Ich bin seit sechzehn Jahren als Dozent tätig.
Den größten Teil dieser Zeit habe ich in Universitätskliniken, Kliniken, Abteilungen und Operationssälen verbracht. Ich habe Assistenzärzte ausgebildet, Studenten unterrichtet, Patienten betreut und versucht, wissenschaftlich zu arbeiten. Außerdem habe ich drei Jahre lang in Ausbildungskrankenhäusern im Ausland gearbeitet. Deshalb kann ich mit Fug und Recht sagen: Die medizinische Ausbildung in der Türkei ist schon seit langem nicht mehr auf dem richtigen Stand.
Das weiß jeder, aber niemand will es laut aussprechen. Das Problem sind weder die Schüler noch die Lehrer. Das Problem liegt im System.
Heutzutage wird von einem Lehrenden an Universitätskliniken gleichzeitig zweierlei erwartet. Einerseits sollst du Wissenschaftler sein, unterrichten, forschen und Publikationen verfassen. Andererseits soll man wie ein Leistungsorientierter Arzt mehr Patienten versorgen, schneller arbeiten und Umsatz generieren. Um es ganz offen zu sagen: Diese beiden Dinge lassen sich nicht miteinander vereinbaren. Denn diese beiden Welten funktionieren nicht nach derselben Logik.
Es ist unmöglich, dass ein Lehrender, der im Rahmen des Leistungssystems gezwungen ist, Geld zu verdienen, ein aktiver Teil des Lehrprozesses sein kann. Das ist keine Frage persönlicher Fähigkeiten, sondern ein strukturelles Problem. Die Aufgabe eines Lehrenden an der medizinischen Fakultät besteht nicht darin, Patienten zu zählen. Sie besteht darin, Ärzte auszubilden. Es geht darum, klinisches Denken zu vermitteln. Es geht darum, Wissenschaft zu betreiben. All dies lässt sich nicht unter Zeitdruck, unter dem Zwang zur Schnelligkeit und unter dem Druck der Punktzahlberechnung leisten. Das erlebe ich seit Jahren hautnah mit.
Warum gehen Ausbildung und Leistung nicht Hand in Hand? Weil das Leistungssystem Schnelligkeit, Zahlen und messbare Ergebnisse verlangt. Die Ausbildung hingegen erfordert Zeit, Nachdenken und Wiederholung. Die Frage des Assistenzarztes “Warum haben wir bei diesem Patienten so gehandelt?” ist keine Frage, die man in wenigen Minuten abhaken kann. Aber genau in diesen wenigen Minuten wird das Arztsein gelernt. Das mag in der Leistungsübersicht nicht sichtbar sein, aber dort liegt der Kern des Berufs.
Ein weiterer grundlegender Widerspruch zeigt sich in der Frage des Fehlers. Die Ausbildung erfordert kontrollierte und beaufsichtigte Fehler. Das Leistungssystem hingegen betrachtet Fehler als Risiko. Infolgedessen darf der Assistenzarzt den Patienten entweder gar nicht mehr berühren oder wird auf sich allein gestellt. Beides ist keine Ausbildung.
Leistung liebt das Messbare. Bildung hingegen lässt sich nicht immer messen. Die Reifung des klinischen Urteilsvermögens eines Assistenzarztes, die Entwicklung ethischer Reflexe und das Erlernen der richtigen Haltung lassen sich nicht in Punktetabellen fassen. Was man nicht messen kann, wird im System als wertlos abgetan. Genau das ist der Fall.
Es gibt noch eine weitere Tatsache, über die niemand laut sprechen möchte. Sehr gute Dozenten verlassen die Universitäten, weil sie dort weder wirtschaftliche noch berufliche Zufriedenheit finden. Solche Menschen lassen sich nicht so einfach ausbilden. Sie sind das Ergebnis jahrelanger Arbeit und Erfahrung. Je mehr das System diesen Verlust zur Normalität werden lässt, desto mehr leeren sich die Universitäten. Dabei müsste das System sowohl gute Dozenten halten als auch die Universitäten zu attraktiven Arbeitsorten machen.
Ich weiß, dass die Systeme im Ausland nicht perfekt sind. Aber es gibt einen gemeinsamen Grundsatz: Die akademische Medizin und die klinische Praxis sind funktional voneinander getrennt. Lehrende Ärzte erbringen zwar klinische Leistungen, doch diese sind nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet, sondern dienen der Unterstützung von Lehre und Forschung.
Bei uns hingegen ächzen die Universitätskliniken unter der Arbeitslast, während die Ausbildung auf ein “wenn es schon geht, umso besser”-Niveau gedrängt wurde. Das ist nicht nachhaltig.
Wir müssen nun eine klare Entscheidung treffen. Sollen Universitätskliniken Dienstleistungszentren sein oder Zentren für Lehre und Wissenschaft? Beides lässt sich in der jetzigen Form nicht miteinander vereinbaren. Es ist unrealistisch, von einem Lehrenden zu erwarten, dass er unter Leistungsdruck arbeitet und gleichzeitig eine qualitativ hochwertige medizinische Ausbildung bietet.
Medizinische Fakultäten sind keine Einrichtungen, die lediglich Diplome ausstellen. Auch Universitätskliniken dürfen keine Einrichtungen sein, die nur Patienten abfertigen. Bleibt die Ausbildung am Rande des Systems stehen, bleiben am Ende nur noch Titel übrig.
Wir bilden vielleicht Ärzte aus, aber wir können keine “guten Ärzte” ausbilden.
