Was Sie sehen, wenn Sie morgens den Fernseher einschalten, ist kein Zufall. Das ist nicht das Ergebnis individueller Vorlieben, sondern eines systematischen Ansatzes bei der Ausstrahlung. Längst sind die Tagesprogramme in der Türkei nicht mehr nur harmlose Unterhaltung, die die Zeit füllt. Im Gegenteil, sie sind mächtige ideologische Werkzeuge, die die soziale Wahrnehmung, die moralischen Grenzen und die als “normal” geltenden Verhaltensweisen neu definieren.
Die ideologische Kraft dieser Instrumente ergibt sich nicht aus der Tatsache, dass sie eine explizit politische Sprache verwenden; im Gegenteil, sie scheinen unpolitisch zu sein. Außerdem tun sie dies nicht durch lautes Schreien, sondern im Stillen. Gerade deshalb sind sie gefährlich. Nicht alles, was still ist, ist unschuldig; oft vollziehen sich die nachhaltigsten Veränderungen ohne Lärm.
Diese Programme präsentieren sich als unschuldig. Sie konstruieren eine “volksnahe”, “humanitäre”, “hilfreiche” Sprache. Auf den ersten Blick erscheint diese Sprache als eine gewissenhafte Aufforderung. Dahinter verbirgt sich jedoch ein kulturelles Klima, in dem soziale Werte ausgehöhlt und rechtliche und ethische Grenzen verwischt werden. In diesem Klima hört das Recht auf, ein System mit Regeln zu sein; es wird auf ein von Emotionen geprägtes Meinungsfeld reduziert. Diese Produktion ist nicht mehr auf das Fernsehen beschränkt. Sie hat sich mit den digitalen Plattformen vermischt und ist zu einer Gewohnheit geworden, die jeden Moment des Tages durchdringt. Der Zuschauer ist nicht mehr nur ein Zuschauer, sondern ein aktiver Träger dieser Kultur durch Algorithmen.
Die grundlegende Methode der Tageszeit ist die Dramatisierung. Das reale Leben ist komplex; es wird vereinfacht. Der soziale Kontext ist störend; er wird weggelassen. Die Kausalität ist fragwürdig, sie wird eliminiert. Dies ist eine pädagogische Entscheidung. Denn der Kontext zwingt zum Hinterfragen; das Hinterfragen erschwert die Kontrolle. Es bleibt nur das “Ereignis”. Aber ein Ereignis ohne Kontext. Jedes Ereignis, das aus seinem Kontext herausgelöst wird, ist offen für Manipulationen.
“In Sendungen wie ”Müge Anlı ile Tatlı Sert" erhält diese Situation eine viel kritischere Dimension. Hier wird nicht nur die Geschichte nicht mehr erzählt, sondern auch die Vorstellung von Gerechtigkeit umgestaltet. Recht, Verfahren, Beweise und Prozesse werden in den Hintergrund der dramatischen Erzählung gerückt. Die Hauptsache ist Emotion, Aufregung, Schock. Dieser Schockzustand fordert den Zuschauer zum Reagieren auf, nicht zum Denken. Derjenige, der reagiert, fällt kein Urteil.
Noch schwerwiegender ist die Position des Moderators der Sendung. Der Moderator ist nicht länger ein Journalist. Der Moderator ist nicht länger ein Moderator. Der Moderator ist de facto ein Staatsanwalt, ein Richter, ein Strafverfolgungsbeamter. Dieser Wandel ist keine persönliche Überschreitung der Autorität, sondern eine systemische Rollenverschiebung. Die Medienfigur entwickelt sich zu einem Akteur, der das Vakuum der öffentlichen Autorität ausfüllt. Morde, verschwundene Personen und Justizfälle werden in einer Studioumgebung außerhalb der institutionellen Mechanismen des Rechtsstaates “gelöst”. Dies bedeutet die symbolische Übertragung der juristischen Autorität auf die Medien. Das Recht ist kein öffentlicher Prozess mehr, sondern wird zu einer Show, die unter dem Druck der Einschaltquoten steht. Die Justiz wird der Performance untergeordnet.
An diesem Punkt sollte man innehalten und sich fragen: Wird die Gerechtigkeit auf dem Bildschirm hergestellt? Oder wird nur die Darstellung von Gerechtigkeit auf dem Bildschirm vermarktet? Menschen, die noch nicht verurteilt sind, werden vor einem Millionenpublikum zu Verdächtigen gemacht. Namen, Gesichter, Leben werden preisgegeben. Die Unschuldsvermutung wird de facto außer Kraft gesetzt. Der Zuschauer wird mit einer emotionalen Befriedigung anstelle eines juristischen Urteils allein gelassen. Diese Befriedigung nährt die Lynchkultur, nicht den Gerechtigkeitssinn.
Dies ist nicht nur eine Verletzung der Rechte des Einzelnen. Es ist eine strukturelle Bedrohung für die gesellschaftliche Legitimität des Rechts. Das Vertrauen in das Recht beginnt, nicht in Gerichtssälen, sondern in Fernsehstudios Gestalt anzunehmen. Dies ist eine alarmierende Schwelle für die Rechtsstaatlichkeit.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Beziehungsprogrammen. Die Familie, der private Raum und die Privatsphäre werden zu Objekten der öffentlichen Zurschaustellung. Die Verletzlichkeit, Schwäche und Hilflosigkeit der Menschen wird unter dem Namen “Aufrichtigkeit” zur Ware gemacht. Schmerz ist nicht mehr ein Zustand, den es zu schützen gilt, sondern ein Inhalt, den es zu beobachten gilt. Die Privatsphäre wird im Tausch gegen Einschaltquoten aufgelöst.
Und all dies bleibt nicht auf dem Bildschirm. Die wenigen Sekunden dramatischer Momente aus diesen Sendungen werden in den sozialen Medien völlig dekontextualisiert. Sie gehen viral. Die Realität wird durch Fiktion ersetzt. Der Zuschauer konsumiert nicht mehr das Ereignis, sondern nur noch die emotionale Explosion.
Die Algorithmen der digitalen Plattformen systematisieren diesen Prozess. Algorithmen denken nicht, sie messen. Sie mögen Reaktion. Sie belohnen Aufmerksamkeit. Wut, Angst und Skandal sorgen für die höchste Interaktion. Aus diesem Grund werden uns immer wieder dieselben Geschichten präsentiert. Die gleichen Krisen, die gleichen Schreie, die gleichen Anschuldigungen.
TikTok und YouTube sind nicht nur die Träger, sondern auch die Beschleuniger dieses Degenerationsprozesses. Auf diesen Plattformen werden Inhalte nicht mehr nach ihrer Bedeutung bewertet, sondern nach Sekunden, Gesten und emotionalen Ausbrüchen. Schreie, Anschuldigungen, Tränen und Vorwürfe aus dem Tagesprogramm werden vollständig aus ihrem rechtlichen und sozialen Kontext gerissen und in kurze Videos verwandelt. Algorithmen belohnen Reaktion, nicht Wahrheit; sie fördern Reflexe, nicht Reflexion. So werden Begriffe wie Gerechtigkeit, Moral und Privatsphäre vereinfacht und banalisiert, um ein paar Sekunden lang angesehen zu werden. Vor allem für die jüngeren Generationen werden TikTok und YouTube zu einem öffentlichen Raum, in dem Recht und soziale Normen erlernt werden; dieser Raum erzeugt ein Wahrnehmungsuniversum, das eher von den willkürlichen Urteilen populärer Figuren als von einer vorgeschriebenen Rechtsordnung geprägt ist. Diese Situation bedeutet nicht nur eine kulturelle Degeneration, sondern auf lange Sicht auch die Erosion der öffentlichen Vernunft und des politischen Bewusstseins.
Jede wiederholte Erzählung wird mit der Zeit legitimiert. Die Ausnahme wird zum Normalfall. Das Problematische wird als normal akzeptiert. Genau hier beginnt die Korruption: stillschweigend, systematisch und pädagogisch.
Es handelt sich also nicht um eine einfache Fernsehdebatte. Es handelt sich um eine direkte politische und rechtliche Frage. Die Medien produzieren nicht nur Inhalte, sondern auch soziales Bewusstsein, Moral und politische Reflexe.
Das säkulare, rationale und moderne Gesellschaftsverständnis der Republik basiert auf Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Grenzen der Autorität. Wenn die Medien zu einem Ersatz für die Justiz werden, ist das eine direkte Infragestellung dieser Prinzipien.
RTÜK und die Medienpolitik stehen hier an einem entscheidenden Punkt. Die Entscheidungen des RTÜK zur Tageszeit in den Jahren 2024 und 2025 zeigen, dass das Problem erkannt wurde. Allerdings bleiben diese Eingriffe oft temporär, reaktiv und symbolisch. Solange die Quoten- und Werbewirtschaft nicht in Frage gestellt wird, werden ethische Verstöße weiterhin Teil des Systems sein.
Noch auffälliger ist, dass die Kontrolle auf das Fernsehen beschränkt ist. Dieselben Inhalte zirkulieren auf digitalen Plattformen, ohne irgendeinen öffentlichen Filter zu durchlaufen. Eine Erzählung, die im Fernsehen als “ethischer Verstoß” gilt, wird auf digitalen Plattformen belohnt. Dies ist eine klare Doppelmoral.
Hier stellt sich nun die folgende Frage: Sind die Medien eine öffentliche Sphäre oder lediglich eine Erweiterung des Marktes? Wenn es sich um eine öffentliche Sphäre handelt, ist die Rechtfertigung “das Publikum will das” nicht gültig. Denn was das Publikum will, wird auch von den Medien geprägt. Die Nachfrage ist nicht unabhängig vom Angebot.
Deshalb ist Zensur keine Lösung. Genauso wenig wie ein Verbot. Sondern Verantwortung. Es ist eine ganzheitliche Medienpolitik, die auch die digitalen Medien einschließt. Kritische Medienkompetenz. Politisches Bewusstsein, das den Bürger von einem passiven Konsumenten verwandelt.
Andernfalls werden die Medien zu einem Spektakel, das an die Stelle der Gerechtigkeit tritt. Tageszeitungsprogramme und digitale Medien sind nicht die Ursache für Korruption an sich. Sie sind jedoch der Träger und Beschleuniger dieses Prozesses in einer Zeit, in der sich der soziale Zerfall beschleunigt.
Es geht also nicht um eine Frage der Sehgewohnheiten. Es geht um eine klare kulturelle und politische Haltung. Für jeden, dem republikanische Werte, Rechtsstaatlichkeit und öffentliche Moral am Herzen liegen, ist der kritische Blick auf diese Inhalte keine Vorliebe, sondern eine historische Verantwortung. Denn Korruption schreitet oft nicht durch Lärm voran, sondern durch symbolische Gerichtshöfe, die tagsüber eingerichtet werden, durch virale dramatische Episoden und die stille Kontinuität des unbewussten Konsums.
