Der Zusammenbruch einer Gesellschaft erfolgt nicht nur durch Invasion, Flaggenhissung oder Waffengewalt; das sind laute Zerstörungen, die in den Geschichtsbüchern verzeichnet sind. Aber es gibt eine heimtückischere, systematischere Art der Zerstörung: die Korrumpierung von Sprache, Denken, Kultur und individuellem Willen. Dieser Zerstörungsprozess beginnt mit Worten, verändert dann Konzepte, formt Denkweisen und führt schließlich dazu, dass sich die Menschen ihrer eigenen Identität schämen. Das Phänomen, das wir als “Arabisierung” bezeichnen, ist der Zustand, in dem man die Kultur eines anderen als überragend und die eigene Kultur als zweitrangig ansieht. In der Türkei ist dieser Prozess zu einem unsichtbaren Machtspiel geworden, das von der Politik, den Medien und der Populärkultur auf koordinierte Weise manipuliert wird.
Es handelt sich weder um eine religiöse Debatte noch um eine Frage der Rassenunterscheidung, sondern um die Erkenntnistheorie der kulturellen Unterwerfung, und die Geschichte hat diesen Preis wiederholt gezeigt. Historische Beispiele zeigen, dass nicht-arabische Gesellschaften im Laufe der Zeit arabisiert wurden und ihre eigene zivilisatorische Ader verloren haben. Arabisierung ist ein Identitätsverlust durch Nachahmung; sie ist kein Fortschritt, sondern ein epistemischer Rückschritt. In der heutigen Türkei wird dieser Prozess oft unter dem Deckmantel der “Ästhetik der Frömmigkeit”, der “zeitgenössischen politischen Sprache” oder der “modernen Bildungsreform” vermarktet.
Sprachenpolitik: Politischer Verrat oder nationale Wiederbelebung?
Der erste und kritischste Schritt der Arabisierung findet über die Sprache statt. Die Sprache wird herabgesetzt, die Sprache der anderen wird verherrlicht; die eigenen Worte gelten als “unzureichend”, arabische Worte als “tiefer”. In der heutigen Türkei ist der bewusste Verzicht auf türkische Begriffe und die Verwendung von Wörtern arabischen Ursprungs nicht ein Zeichen von Wissen, sondern von politischer Zugehörigkeit. Diese Sprache der sprachlichen Eitelkeit ist zu einem der ideologischen Werkzeuge der Politik geworden.
Mustafa Kemal Atatürk hat stets betont, dass die türkische Sprache eines der grundlegendsten Elemente für die geistige Unabhängigkeit einer Nation ist. Die Stärkung der Sprache bedeutet die Befreiung des Denkens; die Läuterung und Bereicherung des Türkischen ist eine Voraussetzung dafür, dass eine Zivilisation auf eigenen Füßen stehen kann. In diesem Zusammenhang war der Übergang zur lateinischen Schrift nicht nur eine technische Reform, sondern das Projekt der geistigen Unabhängigkeit der modernen Türkei, die sich damals der Welt öffnete. Anderslautende Behauptungen wie “die Menschen wurden über Nacht zu Analphabeten, die die Grabsteine ihrer Großväter nicht mehr lesen konnten” vereinfachen das Problem, betonen die individuelle Verantwortung und verschleiern politische und kulturelle Manipulationen. Die Einführung der modernen türkischen Schrift und die Programme zur Verbreitung der Alphabetisierung sind Teil der systematischen bildungspolitischen und kulturellen Umstrukturierung im Zuge dieses Wandels und keine einmalige “Analphabeten”-Aktion.
Oktay Sinanoğlu hingegen wies auf die Fähigkeit des Türkischen hin, Wissenschaft und Denken hervorzubringen, und erklärte, dass die übermäßige Einfuhr von Wörtern arabischen und persischen Ursprungs die konzeptionelle Produktivität einschränke. Wenn die Sprache als Mittel der Politik missbraucht wird, wird nicht nur die Kommunikation, sondern auch die Freiheit des Denkens eingeschränkt.
Systematische Auslöschung der Geschichte: Identität oder Politik?
“Sätze wie ”Unsere Geschichte war dunkel, die Zivilisation begann mit dem Islam" sind nicht unschuldig; dieser Diskurs ignoriert Tausende von Jahren türkischer kultureller Akkumulation. Die Gokturken, Uiguren und zentralasiatischen Zivilisationen passen nicht in die arabisch geprägte Geschichtsfiktion; daher werden die Wurzeln abgeschnitten. Eine Gesellschaft, die ihre Wurzeln nicht kennt, unterwirft sich leicht; Wurzellosigkeit ist die ideologische Grundlage der kulturellen Unterwerfung.
Die Aufgabe von Politik und Medien besteht heute darin, den jüngeren Generationen die arabische Kultur als “Hochkultur” zu präsentieren, während die eigene Geschichte und Kultur abgewertet wird.
Vorschriften in der Bildungspolitik und in den Lehrplänen komprimieren das Geschichtsbewusstsein in einen arabisch/islamisch geprägten Rahmen, während der moderne Staat und die wissenschaftlichen Wurzeln der türkischen Geschichte in den Hintergrund gedrängt werden. Während die Aufnahme von Fächern wie Türkische Revolutionsgeschichte und Kemalismus in die Prüfungen für 2026 noch diskutiert wird, werden gleichzeitig die nationale Kultur und die gemeinsamen Werte betont.
Und es gibt eine Lüge, die hier oft erzählt wird: “Die Menschen wurden über Nacht zu Analphabeten gemacht, die nicht in der Lage waren, die Grabsteine ihrer Großväter zu lesen.” Diese Behauptung vereinfacht zwar das Problem und betont die individuelle Verantwortung, verdeckt aber die kulturelle Manipulation durch Politik, Medien und Bildung. Die Menschen wurden nicht ohnmächtig gelassen, sondern ihr eigenes historisches und kulturelles Bewusstsein wurde systematisch ignoriert. Es handelt sich nicht um eine Katastrophe, die über Nacht eintrat, sondern um das Ergebnis einer jahrhundertelangen strategischen kulturellen Operation. Der Mythos von der “Unwissenheit” als Teil der Propaganda und des politischen Spiels überschattet die Verantwortlichkeit.
Aktueller Konflikt im Bildungswesen: Wissenschaft oder Gehorsam?
Heute sind die Debatten über Bildungspolitik und Lehrpläne zu einem der wichtigsten Bereiche der politischen Polarisierung geworden. In den letzten Jahren hat die Opposition gegen die neuen Lehrpläne protestiert, mit dem Argument, dass sie sich vom Säkularismus entfernen und die Revolutionen Atatürks verdecken; die Tatsache, dass diese Lehrpläne eine ideologische Reaktion hervorrufen, zeigt, dass das Bildungssystem nicht nur als Mittel zur Produktion von Wissen, sondern auch von Identität und Ideologie genutzt wird.
Andererseits zielen die von der nationalen Bildungsbehörde organisierten sprachlichen und kulturellen Aktivitäten darauf ab, den Wortschatz der Schüler zu erweitern und die nationale Kultur und die gemeinsamen Werte zu stärken, was die Bedeutung des Sprachbewusstseins im offiziellen Diskurs der staatlichen Politik unterstreicht.
Die Dämonisierung der Vernunft: Durch Politik und Medien
Der dritte Schritt ist die Diskreditierung der Vernunft. Das Hinterfragen wird zum Aufruhr erklärt, das Kritisieren zur Abweichung, das Denken zur Gefahr. Der akzeptable Schüler in der Bildung ist nicht derjenige, der denkt, sondern derjenige, der auswendig lernt. Der arabisierte Geist mag keine Fragen; Fragen stören die Autorität. Heute ist die Diskussionskultur in den Medien und in der Politik eingeschränkt; Journalisten, Akademiker oder Lehrer, die Fragen stellen, werden geächtet und diskreditiert. Dadurch wird nicht nur gesellschaftliche Kritik zum Schweigen gebracht, sondern auch die kulturelle und politische Hegemonie der Regierung gestärkt.
Nation, Bürger und Politik
Der vierte Schritt ist die Darstellung von Gehorsam als Moral und Tugend. Schweigen statt Wahrheitssuche und Tugendhaftigkeit durch Unterwerfung werden zu einer von der Politik instrumentalisierten Norm. Der Diskurs, der sich auf die Begriffe “ummah” und “Nation” stützt, betont in der Atmosphäre politischer Bündnisse und Wahlen die soziale Zugehörigkeit und Disziplin anstelle der individuellen Rechte.
Synthese von Religion, Kultur und Politik
Der Islam ist universell, die arabische Kultur ist lokal. Dennoch wurde die arabische Kultur lange Zeit als die Essenz des Islam dargestellt, und Kritik galt als Sünde. Als die Republik gegründet wurde, wurden die Grundsätze der Bildung und des Säkularismus zu integralen Bestandteilen dieses immanenten Modernisierungsprojekts. Atatürks Sprachrevolution, Geschichtsbewusstsein, die Betonung des Laizismus und der Wissenschaft sind die Eckpfeiler der kulturellen Freiheit - die Sprache der Politik steht heute oft im Widerspruch zu diesen Prinzipien.
Offene Antworten
“Diese Nation ist muslimisch.” Ja, es ist muslimisch. Aber es ist nicht arabisch. Es muss auch nicht arabisch sein.
“Ist das Islamophobie?” Nein. Der Islam ist universell; er kann nicht mit einer einzigen Kultur identifiziert werden.
“Ist das Arabophobie?” Nein. Was kritisiert wird, ist die Wahrnehmung der Arabisierung und ihre Umwandlung in ein politisches Instrument.
“Wer braucht eine Nation, wenn es eine Ummah gibt?” Wenn es keine Nation gibt, gibt es keine Bürger; wenn es keine Bürger gibt, gibt es keine Rechte; wenn es keine Rechte gibt, gibt es keine Gerechtigkeit.
“Man darf nicht an der Vergangenheit rütteln.” Eine Gesellschaft, die ihre Vergangenheit nicht kennt, lebt die Geschichte eines anderen.
Schlussfolgerung und Warnung
Dieser Artikel ist weder antireligiös noch antiarabisch. Dieser Artikel ist eine Abrechnung mit kultureller Kapitulation, politischer Manipulation und Identitätsverleugnung. Eine Gesellschaft, die ihre Identität verleugnet, kann keine Nation sein; wo es keine Nation gibt, gibt es keine Wissenschaft, keine Kunst, keine Freiheit, keine Zukunft.
Die Kritik an der Arabisierung im aktuellen sozialen, bildungspolitischen und politischen Kontext der Türkei ist nicht nur eine Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern ein Kampf für das freie Individuum und die Demokratie im Kontext der Politik des Jahres 2026. Eine Gesellschaft, die ihre kulturelle Unabhängigkeit nicht verteidigen kann, wird in der modernen Welt der Wissenschaft, der Kunst und der Freiheit beraubt; eine Gesellschaft, die ihre Identität verleugnet, lebt die Geschichte eines anderen und kann ihre eigene Zivilisation nicht aufbauen.
