Eines der auffälligsten Merkmale der türkischen Politik ist unsere Neigung, Politiker nicht so sehr hervorzubringen, sondern vielmehr zu Legenden zu machen. Eine politische Persönlichkeit tritt in Erscheinung, ihre Erfolge werden übertrieben dargestellt, ihre Schwächen werden ignoriert, und innerhalb kurzer Zeit wird aus einem gewöhnlichen Politiker eine weitaus bedeutendere Persönlichkeit. Dann macht dieselbe Gesellschaft ihn mit derselben Geschwindigkeit wieder völlig fertig.
Auch die Geschichte von Ekrem İmamoğlu verlief in etwa so.
Er war Bürgermeister in einem der relativ neuen Stadtbezirke Istanbuls. Der Bezirk hatte keine größeren Infrastrukturprobleme; die Straßen, Parks und grundlegenden Versorgungsleistungen waren weitgehend fertiggestellt. Als herausragendstes Projekt seiner Amtszeit ist die Präsentation eines Parks unter dem Namen “Yaşam Vadisi” in Erinnerung geblieben. In der Folge gelangte er dank medialer Unterstützung, politischer Strategien und der damaligen Umstände in den Fokus der Istanbuler Politik.
Die Wahlen zum Bürgermeisteramt der Stadt Istanbul waren nicht nur das Ergebnis der Kandidaten, sondern auch des damaligen politischen Klimas. In der damaligen Stimmung sehnte sich eine Wählerschaft, die der Regierung ablehnend gegenüberstand, nach Veränderung. Ekrem İmamoğlu wurde zum Symbol dieses Strebens nach Veränderung gewählt.
Das eigentliche Problem begann erst nach dem Wahlsieg.
Um Politiker, die in der Türkei als erfolgreich gelten, bildet sich oft kein gesunder Mechanismus der Kritik heraus. Ganz im Gegenteil: Kritiker werden ausgegrenzt, Zweifler zum Schweigen gebracht, und der Führer entfernt sich zunehmend von der Realität. Nach einer Weile beginnt die Person, an die Geschichte zu glauben, die ihr erzählt wird. Auch der enge Kreis um sie herum nährt diese Geschichte ständig.
Letztendlich entsteht so eine politische Persönlichkeit, die von einem Teil der Gesellschaft als Retter angesehen wird, von der sich ein anderer Teil jedoch zunehmend abwendet.
Was heute geschieht, ist nicht nur die politische Geschichte einer einzelnen Person. Es ist zugleich ein Spiegelbild der Art und Weise, wie in der Türkei Politik gestaltet wird. Denn wir sprechen nicht über Institutionen, sondern über Personen. Wir diskutieren nicht über Programme, sondern über Führungskräfte. Wir verteidigen nicht Prinzipien, sondern Namen.
Doch Demokratien beruhen nicht auf Rettern. Der Aufstieg oder Fall einer einzelnen Person sollte nicht über das Schicksal eines Landes entscheiden.
Was auch immer das Recht in Bezug auf die Freiheit von Ekrem İmamoğlu vorschreibt, muss umgesetzt werden. Wer auch immer es sei, das Recht auf ein faires Verfahren steht außer Frage. Gleichzeitig muss man jedoch auch folgende Tatsache anerkennen: In der Türkei gibt es nicht nur eine einzige Alternative zu Erdoğan. Dieses Land hat in der Vergangenheit neue Führungspersönlichkeiten hervorgebracht und wird dies auch in Zukunft tun.
Vielleicht sollten wir endlich aufhören, nach Rettern zu suchen, und stattdessen lernen, starke Institutionen aufzubauen. Denn Menschen kommen und gehen, aber Institutionen bleiben bestehen.
