Machen Sie sich keine Illusionen mehr: In dieser Geschichte gibt es kein Publikum. Wir sind alle auf der Bühne. Wir alle sind an diesem Verfall beteiligt - manche, indem sie schweigen, manche, indem sie ihn legitimieren, manche, indem sie direkt daran beteiligt sind.
Vor vielen Jahren sagte Grigorij Petrow: “Die Menschen verrotten körperlich, geistig, intellektuell und moralisch, und niemand sieht es. Es ist, als ob der Charakter eines jeden verdorben wäre, oder jeder hat sich an diese Korruption gewöhnt und hält sie für natürlich.”
Heute geht es nicht mehr darum, diesen Verfall nicht zu sehen. Es geht darum, ihn zu sehen und trotzdem weiterzuleben.
Der Verfall in der modernen Welt vollzieht sich nicht in großen Brüchen. Er vollzieht sich leise, langsam und schleichend. Eines Tages lügen wir nicht, sondern verbiegen eine kleine Wahrheit. Eines Tages tun wir kein Unrecht; wir ignorieren es. Eines Tages verteidigen wir die Ungerechtigkeit nicht, sondern wir gehen vorbei und sagen: “Es berührt mich nicht”. Das ist der Grund, warum der Verfall so stark ist: Weil sich niemand schuldig fühlt.
In der Türkei ist diese Situation noch akuter. Denn hier geht es nicht nur um individuelle Schwächen, sondern um eine kollektive Gewohnheit. Wir sprechen über Verdienste, bevorzugen aber Bekannte. Es wird Gerechtigkeit gefordert, aber wir schweigen, wenn es uns passt. Harte Sprache wird kritisiert, aber dieselbe Sprache wird im täglichen Leben reproduziert. Alle beklagen sich, aber niemand will wirklich aufgeben.
Die Politik ist der nackte Spiegel dieses Bildes. Aber sie ist auch eine Ausrede. Wir entlasten uns, indem wir sagen: “Sie tun es”. Doch was wir Politik nennen, ist nichts anderes als der Spiegel dieser Gesellschaft. Wenn das Bild im Spiegel schmutzig ist, ist es ein Leichtes, nach dem Problem im Glas zu suchen.
Das Gefährlichste ist, dass es uns nicht mehr so sehr stört wie früher, weil wir es gewohnt sind. Denn wir sind daran gewöhnt, und was man sich angewöhnt, wird mit der Zeit normal. Heute werden viele Dinge, die uns eigentlich ärgern sollten, nur ein paar Minuten lang angesprochen und dann vergessen. Dieser Zustand des Vergessens ist der größte Verbündete des Verfalls.
Aber die vielleicht härteste Wahrheit ist folgende: Es handelt sich sowohl um ein Charakterproblem als auch um ein Systemproblem. Denn Systeme sind so sauber oder so schmutzig wie die Menschen, die sie unterhalten. Wenn der Einzelne ständig kleine Fehler toleriert, werden große Fehler unvermeidlich.
Es geht also nicht mehr darum, anderen die Schuld zu geben. Es geht darum, in den Spiegel zu schauen. Denn wenn es wirklich unschuldige Menschen in dieser Geschichte gibt, sind sie durch ihr Schweigen bereits neutralisiert worden.
Und der vielleicht beunruhigendste Satz ist dieser:
Diese Gesellschaft verrottet, weil wir sie verrotten lassen.
