Menschenrechte sind die Unantastbarkeit des Gedankens, der Kritik und der Menschenwürde. Die wahre Freiheit einer Gesellschaft misst sich nicht daran, wie laut die Menschen sprechen, sondern daran, ob sie für das, was sie sagen, einen Preis zahlen müssen oder nicht. Wenn der Preis für das Sprechen Haft, Verbannung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder Diskreditierung ist, dann herrscht dort nur Angst – keine Freiheit.
Als ich während meiner Studienzeit die Geschichte von José Martí las, habe ich das viel tiefer verstanden. Im Jahr 1869, als er noch ein 16-jähriger Schüler war, schrieb er nur einen einzigen Satz in sein Notizbuch: ’Kuba muss unabhängig sein.“
Dieser Satz, den ein Kind in sein Heft geschrieben hatte, beunruhigte die Kolonialverwaltung so sehr, dass Martí verhaftet wurde. Man legte ihm Fußfesseln an und verurteilte ihn zu schwerer Ruderarbeit. Diese Ketten schnitten ihm ins Fleisch, verstümmelten seinen Körper und hinterließen eine Narbe, die er sein Leben lang tragen würde. Doch seine Gedanken konnten sie nicht antasten.
Genau hier setzen die Menschenrechte an. Martis Geschichte ist weitaus lehrreicher als lange Erklärungen zu den Menschenrechten oder dicke Rechtsbücher. Denn egal, auf welche Epoche der Welt wir auch blicken mögen, wir sehen, dass die Machthaber immer wieder in denselben Irrtum verfallen:
Sie glauben, dass sie das Denken zum Schweigen bringen können, indem sie Jugendliche, Journalisten und Wissenschaftler zum Schweigen bringen.
Doch die Geschichte hat immer wieder gezeigt: Der Körper lässt sich bestrafen, die Stimme zum Schweigen bringen, die Feder zerbrechen…
Aber Gedanken lassen sich nicht auslöschen. Unterdrückung vernichtet Ideen nicht; im Gegenteil, sie macht sie widerstandsfähiger, schärfer und beständiger.
Heute ist der 10. Dezember, der Tag der Menschenrechte.
Aber dies ist kein Feiertag. Es ist ein Gedenktag. Für jeden jungen Menschen, der in Ketten gelegt wurde…
Ein Tag, an dem wir uns an jeden zum Schweigen gebrachten Wissenschaftler erinnern … an jeden Journalisten, der ins Visier genommen, vor Gericht gestellt oder entlassen wurde. Und ein Tag, an dem wir immer wieder dieselbe Wahrheit erkennen: Die Menschenwürde gibt das letzte Wort nicht auf, egal wie stark der Druck auch sein mag.
