In diesem Land geht es in der Politik schon seit langem weniger darum, Lösungen zu finden, als vielmehr darum, Emotionen zu wecken.
Man schaut auf die Plätze – dort wird viel applaudiert. Man schaut ins Fernsehen – dort herrscht viel Lärm. Man schaut in die sozialen Medien – dort herrscht viel Wut. Doch inmitten all dieser Stimmen fragt man sich unweigerlich: Warum werden in einem Land, in dem so viel geredet wird, so wenige Probleme gelöst?
Die Sorgen eines Bürgers, der morgens sein Haus verlässt, sind eigentlich klar. Die Ausbildung seines Kindes, ein Brand in der Küche, die Miete, die er zahlen muss, seine Sorgen um die Zukunft … Doch statt über diese Sorgen zu sprechen, zieht es die Politik oft vor, mit ihnen Emotionen zu schüren. Denn Emotionen sind einfach. Wut ist ansteckend. Angst verbreitet sich schnell. Hoffnung hingegen ist umsonst.
Ein Politiker tritt auf und erklärt sich zur Stimme des Volkes. Ein anderer tritt auf und behauptet, der wahre Vertreter der Nation zu sein. Ein dritter kommt und erklärt, nur er allein könne das Land retten. Interessanterweise spricht in diesem Land jeder im Namen des Volkes, aber das Volk selbst kommt kaum zu Wort. Jeder weiß, was die Bürger denken. Niemand hört den Bürgern zu.
Vielleicht ist das der größte Erfolg der populistischen Politik. Nicht, dass sie die Menschen von ihren Problemen ablenkt, sondern dass sie sie davon abhält, die Ursachen ihrer Probleme zu hinterfragen. Denn wer hinterfragt, stört. Wer Fragen stellt, verlangt Rechenschaft. Wer Rechenschaft verlangt, begnügt sich nicht mit Beifall. Doch Beifall ist der liebste Klang der Politik.
Seien wir fair. Die populistische Politik ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist zum Teil auch durch unsere eigenen Gewohnheiten entstanden. Seit Jahren haben wir nicht diejenigen belohnt, die Probleme lösen, sondern diejenigen, die schön reden. Wir haben nicht auf die Besonnenen gehört, sondern auf diejenigen, die ihre Stimme erheben. Wir haben eher denen geglaubt, die uns das sagten, was wir hören wollten, als denen, die uns die Wahrheit sagten. Denn die Wahrheit kann manchmal unangenehm sein. Ein Märchen hingegen beruhigt den Menschen. Ohne Nachfrage gäbe es auch kein Angebot. Die größte Kraft des Populismus sind nicht die Politiker, sondern das Interesse, das ihm entgegengebracht wird.
Man sagt, die türkische Gesellschaft sei eine emotionale Gesellschaft. Das stimmt. Aber diese Aussage ist unvollständig. Die türkische Gesellschaft ist zugleich eine Gesellschaft mit gesundem Menschenverstand. Sie lässt sich zwar täuschen, aber nicht auf Dauer. Sie kann sich zwar begeistern lassen, muss sich aber früher oder später der Realität des Lebens stellen. Sie weiß, dass der Marktpreis sich nicht von Reden beeinflussen lässt. Sie weiß, dass die Stromrechnung sich nicht von Slogans beeinflussen lässt. Und sie weiß auch, dass die Zukunft ihres Kindes nicht mit großspurigen Phrasen gesichert werden kann.
Vielleicht leben wir deshalb so, als befänden wir uns ständig mitten in einem Wahlkampf. Jeden Tag eine neue Debatte, jeden Tag eine neue Polarisierung, jeden Tag ein neuer Slogan. Wir reden so viel über Politik, dass wir manchmal vergessen, über das Land selbst zu sprechen. Die Themen ändern sich, die Etiketten ändern sich, die Auseinandersetzungen ändern sich, aber die grundlegenden Probleme der Bürger bleiben bestehen.
Populismus kann Wahlen gewinnen. Er kann die Tagesordnung bestimmen. Er kann die Massen mitreißen. Aber er reicht nicht aus, um die Zukunft eines Landes zu gestalten. Denn Länder bestehen nicht durch Parolen, sondern durch Institutionen. Gesellschaften kommen nicht durch Wut voran, sondern durch Vernunft. Und die Politik, so mächtig sie auch erscheinen mag, muss sich letztendlich der Realität des Lebens beugen.
Die Beziehung des Lebens zur Realität ist jedoch weitaus gnadenloser als die an der Wahlurne. Dort zählt nicht die Propaganda, sondern das Ergebnis.
