“Was unvernünftig ist, ist auch nicht zulässig”, sagen die Gelehrten.
Denn jede Handlung hat ihr Maß, jedes Wort seine Würde und jede Haltung ihre Grenzen. Sobald das Maß verloren geht, zieht sich die Vernunft zurück, und die Leidenschaft tritt in den Vordergrund. Genau an diesem Punkt gilt es, sich nicht von der Aufregung der Menge mitreißen zu lassen, sondern innezuhalten, nachzudenken, zu zweifeln und der Wahrheit auf die Spur zu gehen. Genau das ist es, was wir als Weitsicht bezeichnen.
Tatsächlich waren die Haltungen, die während des Parteitags, der Gegenstand der Debatten über die absolute Nichtigkeit zwischen Kemal Kılıçdaroğlu und Özgür Özel war, an den Tag gelegt wurden, für jeden, der an jenem Tag genau hinschaute, eigentlich ein deutliches Warnsignal.
Angesichts der maßlosen Freude, der jugendlichen Selbstdarstellung und der bis zur Clownerie reichenden Gesten von Ali Mahir Başarır, der in der Öffentlichkeit als “Zıp zıp” bekannt ist, waren die Menschen zu Recht verblüfft. Denn es gab keine Festung, die dem Feind abgenommen worden wäre. Es gab auch keinen Sieg in einem nationalen Kampf.
Es gab lediglich eine Demonstration gegen einen Führer, der bei den Präsidentschaftswahlen Millionen von Stimmen erhalten und jahrelang die Last der Partei getragen hatte.
Man fragte sich unwillkürlich:
Was für eine Arroganz war das denn?
Was sollte das denn?
Was für ein Gefühl der Revanche war das?
Wenn man heute zurückblickt, wird klar, dass es um weit mehr ging als um persönliche Ambitionen. Es stellte sich heraus, dass manche die Politik nicht als Mission, sondern als Beute betrachteten. Sie sahen das Amt nicht als anvertraute Aufgabe, sondern als Chance.
Das Geld, das in den Baklava-Kisten kreist, die Schandtaten, die auf den Friedhöfen ans Licht kommen, die sich überall verbreitenden Gerüchte…
All das verdeutlicht nun die Stimmung, die hinter den Ausschreitungen jenes Tages stand.
Denn was im Inneren des Menschen ist, zeigt sich auch nach außen.
Wer einen reinen Charakter hat, strahlt Würde aus; wer einen verdorbenen Charakter hat, strahlt Unbeherrschtheit aus…
Von einem Widder einer Herde, die vom rechten Weg abgekommen ist, ist nichts Gutes zu erwarten.
Das Schicksal der Massen, die Maßlosigkeit für eine Tugend halten, war schon immer, in alle Winde verstreut zu werden.
Politik ist kein Nachbarschaftsstreit.
Politik ist eine Angelegenheit, die Ernsthaftigkeit, Geduld, Würde und Moral erfordert.
Wer versucht, sich durch die Herabwürdigung seines Gegners zu profilieren, mag zwar kurzfristig Beifall ernten, doch langfristig verspielt er seine eigene Würde.
Denn wer das Maß verliert, spielt mit den Preisen,
Ein Politiker, der das Maß aller Dinge aus den Augen verliert, verliert auch seine Würde…
Der wirtschaftliche Schaden wird ersetzt.
Fehlinvestitionen werden korrigiert.
Der fehlerhafte Berechnung wird neu durchgeführt.
Doch wenn die politische Würde einmal untergraben ist, lässt sie sich nur schwer wiederherstellen. Denn Würde ist kein Kleidungsstück, das man sich nachträglich anzieht, sondern eine Frage des Charakters, die tief in der Natur des Menschen verwurzelt ist.
Die heilige Hand reicht nicht nach dem Schurken.
Saubere Hände lassen sich nicht von schmutzigen Füßen küssen.
Denn ein Mensch mit Würde bewahrt vor allem seine eigene Persönlichkeit, noch bevor er sein Amt wahrnimmt.
Genau dieser Verlust des Maßstabs ist auch die Ursache für die heutigen Krisen, Skandale und Turbulenzen.
Wer Moral für eine Taktik hält, mag vielleicht den Tag retten; doch vor der Geschichte können sie sich nicht retten.
Denn die Geschichte hält nicht immer die Wahlergebnisse fest, sondern den Charakter der Menschen.
Und man darf nicht vergessen, dass:
Wenn der Sauerteig schlecht ist, wird das Brot nicht backbar, und selbst wenn es ein Börek wäre, würde es dem Magen nicht gut tun.
