kindertag am 23. April.
Unser Wunsch ist es, dass die Kinder dieses Landes nicht nur an einem einzigen Tag, sondern jeden Tag gleichberechtigt, frei und voller Hoffnung leben können.

ANDERE SCHRIFTEN DES AUTORS