Wenn die Menschen in der Antike auf die Berge blickten, sahen sie ihre Götter.
Ihnen zufolge gab es Wesen, die den Himmel auf ihren Schultern trugen, Stürme zügelten und den Lauf der Flüsse umleiteten. Die Griechen nannten sie Titanen. Die Völker des Nordens sprachen von Riesen. Die Kinder der Steppen wiederum erzählten von ihren erhabenen Vorfahren, die den Himmel stützten.
Vielleicht hat die Menschheit die Mythologie erst erfunden, um von Macht und Schutz zu erzählen.
Denn manche Dinge lassen sich nur durch Geschichten erklären.
Auch mein Vater war einer von ihnen.
Seit die Menschheit angefangen hat, ihre Geschichten zu erzählen, erzählt sie auch von ihren Vätern.
Von den ersten Figuren, die auf Höhlenwände gemalt wurden, bis hin zu den in den Himmel ragenden Tempeln taucht in der Erinnerung jedes Zeitalters dieselbe Silhouette auf: der Mann, der beschützt, den Weg weist, Grenzen zieht, manchmal streng ist, aber stets die Last einer ganzen Welt auf seinen Schultern trägt…
In den Mythologien wurde er mal Uranos, mal Kronos, mal Odin und mal auch „Himmelsgott“ genannt.
Die Namen haben sich geändert.
Aber die Geschichte hat sich nicht geändert.
Denn wenn der Mensch zum Himmel blickte, sah er nicht nur die Sterne, sondern auch diejenigen, die vor ihm da waren.
Väter ähneln dem Himmel auch ein bisschen aus diesem Grund.
In der Kindheit scheinen sie unendlich zu sein.
Man könnte meinen, er wüsste alles und könnte alles.
Wenn Sie hinfallen, helfen sie Ihnen wieder auf.
Wenn ihr Angst habt, bieten sie euch Schutz.
Und mit kindlicher Naivität glaubt man, dass sie niemals müde werden und niemals alt werden.
Dann wird man erwachsen.
Man merkt, dass auch sie Ängste, Unzulänglichkeiten und Wunden haben.
Und genau in diesem Moment beginnt die Mythologie.
Denn alle Helden erfahren eines Tages, dass auch ihre Väter sterblich sind.
In der griechischen Mythologie tragen sogar die Götter Rache an ihren Vätern. Die Titanen werden gestürzt, Könige altern, Throne wechseln den Besitzer. Doch jedes neue Zeitalter baut auf dem vorherigen auf.
In dem Mut, den wir heute besitzen, stecken die Ängste unserer Väter.
In den Dingen, die wir erreicht haben, stecken ihre unvollendeten Träume…
Unter den Wegen, auf denen wir gehen, liegen die Pfade, die sie angelegt haben.
Deshalb wächst ein Mensch niemals ganz allein auf.
Er trägt einen Stammbaum in sich, der nicht sichtbar ist.
Ein riesiger Lebensbaum, dessen Wurzeln weit in die Vergangenheit reichen…
So wie der Yggdrasil der Skandinavier.
Jede Generation ist ein Zweig.
Jeder Vater ist ein Stamm, der die Weisheit der Wurzeln in sich trägt.
Vielleicht verstehen wir unsere Väter deshalb mit zunehmendem Alter besser.
Als Kinder bewundern wir ihre Kraft.
Als Jugendliche lehnen wir uns gegen Autoritäten auf.
Wenn wir erst einmal erwachsen sind, erkennen wir, wie schwere Lasten sie auf ihren Schultern tragen.
Ein Haus am Laufen zu halten…
Sich um eine Familie Sorgen zu machen…
Still und aufopferungsvoll zu sein…
Da wird uns bewusst, was für eine große Heldentat das ist.
In den Mythologien wird erzählt, dass Helden gegen Drachen kämpfen.
Im wirklichen Leben kämpfen viele Väter jedoch gegen unsichtbare Drachen:
mit finanziellen Schwierigkeiten.
Mit ihren Ängsten.
Mit der Einsamkeit.
Mit Ungewissheit.
Und meistens sieht niemand diese Kämpfe.
Denn wahrer Heldenmut entsteht nicht unter dem Beifall, sondern unter der Last der Verantwortung.
Heute ist Vatertag.
Vielleicht ist heute der Tag, an dem wir uns wieder an die Helden unserer Kindheit erinnern.
Die Männer, von denen wir jahrelang glaubten, sie würden den Himmel auf ihren Schultern tragen…
Diese stillen Wächter, die abends müde nach Hause kommen, manchmal schweigen, manchmal wütend werden, manchmal Fehler machen, aber trotz allem für ihre Familie da sind…
Denn mit den Jahren wird uns klar:
Väter waren nicht perfekt.
Sie waren auch nicht unbesiegbar wie die Titanen.
Darin lag auch ihre wahre Größe.
Sie waren keine Götter.
Doch sie haben versucht, ihren Kindern eine sichere Welt zu hinterlassen, indem sie die ganze Last des Menschseins auf sich nahmen.
Und wie jeder Generation haben sie auch uns nicht nur das Leben, sondern auch den Kampf als Erbe hinterlassen.
Schaut jetzt in den Himmel.
Stellen Sie sich vor, die Menschen blicken schon seit Tausenden von Jahren auf dieselben Sterne.
Vielleicht kursiert irgendwo unter ihnen eine gemeinsame Geschichte, die den Vätern aller Zeiten gehört.
Was am Lagerfeuer begann,
der die Hand eines Kindes hält,
Was von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird…
Und diese uralte Geschichte, die so lange weitererzählt werden wird, wie es die Menschheit gibt.
Vielleicht ist dies das älteste Epos der Menschheit.
Das Epos der Vaterschaft.
