Der 1. Mai in der Türkei bedeutet nicht nur, dass man ein Kalenderblatt umblättert, sondern auch, dass man erneut Zeuge wird, wie Arbeit systematisch abgewertet wird, wie der Schweiß der Arbeit unsichtbar gemacht wird und wie Millionen Menschen zur Armut verurteilt sind.
Zwischen dem rosigen Bild, das die offiziellen Statistiken zeichnen, und der Realität des Marktes klafft inzwischen eine unüberbrückbare Lücke. Die Wirtschaft wächst auf dem Papier, die Töpfe in der Küche schrumpfen; die Geschichten vom Wohlstand, die auf den Bildschirmen erzählt werden, kollidieren mit den wachsenden Warteschlangen für den Lebensunterhalt auf der Straße.
Heute ist die “Hungergrenze” keine technische Angabe mehr, sondern der faktische Lebensstandard für Millionen von Erwerbstätigen geworden. Schlimmer noch: Armut ist nicht mehr nur eine vorübergehende Wirtschaftskrise, sondern eine institutionalisierte Gesellschaftsordnung.
Das Schicksal des Arbeitnehmers in diesem System ist klar:
Kreditaufnahme während der Arbeit, Entbehrung im Ruhestand...
Der Arbeiter, der in seinem aktiven Arbeitsleben versucht, mit Kreditkarten und Schuldenspirale zu überleben, wird auch im Ruhestand seines Rechts auf ein menschenwürdiges Leben beraubt, da die monatlichen Bindungssätze (ABR) nach jahrelangen Beitragszahlungen reduziert werden.
Mit anderen Worten: Das System beutet zunächst die Arbeitskraft aus und schiebt sie dann im Alter stillschweigend beiseite.
Gebrochene Wirbelsäule nach 1980
Das Rückgrat der Arbeiterbewegung in der Türkei ist nicht nur durch die Wirtschaftspolitik, sondern auch durch eine bewusste Strategie der Desorganisation gebrochen worden.
In der Zeit vor 1980 waren die Gewerkschaften trotz einer begrenzten industriellen Infrastruktur und einer viel geringeren Bevölkerungszahl als heute nicht nur Strukturen für Lohnverhandlungen, sondern auch Institutionen, die die Würde der Arbeit, die soziale Gerechtigkeit und das öffentliche Gewissen verteidigten.
Heute ist das Bild genau umgekehrt.
Die Bevölkerung hat zugenommen, die Produktion ist gewachsen, die Zahl der Arbeitnehmer hat sich vervielfacht, aber die organisierte Arbeit ist geschrumpft.
Denn das ist das Wirtschaftsmodell; Er mag nicht den organisierten Arbeiter, sondern den isolierten Arbeiter.
Sie will nicht denjenigen, der nach Rechten strebt, sondern denjenigen, der sein Schicksal annimmt.
Sie heiligt den Wettbewerb, nicht die Solidarität.
Sie belohnt das Schweigen, nicht die Gewerkschaft.
Der Auftrag für Subunternehmer: Die unsichtbare Sklaverei der Neuzeit
Die Vergabe von Unteraufträgen ist nicht nur ein Beschäftigungsmodell, sondern ein moderner Ausbeutungsmechanismus, der die Verantwortung verdrängt, die Rechte unberücksichtigt lässt und die Arbeitskräfte zur Prekarität verdammt.
In diesem System hat der Arbeitnehmer einen Chef, aber keinen Gesprächspartner.
Es gibt eine Rechenschaftspflicht, aber keine Rechenschaftspflicht.
Es gibt zwar Angestellte, aber keine Sicherheitskräfte.
Und dann werden die Kanzeln aufgestellt.
Es werden Reden gehalten...
“Es heißt, dass ”Arbeit der höchste Wert ist".
Doch am Morgen des 2. Mai liegt die Stromrechnung wieder auf dem Tisch.
Die Miete wird weiterhin gezahlt.
Das Sonntagsnetz wird noch nicht fertiggestellt sein.
In der Nacht zum 30. April schlief der Arbeiter schlecht,
Beifall am 1. Mai,
Am 2. Mai kehrte er, noch verarmter, an die Werkbank zurück.
Das ist die heutige Arbeitsrealität.
1. Mai: Mehr als ein Feiertag
Der 1. Mai ist kein Tag der Nostalgie.
Es ist überhaupt keine Zeremonie.
Es geht darum, die Würde der Arbeit zu verteidigen und sich gegen ungerechte Verteilung, Desorganisation und institutionalisierte Armut zu wehren.
Denn Arbeit ist kein Verbrechen.
Schweiß ist ein Recht, keine Gefälligkeit.
Ein menschenwürdiges Leben ist kein Privileg, sondern eine Mindestvoraussetzung für soziale Gerechtigkeit.
Um im Arbeitsleben nicht arm zu sein und im Ruhestand nicht zu verarmen...
Das Recht auf Arbeit, die Würde des Schweißes und den gerechten Anteil zu verteidigen...
Trotz allem: Es lebe der 1. Mai!
Alles Gute zum Tag der Arbeit.
