Die Menschheit hat sich im Laufe der Geschichte weiterentwickelt.
Er vergrößerte seine Städte, seine Staaten, seine Wirtschaft, seine Armeen und seine Technologie. Er drang in die Erde vor, überquerte die Meere, stieg in den Himmel empor und erreichte den Weltraum. Er vermehrte das Wissen, steigerte die Produktion, verband die Welt miteinander.
Heute können wir innerhalb weniger Sekunden das andere Ende der Welt erreichen und über einen Bildschirm auf das gesamte Wissen der Menschheitsgeschichte zugreifen. Wir leben in einem Zeitalter, das so mächtig, schnell und wirkungsvoll ist wie nie zuvor.
Doch inmitten all dieses Wachstums steht immer noch eine Frage, die auf eine Antwort wartet:
Die Menschheit wächst – aber wird sie auch menschlicher?
Vielleicht ist das die grundlegendste Frage unserer Zeit.
Denn erwachsenwerden ist nicht dasselbe wie menschlich zu werden.
Wachstum lässt sich in Zahlen messen; Menschlichkeit am Gewissen.
Wachsen bedeutet, mehr zu besitzen; Menschwerden hingegen, wie wir zu dem stehen, was wir besitzen.
Wachsen bedeutet, sich nach außen auszudehnen; Menschwerden bedeutet, in sich selbst zu vertiefen.
Die moderne Welt lehrt uns jedoch ständig, zu wachsen, statt menschlicher zu werden. Sie lehrt uns, mehr zu produzieren, mehr zu konsumieren, mehr zu verdienen und mehr im Blickpunkt zu stehen. Deshalb wächst die Menschheit zwar immer weiter, kommt sich selbst aber nicht im gleichen Maße näher.
Das Wissen nimmt zu, aber die Weisheit wächst nicht im gleichen Tempo.
Es gibt immer mehr Kommunikationsmittel, aber die Menschen verstehen einander nicht besser.
Der Reichtum wächst, aber der Sinn für Teilen wächst nicht mit.
Die Menschenmengen werden größer, doch die Einsamkeit wird immer tiefer.
Die Technologie entwickelt sich weiter, doch die Leere im Menschen wird nicht kleiner.
Es scheint, als hätte die Menschheit bei der Erweiterung ihrer Außenwelt ihre Innenwelt vernachlässigt.
Die Beziehung, die der Mensch zu sich selbst nicht herstellen kann, spiegelt sich jedoch mit der Zeit auch in allen von ihm geschaffenen Strukturen wider. Staaten, Institutionen, Parteien, Unternehmen und Kommunen – sie alle tragen in gewisser Weise die Spuren der Denkweise, aus der sie hervorgegangen sind.
Aus diesem Grund ist die Kommunalverwaltung nicht nur eine rein technische Verwaltungsangelegenheit. Vielmehr ist sie auf lokaler Ebene der Ausdruck der Beziehung, die der Mensch zu Macht, Autorität und dem Wunsch nach Herrschaft aufbaut.
Heutzutage ist vielerorts von Bürgern, Partizipation und Demokratie die Rede. Doch gleichzeitig bestehen auch weiterhin Tendenzen zur Zentralisierung, Kontrollwahn und ein bestimmtes Machtverständnis fort.
Aus diesem Grund kann sich eine Gemeinde, obwohl sie die der Bevölkerung am nächsten stehende Institution ist, zu einer der von der Bevölkerung am weitesten entfernten Verwaltungsformen entwickeln.
Der Präsident lässt sich in der Zentrale nieder.
Die Bürokratie richtet sich nach ihm.
Entscheidungen werden in kleinen Kreisen getroffen.
Die Bevölkerung ist jedoch meist nicht der Akteur dieses Prozesses, sondern diejenige, die auf das Ergebnis wartet.
Auf diese Weise verwandelt sich die Gemeinde von einem demokratischen Raum, der das Zusammenleben organisiert, in einen staatlichen Mechanismus, der im kleinen Maßstab funktioniert.
Tatsächlich handelt es sich hier nicht nur um ein institutionelles Problem. Es ist vielmehr die gesellschaftliche Widerspiegelung eines Machtverhältnisses, das der Mensch in seinem Inneren nicht überwinden kann.
Denn eine machtorientierte Persönlichkeit schafft nicht nur einen Staat; sie beginnt überall, wo sie sich befindet, sich wie ein Staat zu verhalten.
Anstatt die Verantwortung zu teilen, bündelt er sie.
Anstatt die Entscheidungsfindung zu dezentralisieren, zentralisiert es sie.
Anstatt die Teilnahme zu fördern, wird sie kontrolliert.
Er betrachtet Unterschiede nicht als Bereicherung, sondern als Faktoren, die es zu bewältigen gilt.
Daher ist das größte Hindernis für eine demokratische Kommunalverwaltung oft nicht der Mangel an finanziellen Mitteln oder gesetzliche Beschränkungen, sondern eine Verwaltungsphilosophie, die die Machtverhältnisse zementiert.
Heute ist von alternativer Kommunalpolitik, sozialer Kommunalpolitik, ökologischer Kommunalpolitik und demokratischer Kommunalverwaltung die Rede. Doch oft bleiben die erhofften Ergebnisse dieser Bestrebungen aus.
Denn auch wenn sich die Namen ändern, bleibt die Art der Führung doch dieselbe.
Die Slogans ändern sich, aber die Denkweise bleibt dieselbe.
Institutionen verändern sich, doch die Machtverhältnisse bleiben bestehen.
Es wird im Namen des Volkes gesprochen, aber Entscheidungen werden nicht gemeinsam mit dem Volk getroffen.
Partizipation wird befürwortet, aber die Entscheidungsgewalt wird nicht geteilt.
Es wird von Demokratie gesprochen, doch die Verwaltung wird zentralisiert.
Letztendlich können sich die Gemeinden zu einer kleinen Kopie des Systems entwickeln, das sie kritisieren.
Diese Situation zeigt sich manchmal auch in einer anderen Form.
Es finden ständig Besprechungen statt.
Es finden ständig Diskussionen statt.
Es finden laufend Bewertungen statt.
Doch trotz all dieser Dynamik sind noch nicht genügend konkrete Ergebnisse zu erkennen, die das Leben verändern.
Denn reden ist nicht dasselbe wie bauen.
Diskutieren ist nicht dasselbe wie verändern.
Eine Versammlung abzuhalten ist nicht dasselbe wie sich zu demokratisieren.
Demokratie bedeutet nicht nur, Worte zu finden, sondern die Fähigkeit, den gemeinsamen Willen in gemeinsames Handeln umzusetzen.
Wenn jede Sitzung eine neue Sitzung nach sich zieht, aber keine Sitzung das Leben verändert, dann entsteht dort keine demokratische Politik, sondern ein bürokratischer Kreislauf.
Die lokale Demokratie hingegen erfordert, dass die Bevölkerung zum eigentlichen Träger ihres eigenen Lebens wird.
Das setzt voraus, dass die Nachbarschaft selbst über ihre Zukunft mitbestimmen kann.
Die lokale Wirtschaft muss nicht nur durch Ausschreibungen, sondern auch durch Genossenschaften, Solidaritätsnetzwerke und soziale Produktion gestärkt werden.
Ökologie muss nicht nur als die Anlage von Parks verstanden werden, sondern als der Schutz des Lebens.
Dies setzt voraus, dass Frauen, Jugendliche, Arbeitnehmer und alle Teile der Gesellschaft direkt an den Entscheidungsprozessen teilnehmen können.
All dies lässt sich jedoch nicht allein durch die Gründung neuer Institutionen, die Entwicklung neuer Projekte oder die Ausarbeitung neuer Vorschriften erreichen.
Denn Demokratie beginnt zunächst in der Welt des Menschen.
Ohne einen Wandel der Persönlichkeit kann es keinen Wandel in den Institutionen geben.
Solange die Kultur der Macht nicht überwunden wird, kann die Gewaltenteilung ihren wahren Sinn nicht entfalten.
Der Mensch kann die Strukturen, die er geschaffen hat, nicht befreien, ohne sich selbst zu befreien.
Daher ist demokratische Kommunalpolitik in erster Linie keine technische, sondern eine geistige und moralische Frage.
Die Menschheit kann umfangreiches Wissen schaffen, starke Institutionen aufbauen und beeindruckende Technologien entwickeln. Wenn jedoch die Personen, die diese Bereiche leiten, nicht demokratisch handeln, kann Wissen zu einem Instrument der Kontrolle, Macht zu einem Instrument der Herrschaft und Institutionen zu bürokratischen Strukturen werden.
Aus diesem Grund ist die Frage der Kommunalverwaltung im Grunde genommen die lokale Ausprägung der Frage der Humanisierung.
Denn jedes Bauwerk, das der Mensch errichtet, ist auch ein Spiegelbild seiner inneren Welt.
Ein Bewusstsein, das nicht menschlich werden kann, schafft überall, wo es herrscht, Macht.
Ein unnachgiebiger Geist trifft Entscheidungen anstelle des Volkes, selbst wenn er im Namen des Volkes spricht.
Eine Institution, die nicht menschlich wird, verwandelt sich letztendlich in einen Ministaat, ganz gleich, wie demokratisch sie auch erscheinen mag.
Vielleicht sollten wir uns nun folgende Frage stellen:
Suchen wir wirklich eine neue Art der Kommunalpolitik oder einen neuen Menschen?
Denn ohne neue Menschen ist es schwierig, eine neue Gesellschaft aufzubauen.
Ohne den Aufbau einer neuen Gesellschaft bleibt die demokratische Kommunalverwaltung unvollständig.
Ohne eine demokratische Kommunalverwaltung kann die lokale Demokratie nicht ihren wahren Sinn entfalten.
Vielleicht besteht die gemeinsame Aufgabe der Menschheit, der Politik und der Kommunalverwaltungen nicht darin, weiter zu wachsen, sondern darin, sich so zu entwickeln, dass sie ihrer Größe gerecht wird.
Erst dann können die Gemeinden aufhören, kleine Staaten zu sein.
Erst dann kann die Verwaltung ihre Machtposition aufgeben und sich in den Dienst des Zusammenlebens stellen.
Erst dann kann das Volk nicht mehr nur regiert, sondern selbst regieren.
Und erst dann kann die lokale Demokratie zu einer lebendigen Realität werden und nicht nur ein Schlagwort bleiben.
Gürsel Karaaslan
