An Kemal Kılıçdaroğlu “Der vollkommene Mensch” wurde verliehen.
Diese Aussage ist kein gewöhnliches Lob. Im Sufismus bezeichnet der Begriff „insan-ı kâmil“ einen Menschen, der sein Ich gezügelt hat, der sich nicht verändert, wenn er Macht erlangt, der seinen Zorn nicht über seinen Verstand stellt und der seinen Gerechtigkeitssinn nicht verliert. Es handelt sich dabei nicht um einen Rang, sondern um eine Charakterbeschreibung.
Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich Kemal Kılıçdaroğlu unterstütze. Denn seit vielen Jahren herrscht in der Politik ein Klima, in dem derjenige als stark gilt, der am lautesten schreit, in dem Härte mit Charisma verwechselt wird und in dem Wut mit Mut verwechselt wird. In einem solchen Umfeld ruhig zu bleiben, ist keine Schwäche, sondern Willensstärke.
Kılıçdaroğlus Tonfall war stets derselbe. Ein sanfter, beharrlicher, aber nicht verletzender Tonfall. Als er von „Versöhnung“ sprach, gab es Spötter. Als er zur Versöhnung aufrief, gab es diejenigen, die ihn herabwürdigten. Doch in einem Land, das von Polarisierung geprägt ist, ist es nicht leicht, die Spannungen abzubauen. Wer nicht den Ton wählt, den die Menge bejubelt, sondern auf die Stimme seines Gewissens hört, muss damit rechnen, allein zu bleiben.
Natürlich werden in der Politik Fehler gemacht. Es kommt zu Fehleinschätzungen, Strategien können fehlschlagen. Wahlen zu gewinnen ist wichtig, aber nicht der einzige Maßstab. Ich stelle andere Fragen. Ändert sich seine Sprache, wenn er an die Macht kommt? Wird er in Krisenzeiten aggressiv? Hat er Toleranz gegenüber seinen Gegnern?.
Der vollkommene Mensch ist nicht gleichbedeutend mit einem makellosen Menschen. Makellosigkeit ist dem Menschen fremd. Es ist jedoch der Mensch, der seinen Zorn beherrschen kann, seinen Gegenüber nicht verteufelt und nicht die Beherrschung verliert. Es ist der Mensch, der angesichts von Macht seinen Charakter bewahrt.
Diese Auszeichnung ist keine Vergötterung, sondern eine Würdigung eines Stils. Sie erinnert daran, dass Politik nicht unbedingt in einem harten, verletzenden und provokativen Ton geführt werden muss. Sie zeigt, dass man auch ohne lautes Schreien eine Führungsrolle übernehmen und seine Meinung äußern kann, ohne andere einzuschüchtern.
Was die Türkei heute braucht, ist nicht nur jemand, der stark wirkt. Sondern jemand, der seine Stärke mit Gelassenheit ausübt. Jemand, dessen Worte niemanden verletzen. Jemand, der diejenigen, die nicht zu ihm gehören, nicht zum Feind erklärt.
„Der vollkommene Mensch“ – das ist ein großes Wort. Aber es gibt eine noch größere Wahrheit. In diesem Land ist es mittlerweile selten geworden, einen Charakter zu sehen, der sich angesichts der Macht nicht verändert.
Ich schätze diese Einzigartigkeit.

Und noch etwas muss gesagt werden: Er ist nicht nur ein ruhiger Politiker. Er ist ein “eiserner Mann”, der sich bei Bedarf zur Wehr setzt, nicht zurückweicht und sich unter Druck nicht aus der Ruhe bringen lässt. Er wirkt sanftmütig, ist aber kein leichter Brocken. Seine Gelassenheit ist keine Schwäche, sondern Ausdruck kontrollierter Stärke.
Genau solche Haltungen und Menschen, die für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit stehen, braucht dieses Land.
