Im Laufe der Geschichte haben Wissenschaftler, die versucht haben, den Menschen zu verstehen, verschiedene Experimente durchgeführt. Eine der bekanntesten davon ist die Theorie des “konditionierten Reflexes”, die vom russischen Physiologen und Psychologen Iwan Pawlow aufgestellt wurde.
In Pawlows Experiment begannen die Hunde ganz natürlich zu sabbern, wenn ihnen Fleisch vorgesetzt wurde. Später wurde zusammen mit dem Fleisch ein Glockenton ertönen lassen. Nachdem dieser Vorgang mehrfach wiederholt worden war, begannen die Hunde nach einer Weile, bereits beim bloßen Hören des Glockentons zu speicheln, ohne das Fleisch zu sehen. Denn nun spielte kein Denkprozess mehr eine Rolle; es handelte sich um Gewohnheit und Konditionierung. Der Verstand war ausgeschaltet, der Reflexmechanismus hatte die Kontrolle übernommen.
Das größte Privileg, über einen menschlichen Verstand zu verfügen, beginnt genau hier. Der Mensch denkt nach, hinterfragt, wägt ab und lässt sein Gewissen walten, um nicht zum Sklaven seiner Reflexe zu werden. Allerdings können Menschen in manchen Situationen auch, ohne es zu merken, zu Gefangenen ihrer eigenen Konditionierungen werden. Beispiele dafür finden sich häufig in der politischen Parteilichkeit, in ideologischer Verblendung und in der Medienwelt.
Als ich mir die Sendung mit Herrn Kemal Kılıçdaroğlu auf Sözcü TV ansah, war das genau das Erste, was mir in den Sinn kam. Das Bild, das sich mir bot, vermittelte eher den Eindruck von Menschen, die ein vorab festgelegtes Skript wiederholten, als von Journalisten, die versuchten, die Wahrheit zu ergründen.
Die Fragen schienen sich zu ändern, drehten sich aber im Grunde immer wieder um denselben Punkt. Dieselben Vorwürfe, dieselben Muster, dieselben Parolen und dieselben in den sozialen Medien verbreiteten Klischees … Man hatte eher den Eindruck, dass es darum ging, ein bereits gefälltes Urteil zu bestätigen, als zu versuchen, zu verstehen, was der Gesprächspartner eigentlich sagte.
Journalismus bedeutet nicht, im Gerichtssaal als Staatsanwalt aufzutreten. Journalismus bedeutet, Fragen zu stellen. Fragen zu stellen erfordert jedoch, dass man den Antworten wirklich zuhört. Wenn man die Antwort von vornherein ablehnt und nur nach Aussagen sucht, die die eigene Meinung bestätigen, sprechen wir nicht mehr von Journalismus, sondern von Propaganda.
Die Aufgabe eines Journalisten besteht darin, der Wahrheit nachzugehen, ob sie ihm nun gefällt oder nicht. Seine eigenen politischen Neigungen, persönlichen Vorlieben oder Druck aus seinem Umfeld dürfen seiner beruflichen Verantwortung nicht in den Weg stehen. Andernfalls verliert der Journalist seine Rolle als Kontrollinstanz im Namen der Öffentlichkeit und wird zum Sprachrohr eines bestimmten Kreises.
Noch interessanter ist, dass in einem Prozess, in dem moralische und rechtliche Debatten geführt werden, das Ergebnis verteidigt wird, anstatt den Kern der Sache zu erörtern. In Rechtsstaaten ist jedoch nicht nur das Ergebnis wichtig, sondern auch der Weg dorthin. Denn das Recht befasst sich nicht nur damit, wer gewonnen hat, sondern auch damit, wie er gewonnen hat.
Eine Wahl oder ein Parteitag besteht nicht nur aus Zahlen. Wenn die Legitimität des Verfahrens umstritten ist, ist es unvermeidlich, dass auch das erzielte Ergebnis in Frage gestellt wird. In Demokratien stammt die Legitimität aus den Wahlurnen, aber nicht ausschließlich; sie speist sich auch aus Gerechtigkeit, Transparenz und Ehrlichkeit.
Heutzutage haben viele Menschen den Erfolg zum einzigen Maßstab erhoben. Die Einstellung, dass alles erlaubt sei, solange man gewinne, ist eine der größten Krankheiten, die sowohl die Politik als auch die Gesellschaft vergiften. Doch genau hier zeigt sich die Bedeutung der Moral. Moral gewinnt nicht dann an Bedeutung, wenn man gewinnt, sondern wenn man trotz der Gefahr zu verlieren das Richtige verteidigen kann.
Dies ist eines der zentralen Themen, die Herr Kılıçdaroğlu seit Jahren betont: Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und eine rechtschaffene Politik. Diese Grundsätze mögen zwar kurzfristig nicht immer zum Erfolg führen, doch sind es gerade diese Grundsätze, die die langfristige Zukunft einer Gesellschaft gestalten.
Leider finden in der heutigen Politik und den Medien Parteilichkeit statt Prinzipien, Slogans statt kritischen Denkens und Wahrnehmung statt Wahrheit größeren Anklang. Nicht die Menschen sprechen, sondern auswendig gelernte Phrasen. Nicht Ideen konkurrieren miteinander, sondern Etiketten.
Genau das ist der Punkt, der an Pawlows Experiment erinnert.
Es ertönt ein Klingeln, und es werden immer wieder dieselben Sätze gesagt.
Es wird ein Schlagwort in den Raum geworfen, und es kommen immer wieder die gleichen Reaktionen.
Eine Social-Media-Kampagne startet, und es werden immer wieder dieselben Slogans wiederholt.
Niemand hält inne und denkt darüber nach:
“Ob das wohl stimmt?”
“Gibt es vielleicht etwas, das ich nicht weiß?”
“Könnte es sein, dass auch die Gegenseite etwas zu sagen hat, das es wert ist, angehört zu werden?”
Der größte Feind der Wahrheit ist nicht die Unwissenheit. Der größte Feind der Wahrheit ist der Verstand, der glaubt, alles zu wissen, und meint, nichts mehr lernen zu müssen.
Deshalb geht es hier nicht nur um eine Fernsehsendung. Es geht darum, auf welcher Grundlage Politik, Medien und öffentliche Debatte in der Türkei stattfinden sollen.
In einem Diskussionsklima, das von konditionierten Reflexen bestimmt wird, gibt es weder Gerechtigkeit noch Wahrheit.
Der Weg zur Wahrheit ist jedoch einfach:
Zuerst zuhören.
Erst einmal nachdenken.
Anschließend ein Urteil fällen.
Wenn man das Gegenteil tut, entsteht kein Journalismus, sondern eine Reflexproduktion.
Für Pawlows Hunde mag das ganz natürlich sein.
Das ist nichts für Menschen.
*21. Juni 2026*
*Numan CENGİZ*
