In der Sendung auf Sözcü TV, in der Kemal Kılıçdaroğlu zu Gast war, haben der Tonfall der Journalisten, ihre Art, Fragen zu stellen, und ihr menschlicher Umgang eine ernsthafte Debatte in der Öffentlichkeit ausgelöst. Das von Ihnen erwähnte “Nach-dem-Alter-Fragen”, die Verwendung des juristischen Begriffs “Nichtigkeit” in einem anklagenden Tonfall sowie das Versäumnis, zu Beginn der Sendung oder zu einem geeigneten Zeitpunkt Herrn Kılıçdaroğlu’s Ehefrau Selvi Kılıçdaroğlu “Gute Besserung” , sind wichtige Themen, die sowohl unter dem Gesichtspunkt der Berufsethik als auch der gesellschaftlichen Höflichkeitsregeln diskutiert werden müssen.
In diesem Zusammenhang habe ich das Thema unter zwei Hauptüberschriften behandelt.
🔺Ein Bildschirmtest im Spannungsfeld zwischen journalistischer Ethik und humanistischen Werten:
Die Medien sind von Natur aus dazu verpflichtet, im Namen der Öffentlichkeit Fragen zu stellen, Dinge zu hinterfragen und verborgene Wahrheiten ans Licht zu bringen. Der dabei gewählte Stil, die Absicht und die menschliche Höflichkeit sind jedoch die grundlegendsten Kriterien, die die Glaubwürdigkeit und das Ansehen des Journalismus in der Gesellschaft bestimmen. Die gestrige Sendung auf Sözcü TV, in der der ehemalige CHP-Vorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu zu Gast war, hat sich leider als Beispiel in das Gedächtnis eingebrannt, bei dem die Grenze zwischen kritischem Journalismus und einem “anklagenden und unhöflichen Ton” sehr schmal gezogen und stellenweise sogar überschritten wurde.
1. Berufliche Verantwortung und Stilfrage:
“Fragen stellen” oder “Rechenschaft einfordern”?
Ein Journalist ist frei, Fragen zu stellen, ganz gleich, wer sein Gesprächspartner ist; Politiker hingegen sind verpflichtet, diese Fragen zu beantworten. Das größte Problem, das in der Sendung gestern Abend auffiel, war jedoch weniger der Inhalt der Fragen als vielmehr die “Art und Weise, wie sie gestellt wurden, sowie der dahinterstehende Tonfall und die Art des Flüsterns”, was sehr unangenehm war.
-Hervorhebung des Alters:
Das Alter eines Politikers, sein biologischer Zustand oder sein Wille, weiterhin aktiv Politik zu betreiben, können aus politikwissenschaftlicher Sicht und im Hinblick auf die öffentliche Meinung natürlich diskutiert werden. Dies jedoch direkt vor laufender Kamera und mit einer Betonung zu fragen, die die Grenzen der Höflichkeit strapaziert, scheint eher dem Ziel zu dienen, den Gesprächspartner zu zermürben und zu passivieren, als dem öffentlichen Interesse. Wenn der Faktor Alter aus dem Kontext von Erfahrung und Kompetenz herausgelöst und als bloße “Verjährung” dargestellt wird, verliert der Journalismus seine Objektivität.
- Die “Butlan”-Debatte und die anklagende Sprache:
In den Diskussionen, die sich um Parteitagsprozesse und juristische Fachbegriffe drehten, hat die Wahl von Formulierungen wie “Wer hat diese Nichtigkeit gewollt?” eher eine Atmosphäre wie bei einem Gerichtsverfahren geschaffen als eine rein fachliche Fragestellung. Die Aufgabe eines Journalisten besteht nicht darin, wie ein Staatsanwalt im Gerichtssaal Anklage zu erheben, sondern unvoreingenommene Fragen zu stellen, die den Hintergrund der Ereignisse beleuchten. Der zunehmend aggressive Ton hat bei den Zuschauern den Eindruck verstärkt, dass die Motivation hinter den Fragen nicht darin besteht, “die Wahrheit zu suchen”, sondern den Gesprächspartner “in die Enge zu treiben”.
2. Vernachlässigung menschlicher Werte und gesellschaftlicher Höflichkeit:
Einer der grundlegendsten Bausteine der anatolischen Kultur und der allgemeinen menschlichen Moral besteht darin, unabhängig vom Ausmaß politischer oder ideologischer Meinungsverschiedenheiten “in Zeiten von Krankheit, Gesundheit und familiären Angelegenheiten stets ein Mindestmaß an Höflichkeit und Empathie zu wahren”.”
-Das Vorenthalten von Genesungswünschen:
Obwohl die gesundheitlichen Probleme von Selvi Kılıçdaroğlu, der Ehefrau von Kemal Kılıçdaroğlu, der Öffentlichkeit bekannt sind, ist es einer der größten Mängel der Sendung, dass zu Beginn der Sendung oder an einer entsprechenden Stelle nicht einmal ein “Gute Besserung” – der grundlegendste menschliche Reflex – ausgesprochen wurde. Das raue Klima der Politik sollte die menschliche Seite der Journalisten nicht zermürben. Diese Lücke in der Sendung hat beim Zuschauer vor dem Bildschirm den Eindruck eines “von menschlichen Gefühlen befreiten, mechanischen und gereizten Interviews” hinterlassen. Dabei ist der Journalismus ein Beruf, der den Menschen berührt und menschliche Werte verteidigt.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Seriosität des Journalismus liegt im Stil:
Die Ereignisse von gestern Abend haben deutlich gezeigt, dass die Medienlandschaft und die Interviewkultur in der Türkei einer ernsthaften Selbstkritik bedürfen. Kritisch zu sein und bohrende Fragen zu stellen, gehört zum Wesen des Journalismus; dabei darf man jedoch nicht “Höflichkeit als Schwäche und Aggressivität als Mut” interpretieren.
Die Art und Weise, wie bei Sözcü TV Fragen gestellt wurden, entsprach leider weder den Grundsätzen des modernen Journalismus noch den menschlichen Werten, die unser gesellschaftliches Fundament bilden. Journalismus ist die vierte Gewalt, solange er nicht vergisst, dass sein Gesprächspartner ein Mensch ist, und die Öffentlichkeit unter Wahrung der Grenzen des Respekts aufklärt. Andernfalls ist er nicht mehr als ein “Bildschirmwirbel”, der lediglich die Polarisierung schürt und beim Zuschauer einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.
