Politik funktioniert nicht nur über Programme, Statuten und Rechtsvorschriften. Gesellschaften und politische Bewegungen bewegen sich zugleich durch Emotionen, Identitäten, Zugehörigkeitsgefühle und kollektive Psychologie. Manchmal mag das offensichtliche Thema der Diskussionen in einer politischen Partei ein Parteitag, eine Wahl oder die Führung sein; doch die tiefer liegenden Mechanismen sind ganz andere. Die Debatte verliert ihren rechtlichen Charakter und nimmt einen psychologischen und identitätsbezogenen Charakter an.
Auch die Entwicklungen der letzten Jahre innerhalb der Republikanischen Volkspartei (CHP) lassen sich in diesem Zusammenhang betrachten. Insbesondere bei der Betrachtung der Diskussionen rund um den Parteitag, der Entscheidung über die absolute Nichtigkeit, der innerparteilichen Einsprüche und der Reden, die im Zusammenhang mit dem Führungskampf entstanden sind, wird deutlich, dass es sich um mehr als eine klassische Meinungsverschiedenheit innerhalb der Organisation handelt. Die Debatten entfernen sich zunehmend von der Achse ’recht – unrecht“ und verwandeln sich in identitäre Unterscheidungen wie ”die Getreuen und die Verräter“, ”wir und die anderen“, ”die Verteidiger der Partei und die Feinde“.
Um diesen Wandel zu verstehen, muss man sich auf die Literatur zu Massenpsychologie, Gruppenidentität und Führung stützen.
Die Logik der Massenpsychologie
Gustave Le Bon behauptet in seinem Werk „Psychologie der Massen“, dass Massen anders denken als Einzelpersonen. Seiner Ansicht nach reagieren Massen weniger auf logische Überlegungen als vielmehr auf emotionale Appelle, Symbole und wiederholte Parolen. Je öfter eine Idee wiederholt wird und je entschiedener und unumstößlicher sie präsentiert wird, desto wirkungsvoller wird sie auf die Masse.
Eines der grundlegenden Merkmale der Massenpsychologie ist die Tendenz, komplexe Ereignisse auf einfache Erklärungen zu reduzieren. Ungewissheiten sind beunruhigend. Aus diesem Grund neigen Massen oft dazu, die ihnen angebotenen simplen Darstellungen zu übernehmen, anstatt zu versuchen, komplexe rechtliche oder politische Prozesse zu verstehen.
An diesem Punkt gewinnt die Führungsfigur an Bedeutung. Denn der Anführer wird nicht mehr nur als politischer Akteur wahrgenommen, sondern zunehmend auch als Vertreter der gemeinsamen Gefühle der Gruppe.
Freud und die Identifikation mit dem Anführer
Sigmund Freud macht in seinem Werk „Gruppenpsychologie und Ich-Analyse“ eine wichtige Feststellung, als er die Beziehung der Gruppe zum Anführer erläutert: Die Gruppenmitglieder identifizieren sich mit der Zeit mit dem Anführer. Der Anführer ist nicht mehr nur derjenige, der die Gruppe leitet, sondern wird zum Vertreter des idealen Selbst der Gruppe.
In diesem Fall wird die Kritik am Anführer nicht als gewöhnliche politische Kritik wahrgenommen. Kritik am Anführer wird zunehmend als Angriff auf die Gruppe selbst empfunden.
Genau an diesem Punkt beginnt das kritische Denken in politischen Bewegungen nachzulassen. Denn für die Gruppenmitglieder zählt nun nicht mehr die Richtigkeit des Arguments, sondern der Schutz des Anführers und der Gruppe.
Gruppenidentität und die “Wir-Sie”-Unterscheidung
Der von Erik Erikson und später von Vamık Volkan entwickelte Ansatz der Großgruppenidentität zeigt, dass sich Millionen von Menschen, auch wenn sie sich nicht kennen, um ein gemeinsames “Wir”-Gefühl herum zusammenschließen können. In diesem Zusammenhang gehören Volkans Bücher „Blindes Vertrauen“ und „Töten im Namen der Identität“ zu den Werken, die für Interessierte unbedingt lesenswert sind.
In normalen Zeiten tritt die Identität der größeren Gruppe in den Hintergrund. Wenn sich die Gruppe jedoch bedroht fühlt, treten die individuellen Identitäten in den Hintergrund und die Identität der größeren Gruppe rückt in den Vordergrund.
In diesem Fall beginnen die Menschen, sich weniger als “ich”, sondern vielmehr als “wir” zu definieren.
Und genau hier liegt das Problem.
Denn je stärker “wir” werden, desto deutlicher treten auch “sie” hervor.
Selbst unterschiedliche Stimmen innerhalb einer Gruppe können mit der Zeit in die Kategorie “die Anderen” eingeordnet werden. Anders zu denken, Kritik zu üben oder rechtliche Einwände zu erheben, kann als Verrat angesehen werden.
“Der Mechanismus der ”Verräter“-Erzeugung
Im Laufe der Geschichte haben viele politische Bewegungen versucht, Einheit zu schaffen, indem sie neue Feinde schufen, anstatt ihre internen Streitigkeiten beizulegen.
Dieser Mechanismus ist recht einfach:
Zunächst wird eine Bedrohung für die Gruppe definiert.
Anschließend werden die Personen ermittelt, die mit dieser Bedrohung in Verbindung stehen.
Anschließend werden die komplexen Realitäten, die diese Personen betreffen, ausgeblendet und durch eindimensionale Etiketten ersetzt.
So verliert der Mensch seine Menschlichkeit und wird zu einem Symbol.
“Verräter.”
“Kooperativ.”
“Ein Mann der Gegenseite.”
“Troll.”
“Der Feind.”
Sobald diese Etiketten verwendet werden, ist die Diskussion beendet. Denn nun sprechen nicht mehr Ideen, sondern Identitäten.
Medien und Wahrnehmungsbildung
In der modernen Politik wird Propaganda nicht nur mit staatlichen Mitteln betrieben.
Auch Meinungsführer wie Fernsehsender, Zeitungen, Social-Media-Konten, digitale Netzwerke, Journalisten, Wissenschaftler, Juristen und Politiker werden Teil dieses Prozesses.
Wenn eine Aussage ständig wiederholt wird, hören die Menschen mit der Zeit vielleicht auf, ihre Richtigkeit anzuzweifeln.
In der politischen Psychologie wird dies als “Realitätseffekt” bezeichnet.
Eine Information wird nicht deshalb als wahr wahrgenommen, weil sie wahr ist, sondern weil sie ständig wiederholt wird.
Aus diesem Grund zielt Propaganda meist weniger darauf ab, neue Informationen zu liefern, als vielmehr darauf, bereits vorhandene Gefühle zu lenken.
Wut, Angst, Zugehörigkeitsgefühl und das Gefühl der Bedrohung sind die wirksamsten Mittel dafür.
Die psychologischen Grundlagen des Faschismus
Der Faschismus ist nicht nur eine Regierungsform, sondern auch ein bestimmtes psychologisches Klima.
In diesem Klima:
- Der Anführer wird unantastbar.
- Oppositionelle werden zum Feind erklärt.
- Komplexe Probleme werden auf eine einzige Feindfigur zurückgeführt.
- Es wird ständig eine Atmosphäre der Bedrohung geschaffen.
- Die Gruppenidentität wird über die individuelle Identität gestellt.
- Treue wird wertvoller als Aufrichtigkeit.
In der Zeit Mussolinis und Hitlers wurden diese Mechanismen äußerst rigoros und offen angewendet.
Heutzutage können dieselben Prozesse jedoch viel subtiler, viel raffinierter und oft im Rahmen demokratischer Diskurse ablaufen.
Daher geht es nicht nur um den historischen Faschismus.
Das eigentliche Problem sind die psychologischen Mechanismen, die in jeder Epoche wieder auftauchen können.
Die Debatten innerhalb der CHP aus dieser Perspektive betrachten
Es ist auffällig, dass sich die rechtlichen Auseinandersetzungen im Rahmen der jüngsten Entwicklungen innerhalb der CHP zunehmend zu einem psychologischen und identitätsbezogenen Kampf entwickelt haben.
In einem Umfeld, in dem Themen wie die Rechtmäßigkeit von Parteitagen, der Status der Delegierten, Gerichtsurteile oder die Parteisatzung diskutiert werden müssen, ist es ein klassisches Anzeichen von Gruppenpsychologie, wenn sich die Debatte zunehmend auf Personen konzentriert, Kritiker abgestempelt und abweichende Meinungen verteufelt werden.
Die Frage ist folgende:
Wird eine politische Bewegung die Kritik und die rechtlichen Einwände innerhalb ihrer eigenen Reihen als demokratischen Reichtum betrachten?
Oder wird er dies als Angriff auf die Gruppenidentität auffassen und die Person ausgrenzen?
Die Antwort auf diese Frage ist nicht nur für die Zukunft der CHP, sondern für alle politischen Bewegungen in der Türkei von Bedeutung.
Zwei unterschiedliche Reaktionsweisen innerhalb der CHP
In diesem Zusammenhang fallen zwei unterschiedliche Reaktionsmuster innerhalb der CHP auf. Die Krise in der CHP lässt sich nicht nur als Führungskampf, sondern auch als Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher politischer Führungsansätze interpretieren. Auf der einen Seite steht ein Ansatz, der institutionelle Verfahren, parteiinterne Mechanismen und rechtliche Prozesse in den Vordergrund stellt; auf der anderen Seite ein Ansatz, der darauf abzielt, die Basis ständig zu mobilisieren und emotionale Energie in politische Macht umzuwandeln.
Die Durchsetzung von Disziplinarverfahren, Änderungen in der Leitung der Parlamentsfraktion, die Stärkung der Effizienz des Zentralvorstands sowie die Neugestaltung der parteiinternen Mechanismen werden als Instrumente des Ansatzes von Kılıçdaroğlu dargestellt. Die zentrale These dieses Ansatzes lautet, dass die Partei auch in Krisenzeiten auf der Grundlage von Recht, Satzung und institutionellen Verfahren geführt werden muss.
Das Besondere daran ist, dass es die Anhänger schnell mobilisieren kann; gleichzeitig birgt es jedoch auch das Risiko, die Debatte von einer rechtlichen auf eine identitätsbezogene Ebene zu verlagern. Aus der Perspektive der politischen Psychologie betrachtet, können Diskurse, die ständig auf Bedrohungen hinweisen, die Unterscheidung zwischen “wir und sie” verschärfen und eine intensive emotionale Bindung an den Führer erzeugen, zwar die Mobilisierung der Massen stärken, aber gleichzeitig den Raum für kritisches Denken einschränken.
Hier geht es weniger um persönliche Absichten als vielmehr um die gesellschaftlichen Auswirkungen des verwendeten Stils der politischen Kommunikation. Während die Betonung von institutioneller Wiedergutmachung und rechtlichen Verfahren das Potenzial birgt, Krisen zu entschärfen, kann eine hochgradig polarisierende Mobilisierungsrhetorik zwar kurzfristig starke Unterstützung generieren, langfristig jedoch die Polarisierung vertiefen. Studien zur politischen Psychologie und zum Massenverhalten zeigen, dass hochgradig polarisierende Mobilisierungsstrategien kurzfristig sehr wirksam sein können. Bewegungen, die sich um eine gemeinsame Bedrohungswahrnehmung, eine starke Führungspersönlichkeit und eine scharfe “Wir-gegen-die-Anderen”-Unterscheidung organisieren, können in bestimmten Phasen breite Unterstützung generieren. Die Nachhaltigkeit einer solchen Mobilisierung ist jedoch umstrittener. Denn auch wenn Angst, Wut und Zugehörigkeitsgefühle die Massen mobilisieren können, ist es für politische Organisationen schwierig, langfristig allein durch emotionale Mobilisierung zu bestehen. Institutionelle Kapazität, rechtliche Legitimität, organisatorische Stabilität und die Fähigkeit, Lösungen für alltägliche Probleme zu finden, gewinnen mit der Zeit an Bedeutung. Aus diesem Grund nehmen die Massen, wenn auch nicht immer sofort, so doch meist anhand der Ergebnisse eine Neubewertung vor; wenn sich die Kluft zwischen emotionaler Verbundenheit und konkreter Leistung vergrößert, beginnen sich auch die Unterstützungsbeziehungen zu verändern.
Daher lässt sich die Debatte innerhalb der CHP nicht nur als Führungskampf betrachten, sondern auch als Auseinandersetzung zwischen zwei unterschiedlichen Stilen der politischen Führung und Kommunikation.
Schlussfolgerung
Demokratische Politik setzt voraus, dass unterschiedliche Meinungen nebeneinander bestehen können.
Die Stärke einer Bewegung misst sich nicht an der Loyalität gegenüber ihrem Anführer, sondern an ihrer Fähigkeit, Kritik zu ertragen.
Denn eine der wichtigsten Erkenntnisse, die uns die Geschichte lehrt, lautet:
Führungskräfte können Fehler machen.
Führungskräfte können Fehler machen.
Die Massen können Fehler machen.
Wenn jedoch der Mechanismus der Kritik wegfällt, entfällt auch die Möglichkeit, Fehler zu korrigieren.
Daher besteht die eigentliche Gefahr für eine politische Bewegung nicht in ihren Gegnern, sondern darin, dass kritisches Denken durch blinde Loyalität ersetzt wird.
Was die Demokratie bedroht, sind meist nicht Angriffe von außen, sondern das Ende der kritischen Hinterfragung im Inneren. Historische Erfahrungen zeigen, dass Massen nicht gänzlich irrational sind. Auch wenn die Massenpsychologie in bestimmten Phasen emotionale Schwankungen hervorrufen kann, bestimmt langfristig nicht nur die Parolen, sondern die Beziehung zur Realität das Schicksal gesellschaftlicher Bewegungen. Während ständige Mobilisierung und Krisenrhetorik ab einem bestimmten Punkt zu Ermüdung führen, gewinnen Institutionalität, Vorhersehbarkeit und das Streben nach Stabilität wieder an Bedeutung. Daher ist in politischen Kämpfen nicht so sehr die Fähigkeit entscheidend, die Massen zu mobilisieren, sondern vielmehr die Fähigkeit, sie über einen langen Zeitraum hinweg in derselben Richtung zu halten.
Im Laufe der Geschichte ist es vielen Bewegungen gelungen, ihre Anhänger mit Wut und Begeisterung zu mobilisieren. Doch nur wenigen ist es gelungen, dieselben Massen über einen längeren Zeitraum hinweg für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen. Die wahre Bewährungsprobe für politische Bewegungen besteht nicht darin, in Krisenzeiten an Stärke zu gewinnen, sondern darin, nach der Krise ihre institutionelle Legitimität, ihre organisatorische Integrität und das Vertrauen der Gesellschaft zu bewahren.
Die Geschichte ist voller Führungspersönlichkeiten, die die Massen in Bewegung setzen; doch diejenigen, die Bestand haben, sind diejenigen, die nicht die Massen, sondern die Institutionen aufrechterhalten können.
