HALKWEBAutorenMaraş, Çorum, Sivas: Eine Geschichte von organisierten Massakern

Maraş, Çorum, Sivas: Eine Geschichte von organisierten Massakern

Wenn heute einige Menschen in diesem Land Maraş, Çorum und Sivas immer noch als “Provokationen”, “Zusammenstöße” oder “außer Kontrolle geratene Menschenmengen” bezeichnen, liegt das Problem nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart.

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Die Massaker von Maraş, Çorum und Sivas zwischen 1978 und 1993 werden nicht nur an den verlorenen Menschenleben gemessen, sondern auch an den tiefen Wunden, die dem Gewissen der Gesellschaft zugefügt wurden. Die Nachlässigkeit des Staates, die Umwandlung von ideologischem Hass in organisierte Gewalt und die gezielte Ermordung unschuldiger Menschen haben einen unauslöschlichen Fleck in der Geschichte dieses Landes hinterlassen.

Die Bombe, die am Abend des 19. Dezember 1978 in das Çiçek-Kino in Kahramanmaraş geworfen wurde, war kein “Ereignis”, sondern das Aufflammen einer vorbereiteten Katastrophe. Unmittelbar nach dem Bombenanschlag kursierte in der Stadt die Lüge: “Das waren die Kommunisten”, war die Parole der organisierten Gewalt.

Die Häuser der alevitischen Bürger waren am Vortag markiert worden. Es war klar, welche Tür aufgebrochen werden würde und in welchem Haus eine Leiche zu finden sein würde. Während die Frauen in ihren Häusern verängstigt warteten, drangen die Schreie der Kinder durch die Straßen. Jeder Schritt, der gegen die Türen der Häuser schlug, war eine Erinnerung an den Verlust des Vertrauens.

Zeugenaussagen und historische Studien zeigen, dass die Angriffe von nationalistischen Gruppen angeführt wurden. Die Sicherheitskräfte waren entweder abwesend oder blieben tagelang unbeteiligt; der Staat war entweder unfähig oder bewusst blind.

Offiziellen Angaben zufolge wurden mindestens 111 Menschen getötet, zumeist alevitische Bürger; inoffizielle Quellen gehen von 300 bis 500 Toten aus. Es gab keine offizielle Aufschlüsselung, wie viele davon Frauen und wie viele Männer waren. Dies ist an sich schon eine Schande.

Aber die Zeugnisse sind eindeutig:
Frauen wurden ermordet. Schwangere Frauen wurden getötet.
Sie wurden in ihren Wohnungen, vor den Augen ihrer Kinder, in ihren Betten getötet.

Während der Angriffe kam es zu Vergewaltigungen. Dies ist kein Gerücht, sondern eine Tatsache, die in Zeugenaussagen und Menschenrechtsberichten festgehalten ist. Die Körper der Frauen wurden als Beute des ideologischen Hasses betrachtet. Diese Schande steht noch immer in den Akten dieses Landes.

Ein Zeugenbericht fasst in einem Satz zusammen, was der Maraş war:
Als eine Frau die Angreifer auf sich zukommen sieht, fleht sie ihren Mann an:
“Lasst mich nicht in ihren Händen... Bitte, tötet mich.”
Dieser Satz ist Maraş.

Es ist der Ort, wo es keinen Staat gibt, wo das Gesetz schweigt, wo die Menschheit aufgegeben hat.
Es handelte sich nicht um einen “Links-Rechts-Konflikt”.
Es war keine “außer Kontrolle geratene Menge”.
Dies war ein organisiertes Massaker an Aleviten.
In Maraş wurden nicht nur Menschen getötet.
Die Möglichkeit des Zusammenlebens, das Gefühl der Nachbarschaft und des Vertrauens wurden ebenfalls zerstört.
Und Maras war da keine Ausnahme.

Zwei Jahre später, in Çorum (1980), wurde das gleiche Szenario erneut inszeniert. Wieder wurden alevitische Häuser ins Visier genommen, wieder wurden Stadtviertel markiert, wieder wurden Geschichten von “Provokationen” in Umlauf gebracht. Auch in Çorum wurden die Menschen in ihren Häusern belagert und auf der Straße gelyncht. Wieder kam der Staat zu spät, wieder schwieg die Justiz. Die in Maraş aufgerissene Wunde blutete in Çorum weiter. Nach offiziellen Angaben wurden 57 Menschen getötet, Hunderte verwundet, Geschäfte und Häuser zerstört. Die angreifenden Gruppen waren erneut ultranationalistische Elemente.

Jahre später war das letzte Glied in dieser Kette Sivas (2. Juli 1993). Metin Altıok, Behçet Aysan, Asım Bezirci, Muhlis Akarsu, Hasret Gültekin und andere Intellektuelle, die an einer Veranstaltung des Pir Sultan Abdal Kulturvereins im Madımak Hotel teilnahmen, wurden Opfer eines von radikalislamischen und nationalistischen Elementen organisierten Anschlags. Das Hotel wurde in Brand gesetzt; 35 Intellektuelle und 2 Hotelangestellte verloren ihr Leben. Die Unwirksamkeit der Sicherheitskräfte, die Nachlässigkeit des Staates und die Verzögerung bei der Beendigung der Ereignisse wurden in den anschließenden Berichten deutlich herausgestellt.

Die Intellektuellen unter den in Sivas Getöteten wurden wegen ihrer humanistischen Gedanken und als Sprachrohr der alevitischen Kultur angegriffen. Diese Vorfälle waren nicht nur durch individuelle Wut motiviert, sondern auch durch soziale Spannungen, Diskriminierung und ideologischen Hass. Auch die Schwäche des Staates und die öffentliche Verantwortung wurden in den offiziellen Berichten deutlich: Es wurden unzureichende Sicherheitsmaßnahmen und Mängel bei der Verhinderung der Vorfälle festgestellt.

Wenn heute einige Menschen in diesem Land Maraş, Çorum und Sivas immer noch als “Provokationen”, “Zusammenstöße” oder “außer Kontrolle geratene Menschenmengen” bezeichnen, ist das Problem nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart. Denn jedes Massaker, das nicht aufgearbeitet wird, bereitet den Boden für neue Massaker in der Zukunft.

Maraş, Çorum und Sivas sind keine abgeschlossenen Kapitel in den Geschichtsbüchern.
Dies sind die offenen Akten darüber, wie Aleviten in diesem Land ins Visier genommen wurden, wie ideologischer Hass in Massengewalt umgeschlagen ist und wie staatliche Nachlässigkeit zu Todesfällen geführt hat.
Und solange diese Akten nicht geschlossen sind, ist kein Versprechen von “Brüderlichkeit”, kein Versprechen von “Einheit”, kein Versprechen von “Halalisierung” in diesem Land aufrichtig.

Heute werden Aleviten nicht nur wegen ihres historischen Leidens zur Zielscheibe, sondern auch im Schatten von Politik und gesellschaftlichen Vorurteilen. Selbst innerhalb der CHP wurde das Alevitentum durch Kılıçdaroğlu als “Zielscheibe” dargestellt; Kılıçdaroğlus Anwesenheit wurde zu einer Rechtfertigung für Angriffe oder politische Kritik gegen Aleviten. Diese Situation macht es für Aleviten noch schwieriger, ihre Identität und ihre Überzeugungen frei zu verteidigen. Solange die politischen Institutionen nicht aus den Traumata der Vergangenheit in Maraş, Çorum und Sivas lernen und keine Räume erkennen, in denen Aleviten direkt geschützt werden können, werden die historischen Wunden in zeitgenössischen Formen wieder aufgerissen.

Für Aleviten sind folgende Schritte zu unternehmen:
1. eine offizielle Politik der Konfrontation und des Gedenkens: Offizielles Gedenken an Maraş, Çorum und Sivas und genaue Berichte über die Massaker.
2) Wiedergutmachung und Gerechtigkeit: Wirksame Wiedergutmachung für die überlebenden Opfer und ihre Angehörigen, Strafverfolgung und Bestrafung der Verantwortlichen.
3. die Bildung und das Bewusstsein: Objektive Behandlung der alevitischen Geschichte, Kultur und Massaker in den Lehrplänen.
4. soziale Gleichheit und Schutz: Schutz des Glaubens und der kulturellen Praktiken der alevitischen Bürger; wirksame Rechtsmechanismen gegen Diskriminierung.
5) Pluralismus in der politischen Vertretung: Die Vertretung der Aleviten durch ihre eigene Identität und ihre Probleme soll gestärkt werden, und ihre Stimmen sollen direkt und nicht nur durch Parteien gehört werden.
6. das Recht auf öffentlichen Raum und Kultstätten: Offizielle Anerkennung und Schutz von Cemevis als Kultstätten; Maßnahmen zur Verhinderung der Zerstörung des kulturellen Erbes.
Wenn diese Maßnahmen nicht ergriffen werden, werden die Wunden der Vergangenheit nicht heilen und die Gefahr ähnlichen Leids wird auch in Zukunft bestehen.

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