HALKWEBAutorenWann haben wir diese Kinder verloren?

Wann haben wir diese Kinder verloren?

Heute geht es nicht darum, die Schuld nach links und rechts zu schieben, sondern darum, dass jeder mutig seine eigene Rolle hinterfragt.

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Der herzzerreißende Satz von Rakel Dink klingt uns noch immer in den Ohren: “Nichts kann getan werden, ohne die Dunkelheit zu hinterfragen, die aus einem Baby einen Mörder macht.” Diese Aussage ist nicht nur ein Ausdruck des Schmerzes, sondern auch ein Aufruf an eine Gesellschaft, in den Spiegel zu schauen.

Wenn ein Kind heute mit einer Waffe durch die Gänge einer Schule läuft und seinen Lehrer tötet, handelt es sich nicht mehr um eine individuelle “Abweichung”, sondern um einen gesellschaftlichen Zusammenbruch. An diesem Punkt kann die Schuld nicht allein bei diesem Kind gesucht werden. Dies ist das Ergebnis eines breiten Verfalls, der sich von der Familie bis zur Bildung, von den Medien bis zur Politik erstreckt. Und ja, alle, insbesondere das Bildungssystem, sind Teil dieses Bildes.

Der Lehrerberuf ist natürlich wertvoll. Aber kein Beruf kann sich hinter einem unanfechtbaren Panzer der Heiligkeit verstecken. Ein Verständnis, das sich selbst von Kritik ausschließt, indem es sagt: “Ich bin der Inhaber eines heiligen Berufs”, fügt dem Ruf dieses Berufs den größten Schaden zu. Wenn ein Erzieher meint, dass es ausreicht, nur sein Gehalt zu bekommen und in einem verrotteten System zu überleben, ist er/sie auch Teilhaber an den Wunden, die in den Seelen der heranwachsenden Generationen aufgerissen werden.

Die Schule ist heute nicht mehr nur ein Ort, an dem den Kindern Informationen vermittelt werden, sondern sie muss auch ein Ort sein, der sie auf das Leben vorbereitet und ihnen Werte vermittelt. Doch leider hat sich die derzeitige Struktur oft in einen auswendig gelernten, erdrückenden und seelenlosen Mechanismus verwandelt. Ein Kind, das in diesem System aufwächst, kann nicht lernen, mit seiner Wut, Einsamkeit und Hilflosigkeit umzugehen. Das Ergebnis ist eine explodierende Gewalt.

Die eigentliche Frage ist die folgende: Wann haben wir diese Kinder verloren? Wer hat sie ignoriert? Welcher Lehrer, welche Verwaltung, welches System hat den Schrei dieses Kindes nicht gehört?

Wenn eine Gesellschaft die Verwandlung ihrer eigenen Kinder in Mörder nur mit “Schicksal” oder “individueller Perversion” erklärt, hat diese Gesellschaft bereits Alarm geschlagen. Denn diese Kinder erreichen diesen Punkt nicht an einem Tag. Jedes Kind, das nicht gesehen, gehört und verstanden wird, wird zu einer potenziellen Tragödie von morgen.

Was heute getan werden muss, ist nicht, die Schuld nach links und rechts zu schieben, sondern dass jeder mutig seine eigene Rolle hinterfragt. Ohne einen Umbau des Bildungssystems, ohne echte Unterstützung für die Lehrer und ohne die psychologische Welt der Kinder ernst zu nehmen, kann dieser dunkle Kreislauf nicht durchbrochen werden.

Und das darf nicht vergessen werden: Ein Kind zu retten, bedeutet, eine Gesellschaft zu retten. Aber ein Kind zu verlieren... das ist die gemeinsame Verantwortung von uns allen.

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