HALKWEBAutorenDas Zeitalter der Windmühlen

Das Zeitalter der Windmühlen

Da immer mehr Menschen je nach Windrichtung die Seiten wechseln, werden Menschen, die stillstehen, seltsam. Denn in diesem Zeitalter ist der Charakter wie eine schwere Last, die oft nicht getragen werden will. Die Leichteren steigen schneller auf.

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Es gab eine Zeit, da hatten Ideen Gewicht. Früher standen die Menschen hinter einer Idee und riskierten, wenn nötig, für diese Idee allein zu sein. Jetzt haben sich die Zeiten geändert. Ideen sind keine Steine mehr, sie sind wie Wasser. Es biegt sich nach der Form des Behälters und fließt nach der Richtung der Kraft.

Und die geschicktesten Menschen dieser Zeit sind diejenigen, die kein Rückgrat haben.

Denn die Wirbelsäule erfordert aufrechtes Stehen. Wer aufrecht steht, läuft Gefahr, bei einem Sturm zu zerbrechen. Wer sich aber beugt, der überlebt. Diejenigen, die sich nach dem Wind drehen, sitzen heute in den sichersten Häfen der Politik.

Die Ideen konkurrieren nicht mehr auf den Plätzen des Landes, sondern es kursieren Masken.

Gesichter, die gestern noch eine andere Farbe hatten, marschieren heute unter anderen Parolen. Hände, die gestern wütend die Fäuste erhoben haben, schütteln sich heute am selben Tisch die Hände. Die Worte haben ihre Bedeutung verloren, die Begriffe haben ihre Seele verloren. Die so genannte “Sache” ist verblasst wie ein altes Foto, das oft nur noch auf Wahlplakaten zu sehen ist.

Denn wenn das individuelle Interesse über dem sozialen Gewissen steht, hört die Politik auf, Ideale zu verfolgen und wird zu einem großen Markt.

Auf diesem Markt hat jeder seinen Preis.

Einige schweigen für ihr Amt, andere applaudieren für Ausschreibungen, wieder andere ändern ihre Meinung je nach dem, was die Menge will. Und am Ende beginnt die Gesellschaft, denen zu folgen, die am besten handeln, nicht der Wahrheit. In solchen Zeiten wirken ehrliche Menschen wie ein Relikt aus einer alten Zeit. Die Prinzipienlosen werden als “realistisch” gepriesen.

Der Verfall beginnt jedoch genau hier.

Es dauert lange, einen Baum mit einer Axt zu fällen, aber wenn ein Wurm auf seine Wurzeln fällt, wird der Baum eines Tages unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrechen. So ist es auch mit den Gesellschaften. Von außen betrachtet scheinen sie noch zu bestehen; Fahnen wehen, Plätze sind gefüllt, Reden werden gehalten... Aber im Inneren wächst ein unsichtbarer Zerfall. Das Vertrauen schwindet. Der Glaube schwindet. Die Menschen fangen an, auf die Konten des anderen zu schauen, nicht auf sein Wort.

Und am Ende sehen alle gleich aus.

Der Politiker wird zum Volk und das Volk wird zum Politiker.

Da immer mehr Menschen je nach Windrichtung die Seiten wechseln, werden Menschen, die stillstehen, seltsam. Denn in diesem Zeitalter ist der Charakter wie eine schwere Last, die oft nicht getragen werden will. Die Leichteren steigen schneller auf.

Aber eine Sache wird vergessen:

Windmühlen drehen sich immer... aber sie geben nie eine Richtung vor.

Diejenigen, die die Richtung bestimmen, sind diejenigen, die sich trotz des Sturms nicht bewegen. Die Geschichte erinnert sich nicht an die Männer jeder Epoche, sondern an die Menschen, die trotz jeder Epoche dieselben geblieben sind.

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