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Elektroauto-Tagebuch

Ich habe mir ein Elektroauto gekauft. Ich dachte, damit würde ich etwas für die Umwelt tun. Leise, sauber, sparsam … So wird es ja immer dargestellt. Da glaubt man es natürlich.

Wie sich herausstellte, war Ruhe nicht im Paket enthalten.

Sobald ich ins Auto steige, schaue ich auf den Bildschirm. Das Wetter ist mir egal. Ich schaue nur, wie viel Prozent es sind.

Man denkt zunächst, man würde sich daran gewöhnen. Man gewöhnt sich aber nicht daran.

Das Leben ist in Prozentsätze unterteilt.

Bei 60 Prozent fühlst du dich wohl.
Du meinst, bei 40 Prozent geht es noch.
Bei 30 Prozent fängst du insgeheim an, zu rechnen.
Bei 20 Prozent “Wir kümmern uns darum” Die Zeit läuft ab.

Was danach geschah “Warum habe ich mich auf das eingelassen?” Uhrzeit.

Du fährst langsamer los. Du trittst ganz sanft aufs Gaspedal. Wenn du schon von weitem die rote Ampel siehst, nimmst du den Fuß vom Gas, anstatt voll auf die Bremse zu treten. Du öffnest das Fenster und schaltest die Klimaanlage erst einmal aus. Wenn es kalt ist, heizt du nicht den Innenraum, sondern nur den Sitz. Du verfolgst jede Bewegung des Autos mit den Augen. Wenn du bergab fährst, verspürst du eine kleine Freude.

Dann gibt es noch die Ladestationen.

Auf der Karte ist es eingezeichnet. In Wirklichkeit ist es meistens nicht da. Entweder ist es geschlossen oder defekt. Manchmal funktioniert es, aber zwei Autos stehen schon da, und du bist der Dritte.

Manchmal funktioniert es zwar, aber es geht so langsam, dass man das Auto stehen lässt und erst mal einen Tee trinken geht. Wenn man zurückkommt, ist es immer noch nicht fertig. In der Zwischenzeit fängt man an, mit sich selbst zu reden.

Das, was als 22 kW bezeichnet wird, ist keine Ladestation. Es ist ein Warteraum.

Du schaltest den Motor an. Du setzt dich hin. Du holst dir einen Kaffee. Dann noch einen. Du schaust auf dein Handy. Du beobachtest die Umgebung. Du denkst über das Leben nach. Du schaust zurück; das Auto ist um 3 % vorangekommen.

Manchmal bleibt das Ladegerät hängen. Man kann weder den Stecker ziehen noch beginnt der Ladevorgang. Man steht einfach nur da und schaut zu. In diesem Moment fühlt man sich wirklich hilflos.

Dann ist da noch die Warteschlange zum Aufladen.

Zwei Autos sind schon da. Du bist der Dritte.

Du bist von vornherein höflich. Du wartest natürlich. Wie es sich gehört.

Es vergehen fünf Minuten.
Zehn Minuten vergehen.

Du schaust zum Nachbarwagen hinüber. Da ist niemand drin. Der Besitzer ist ins Einkaufszentrum gegangen.

Zwanzig Minuten später fängst du an, mit dir selbst zu reden:
“Er ist wohl einen Toast holen gegangen.”

Es sind schon vierzig Minuten.

Es besteht keine Chance mehr auf Toast. Er könnte tot sein.

Du sitzt im Auto und stellst dir in der Warteschlange vor der Ladestation Fragen über den Sinn des Lebens.

Nach einer Weile trifft dein Blick den der anderen Wartenden. Niemand spricht, aber alle denken dasselbe:
“Wann gehst du?”

Bei einem Benziner war das nicht so. Der Tank war leer, man fuhr zur Tankstelle und war in fünf Minuten wieder draußen. Hier ist es dagegen eine ganze Zeremonie. Man öffnet die App, gibt das Passwort ein, es wird nicht akzeptiert, man zieht die Karte durch, steckt den Stecker ein. Der Bildschirm dreht sich und dreht sich …

Dann ein Verbindungsfehler.

In diesem Moment ist es mit der Ruhe vorbei.

Die Zahl der Elektroautos steigt. Die Werbung läuft. Man malt die Zukunft aus. Aber die Infrastruktur hält nicht Schritt. In der Stadt geht es vielleicht noch irgendwie, aber lange Strecken sind nach wie vor ein Abenteuer. Bevor man losfährt, macht man einen Plan. Man hat schon im Kopf, wo man anhalten und wie lange man bleiben wird.

Das sollte aber nicht so sein.

Eine Ladestation zu finden, sollte keine besondere Fähigkeit erfordern. Wir sollten nicht schon vor der Abfahrt einen Plan ausarbeiten müssen. Nur weil der Ladezustand unter 20 Prozent fällt, sollte sich unser Leben nicht komplett ändern müssen.

Die Technologie hat sich verändert. Die Autos sind leiser geworden. Die Motoren sind verschwunden.

Aber die Angst, auf der Straße liegen zu bleiben, bleibt bestehen.

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