Die Türkei beginnt die neue Woche mit zwei unterschiedlichen Realitäten: der erzählten und der gelebten…
Was im Fernsehen gesagt wird, deckt sich nicht mehr mit dem, was auf der Straße gesagt wird. In der Politik wird wieder über vorgezogene Wahlen diskutiert, aber das ist nicht das, was die Bürger beschäftigt. Die eigentliche Frage lautet: Was würde sich bei einer Wahl ändern? Denn es geht nicht um die Wahl, sondern um den Lebensunterhalt.
Die Wirtschaft lässt sich anhand von Zahlen erklären; das Leben hingegen misst sich am Markt. Es gibt eine große Bevölkerungsgruppe, die mit dem gleichen Gehalt auskommen muss, aber weniger davon hat. Während die Preise steigen, schrumpft der Lebensraum. Früher erfuhr man von der Inflation aus den Erklärungen der Behörden, heute rechnet jeder beim Einkaufen seine eigene Inflation aus. Deshalb steht ein Satz im Vordergrund: Es sind nicht die Zahlen, sondern mein Geldbeutel, der spricht.
Das Thema Justiz ist mittlerweile mehr als nur eine technische Debatte. Die Wahrnehmung der Gerichtsverfahren wirkt sich unmittelbar auf das Vertrauen aus. In der Gesellschaft wird zunehmend folgende Frage gestellt: Gerechtigkeit – für wen? Je größer diese Frage wird, desto mehr schwindet das Vertrauen.
Auch das Thema soziale Sicherheit steht wieder auf der Tagesordnung. Vor allem Familien machen sich nicht nur wirtschaftliche Sorgen um ihre Kinder, sondern auch um deren körperliche Sicherheit. Dies wirkt sich unmittelbar auf die Stimmung in der Gesellschaft aus.
Auch wenn die Außenpolitik weit weg zu sein scheint, sind ihre Auswirkungen im Inland spürbar. Kriege und Krisen werden heute nicht mehr unter ideologischen, sondern unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet. Die Menschen haben einen klaren Blick darauf: Wie wird sich das auf uns auswirken?
Andererseits ist kein einprägsames, wirkungsvolles Projekt oder konkretes Lebensversprechen in Sicht, das das Leben unmittelbar verändern würde. Weder wird von einer klaren Vision gesprochen, die weite Teile der Regierung überzeugen könnte, noch von einem klaren Fahrplan der Opposition, der die Gesellschaft beruhigen würde. Die Politik gerät zunehmend in die Debatte “Operation oder Recht?” fest. Dabei gibt es einen Satz, den niemand hört: Wie wird Ihr Leben morgen aussehen?
Auch der Begriff “Überlebensfrage” hat heute eine neue Bedeutung bekommen. Es geht nicht mehr um Grenzsicherheit, sondern um Existenzsicherheit. Die grundlegendste Frage für die Menschen ist, ob ein Leben auf diese Weise überhaupt noch möglich ist.
Zum Abschluss kommen uns die Worte von Barış Manço in den Sinn, die wir immer mit einem Lächeln anhören: “Das ist nur so dahingesagt, Freunde, aber ich fühle mich in letzter Zeit wie eine Gurke. Ich sage immer: ”Wenn man mich in Scheiben schneiden würde, gäbe es im Mittelmeer einen Gurkensalat.‘“
Heute ist dieser Satz nicht mehr nur ein Witz.
“Selbst im Mittelmeerraum, den wir als ”Gurkenlager‘ bezeichnen, wie viele Familien können sich noch einen Tzatziki auf den Tisch stellen? Ein Kilo Gurken, ein Kilo Joghurt … Selbst die einfachsten Speisen sind mittlerweile eine Frage der Kostenkalkulation.“.
Das türkische Statistikamt (TÜİK) veröffentlicht Daten. Die Zahlen werden bekannt gegeben. Doch wie sich diese Zahlen auf den Esstisch auswirken, ist eine Tatsache, die mittlerweile jeder in seinem eigenen Leben am eigenen Leib spürt.
Letztendlich ist die Lage klar: Die Menschen orientieren sich nicht an dem, was erzählt wird, sondern an dem, was sie erleben. Auch wenn es so aussieht, als würde über Politik gesprochen, geht es in Wirklichkeit um das Leben selbst. Und heute dreht sich die eigentliche Tagesordnung dieses Landes um folgende Frage:
Was kannst du auf den Tisch stellen?
