HALKWEBAutorenDie Freiheit der Literatur ist das Gewissen eines Landes

Die Freiheit der Literatur ist das Gewissen eines Landes

Mikayil Dilbaz
Mikayil Dilbaz
Jurist, Doktor der Rechtswissenschaften, BJK-Kongressmitglied

Die Geschichte zeigt es uns deutlich: In zensierten Ländern schweigt die Literatur oder wird zu einem Propagandablatt. In freien Ländern hingegen stört die Literatur, hinterfragt und fordert heraus.

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Das Maß für die Entwicklung eines Landes ist nicht nur das Pro-Kopf-Einkommen, die Länge der Autobahnen oder die Zahl der Wolkenkratzer. Das eigentliche Kriterium ist, wie frei Kunst und Literatur in diesem Land sind. Denn die Literatur ist das Gewissen der Gesellschaft, nicht das Gewissen der Machthaber. Eine zum Schweigen gebrachte Literatur ist in Wirklichkeit der Spiegel einer zum Schweigen gebrachten Gesellschaft.

Einer der ersten Namen, der einem in den Sinn kommt, wenn es um die Stimme Anatoliens geht, ist Yaşar Kemal. Ince Memed ist nicht nur ein Romanheld, sondern auch ein Symbol für das anatolische Volk, das sich gegen Ungerechtigkeit auflehnt. Die Stärke von Yaşar Kemal liegt nicht nur in seinen kraftvollen Beschreibungen, sondern auch in seiner Fähigkeit, ohne Angst über Unterdrückung, Gutsherrenart und Armut zu schreiben. Deshalb hat er sich einen Platz in der Weltliteratur verdient. Denn wahre Literatur erreicht das Universelle nur durch Freiheit.

Zülfü Livaneli steht in der gleichen Reihe. Livaneli ist einer der seltenen Künstler, die Musik und Literatur, Ost und West, individuellen Schmerz und gesellschaftliche Wunde in einem Topf vereinen. Seine Romane und Lieder haben einen gemeinsamen Nenner: die Menschenwürde.

Wenn wir zur Poesie kommen, sollte Cemal Süreya das Wort ergreifen. Seine Verse gehören nicht zu den staatlichen Zeremonien, sondern zu den Straßen, der Liebe, der Einsamkeit und dem scharfen Messer der Ironie. Selbst die Liebe ist unvollständig, wenn die Poesie nicht frei ist.

Und natürlich ist Nazım Hikmet die Quelle all dieser Adern. Gefängnisse, Verbannung, Verbote... Wenn seine Verse trotzdem heute noch gelesen werden, dann deshalb, weil die Wahrheit nicht in Ketten gelegt werden kann.

Diese Namen sind keine Ausnahmen, sie sind Vertreter einer Tradition. Orhan Veli, Attilâ İlhan, Oğuz Atay, Tezer Özlü und viele andere sind das Äquivalent des freien Denkens in der Literatur.

Die Geschichte zeigt es uns deutlich: In zensierten Ländern schweigt die Literatur oder wird zu einem Propagandablatt. In freien Ländern hingegen stört die Literatur, hinterfragt und fordert heraus.

Wenn also Kunst und Literatur in einem Land frei sind, ist dieses Land dazu verdammt, sich zu entwickeln. Wenn es nicht frei ist, ist es, egal wie reich es ist, kulturell arm.

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