HALKWEBAutorenDie Generation von 68 verstehen: Ein unterdrückter Gedanke, eine verlorene Möglichkeit

Die Generation von 68 verstehen: Ein unterdrückter Gedanke, eine verlorene Möglichkeit

Mikayil Dilbaz
Mikayil Dilbaz
Jurist, Doktor der Rechtswissenschaften, BJK-Kongressmitglied

Die 68er-Generation ist keine Nostalgie. Die 68er-Generation ist keine romantische Vergangenheit. Die 68er-Generation ist eine Zukunft, die die Türkei nicht leben konnte.

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Für jeden, der die jüngste Geschichte der Türkei verstehen will, ist die 68er-Generation nicht nur eine Jugendbewegung, sondern eine unvollendete gesellschaftliche Möglichkeit. Wer die 68er-Generation verstehen will, muss begreifen, warum dieses Land schon immer Probleme mit dem Denken, der Freiheit und dem Hinterfragen hatte.

1968 war ein Jahr des weltweiten Aufbruchs. Während in Paris die Sorbonne besetzt wurde, gingen in den USA Millionen gegen den Vietnamkrieg auf die Straße, und von Berlin bis Rom kochten die Universitäten. In der Türkei fand diese Welle ein Echo unter der Universitätsjugend, insbesondere an der METU, der Universität Ankara und der Universität Istanbul.

Die 68er-Generation in der Türkei war nicht nur eine Straßenbewegung, die ihre Forderungen zum Ausdruck brachte. Es war eine Generation, die las, schrieb, diskutierte und versuchte, die Welt zu verstehen. Bücher, Flugblätter, Foren und offene Debatten waren die wesentlichen Elemente dieser Zeit. Die Jugend betrachtete den Staat nicht als heiliges Gebilde, sondern als eine Institution, die zur Rechenschaft gezogen werden musste, und das auf eine ganz neue Art und Weise.

Dieser hinterfragende Geist kollidierte jedoch mit dem Staatsreflex der damaligen Zeit. Kritik wurde als Bedrohung empfunden, Fragen zu stellen galt als gegen das Establishment gerichtet. Der Staat zog es vor, diese Generation zu unterdrücken, statt sie zu verstehen.

Die Hinrichtung von Deniz Gezmiş, Yusuf Aslan und Hüseyin İnan ist das dramatischste Beispiel für diesen Konflikt. Diese Hinrichtungen waren nicht nur das Ende des Lebens dreier junger Menschen, sie waren die Zerstörung einer Denkweise, einer Moral der Ablehnung. Hätte man diese Menschen am Leben gelassen, würden wir heute über ein ganz anderes Klima in der türkischen Politik, der Wissenschaft und der Rechtswelt sprechen.

Das Memorandum vom 12. März 1971 und der Staatsstreich vom 12. September 1980 schlossen den von der 68er-Generation eröffneten geistigen Raum vollständig. In der Türkei nach 1980 erlitt nicht nur die Politik, sondern auch die Erinnerung einen Schlag. Akademiker wurden von den Universitäten verwiesen, Journalisten wurden zum Schweigen gebracht, Gewerkschaften wurden aufgelöst, die Jugend wurde bewusst entpolitisiert.

Dieser Prozess ist die systematische Ausschaltung des denkenden Menschen durch den Staat. Anstelle des fragenden Individuums wurde das Modell des gehorsamen Bürgers aufgebaut. Wenn heute noch von Meinungsfreiheit, Abwanderung und Hoffnungslosigkeit der Jugend die Rede ist, sollten die Wurzeln dafür in der Behandlung der 68er-Generation gesucht werden.

Die 68er-Generation war eine große Chance für die Türkei. Sie bot einen frühen Sprung nach vorn in Sachen Demokratisierung, Hochschulautonomie, Rechtsstaatlichkeit und soziale Gerechtigkeit. Diese Chance wurde mit sicherheitspolitischen Reflexen vertan.

Die 68er-Generation ist keine Nostalgie. Die 68er-Generation ist keine romantische Vergangenheit. Die 68er-Generation ist eine Zukunft, die die Türkei nicht leben konnte.

Heute wird bei jeder Suche nach Gerechtigkeit, bei jeder Forderung nach Freiheit, bei jedem Jugendprotest die Stimme der 68er Generation wieder gehört. Denn manche Generationen kann man nicht besiegen, man kann sie nur zum Schweigen bringen.

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