HALKWEBAutorenDer Tag, an dem die Zeit stehen bleibt und die Menschheit auf die Probe gestellt wird

Der Tag, an dem die Zeit stehen bleibt und die Menschheit auf die Probe gestellt wird

Mikayil Dilbaz
Mikayil Dilbaz
Jurist, Doktor der Rechtswissenschaften, BJK-Kongressmitglied

Beton hat kein Gewissen; der Mensch aber sollte eines haben. Hilfe, die nicht rechtzeitig kommt, wiegt genauso schwer wie Leben, die in einer Sekunde zerstört werden.

Am Morgen des 6. Februar ging nicht nur ein Tag aus dem Kalender dieses Landes verloren; auch ein Stück seines Gewissens, seines Gedächtnisses und seines Schlafes ging verloren. Die Stunden vergingen an diesem Tag nicht. Die Zeit blieb unter den Trümmern liegen. Kälte, Dunkelheit und Stille … Nicht das Herz einer Stadt, sondern das Herz von Millionen Menschen blieb stehen.

Da war ein Vater. Er kniete am Trümmerhaufen, zwischen Steinen und Erde. Niemand konnte ihn von dort wegziehen. Denn die Hand, die er festhielt, war bereits kalt.

Er ließ die Hand seiner verstorbenen Tochter nicht los. “Wenn ich es lasse” sagte er mit seinen Augen, “dann geht es wieder verloren.” Diese Hand war der letzte Schrei eines Vaters, den er in die Welt hinausschleuderte.

Ein anderer roch an einem Schuh, der aus den Trümmern ragte, und weinte; er erkannte ihn nämlich wieder…

Es waren die Schuhe ihres Kindes. Eine Mutter schrie nicht aus voller Kehle, sondern flüsterte, um sich Gehör zu verschaffen: “Ich bin hier.” Niemand hörte etwas. Es gab nur Geräusche, die erst spät zu hören waren.

An jenem Tag sprach der Beton; die Menschen schwiegen. Und der Staat … Er kam viel zu spät. Es vergingen nicht nur Stunden, sondern ganze Leben.

Die ersten Augenblicke waren voller Leben; die ersten Augenblicke waren voller Hoffnung. Doch diese Augenblicke vergingen vergeblich. Diejenigen, die unter den Trümmern noch atmeten, waren schneller als diejenigen, die oben warteten.

Dann kam das Versprechen, die Wunden zu versorgen. Es wurden viele Versprechen gegeben; doch die Wunde war tief. Ein Zelt, eine Decke, eine warme Suppe … Das hat nicht geheilt; es hat nur am Leben gehalten. Die eigentliche Wunde tat sich erst nachts auf. Es gab kein Zuhause, kein Heim.

Der 6. Februar hat uns Folgendes gelehrt: Ein Erdbeben ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis einer Kette von Versäumnissen.

Beton hat kein Gewissen; der Mensch aber sollte eines haben. Hilfe, die nicht rechtzeitig kommt, wiegt genauso schwer wie Leben, die in einer Sekunde zerstört werden.

Auch heute noch haben wir die Hand dieses Vaters im Gedächtnis. Solange diese Hand nicht losgelassen wird, darf auch dieses Land nicht loslassen.

Das darf man nicht vergessen. Man muss Rechenschaft einfordern. Denn ebenso wie das Trauern ist auch das Einfordern von Gerechtigkeit eine Pflicht.

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