Der wahre Maßstab für die Gerechtigkeit in einem Land ist nicht die Länge der Verfassungstexte.
Es ist nicht die Pracht der hohen Gerichtsgebäude.
Es geht nicht um ausgefallene Sätze, die von den Kanzeln verlesen werden.
Der wahre Maßstab für Gerechtigkeit ist dieser:
Wenn einer Person die Freiheit entzogen wird, gibt es dann wirklich eine zwingende rechtliche Rechtfertigung oder nicht?
Leider geht das, was heute in der Öffentlichkeit diskutiert wird, nicht auf diese grundlegende Frage ein.
Wir diskutieren gerade wieder über einen Satz.
Wir sind wieder bei einem Wort hängen geblieben.
Wieder werden wir durch die Einfachheit der Frage “hat er dies gesagt oder gemeint” abgelenkt.
Doch die eigentliche Frage bleibt in ihrer ganzen Nacktheit bestehen:
Warum steht Enver Aysever unter Arrest?
Wegen welcher Straftat?
Mit welchen konkreten und unbestreitbaren Beweisen?
Auf welchen Verdacht hin?
Durch welche zwingende gesetzliche Vorschrift?
Jede Diskussion, die diese Fragen nicht beantwortet, bedeutet, dass man sich weiter vom Wesen des Gesetzes entfernt und die Gerechtigkeit weiter aushöhlt.
Denn Verhaftung ist in unserem Gesetz keine Strafe.
Verhaftung ist keine Methode der Vergeltung.
Die Verhaftung ist kein Mittel, um den Zorn der Öffentlichkeit zu besänftigen.
Die Strafprozessordnung ist sehr eindeutig:
Die Verhaftung ist eine außergewöhnliche Maßnahme.
Es ist ein letzter Ausweg.
Sie kann nur angewandt werden, wenn sie obligatorisch ist.
Und sie kann niemals zu einer Strafe werden.
Wenn kein Fluchtverdacht besteht, wenn die Beweise gesammelt werden, wenn es eine Anschuldigung gibt, die nicht aufrechterhalten werden kann, ist die Inhaftierung keine rechtliche Maßnahme mehr, sondern ein Akt gegen die Freiheit.
Das ist genau das, was wir heute erleben.
Das Leben eines Mannes ist ausgesetzt.
Seine Familie, sein Job, sein Ruf, seine Zukunft - alles ist in der Schwebe.
Aber wir sprechen immer noch in der Sprache der Boulevardpresse.
Dies ist kein Mangel an Wissen.
Dies ist keine Ablenkung.
Dies ist eine bewusste Flucht.
Denn es ist einfach, über Worte zu diskutieren.
Doch die Verteidigung der Freiheit hat ihren Preis.
Denn die Kritik an einem Satz ist risikolos.
Aber es erfordert Mut, gegen eine unrechtmäßige Verhaftung Einspruch zu erheben.
Und an dem Tag, an dem die Gesellschaften aufhören, die Freiheit zu verteidigen, verlieren sie allmählich die Gerechtigkeit.
Es gibt eine Tatsache, die nicht vergessen werden sollte:
Heute Enver Aysever.
Morgen jemand anderes.
Dann der Verwandte eines anderen.
Dann ein Journalist.
Dann ein Akademiker.
Dann ein gewöhnlicher Bürger.
Die Gesetzlosigkeit zieht nicht nur diejenigen an, auf die sie zielt, sondern auch diejenigen, die zusehen.
Wenn in einem Land Menschen aufgrund einer unbegründeten Anschuldigung monatelang inhaftiert werden können, handelt es sich nicht mehr um eine einzelne Akte.
Das ist das Problem;
Es ist die Trivialisierung der Freiheit.
Es ist die Umwandlung von Recht in Gewohnheit.
Und das Gefährlichste ist, dass sich die Gesellschaft allmählich daran gewöhnt.
Denn wenn sich die Gesellschaft daran gewöhnt, wird die Gesetzlosigkeit zum Dauerzustand.
Ich schreibe diesen Artikel nicht als Anwalt für einen Klienten.
Ich schreibe diesen Artikel als Jurist, der glaubt, dass das Gesetz immer noch Ehre hat, und als Bürger, der weiß, dass jeden morgen das gleiche Schicksal ereilen kann.
Dies ist keine Frage der Worte.
Hier geht es nicht um eine einzelne Person.
Es ist eine Frage, wie sicher die Freiheit in einem Land ist.
Und die Antwort auf diese Frage betrifft nicht nur Enver Aysever, sondern uns alle.
Rechtsanwalt Dr. Mikayil Dilbaz
Der Stellvertreter von Enver Aysever
