Die Kommune ist eine Form des Gedächtnisses, bevor sie eine Form der Verwaltung ist.
Eine ausgelöschte Erinnerung an die Zeiten, als der Mensch noch gemeinsam und nicht allein lebte.
Heute wird uns Individualismus verkauft. Erfolg ist persönlich, Eigentum ist heilig und Freiheit wird am Wettbewerb gemessen. Doch die Kommune flüstert das Gegenteil: Der Mensch wird nicht allein befreit, sondern gemeinsam. Dieses Geflüster ist die Stimme, die die moderne Welt am meisten fürchtet. Denn diese Stimme ist nicht nur wirtschaftlich oder politisch; sie fordert eine radikale Umgestaltung des kulturellen, künstlerischen und alltäglichen Lebens.
“Die Gefahr des Übergangs vom ”Ich“ zum ”Wir"
Die Kommune ist eine Idee, die die Grenzen des “Ich” verschiebt. Denn das “Ich” kann kontrolliert werden, aber das “Wir” ist transformativ. Während das moderne System das Individuum verherrlicht, isoliert es es in Wirklichkeit. Das einsame Individuum konsumiert, borgt, konkurriert und wird müde. Die Kommune hingegen teilt, solidarisiert sich und verteilt die Last.
Daher wird die Idee der Kommune entweder romantisiert und neutralisiert oder radikalisiert und verängstigt. Sie wird entweder als nostalgische Utopie beschrieben oder als Bedrohung durch das Chaos dargestellt. Doch die Kommune ist weder ein Märchen noch eine Katastrophe. Die Kommune ist der natürlichste menschliche Reflex: Zusammenleben.
Der störendste Aspekt der Kommune ist ihr Verhältnis zum Eigentum. Denn die Kommune schlägt vor, Partner und nicht Eigentümer zu sein. Dieser Vorschlag scheint einfach, aber er ist politisch. Wenn wir die Grenze von allem, was wir “mein” nennen, ziehen, schließen wir eigentlich jemand anderen aus. Die Kommune versucht, diese Grenze zu verwischen.
Die Städte von heute sind voller hoher Mauern, eingezäunter Gemeinden und geschlossener Tore. Die Menschen leben nebeneinander, aber nicht miteinander. Nachbarn im selben Wohnhaus, die den Namen des anderen nicht kennen, Angestellte im selben Büro, die die Geschichten des anderen nicht kennen... Das System hat uns zu einer Ansammlung von Menschen gemacht, aber nicht zu einer Gemeinschaft.
Die Kommune stellt genau hier eine Frage:
Wie können wir gemeinsam existieren, ohne gemeinsam zu produzieren?
Kultur ist die Spur der Art und Weise, wie eine Gesellschaft zusammenlebt. Sprache, Rituale, Feste, Trauer... Sie alle sind das Produkt eines kollektiven Gedächtnisses. Kultur ist nicht individuell, sondern plural. Eine einzelne Person schafft keine Kultur; Kultur ist die Sedimentation von Zusammengehörigkeit im Laufe der Zeit.
Das moderne Zeitalter hat auch die Kultur kommerzialisiert. Traditionen haben sich in touristische Shows verwandelt, Rituale in visuelles Material, Geschichten in Content Flow. Das Wesen der Kultur ist jedoch die Kontinuität des Teilens. Am gleichen Tisch sitzen, das gleiche Volkslied kennen, gemeinsam über den gleichen Schmerz weinen... Das sind nicht nur folkloristische Elemente, sondern die tragenden Säulen der gemeinschaftlichen Existenz.
Wenn die Kultur schwächelt, nimmt die Einsamkeit zu. Denn der Mensch verarmt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in Bezug auf seinen Sinn. Die Kommune ist ein Aufruf, die Kultur wieder lebendig zu machen. Nicht als ein Spektakel, sondern als eine Erfahrung.
Echte Kunst ist immer ein bisschen gemeinschaftlich. Denn Kunst will geteilt werden. Ein Gedicht, ein Lied, ein Wandgemälde - auch wenn es von einem einzigen Menschen stammt, will es sich vermehren. Das Wesen der Kunst widersetzt sich dem Eigentum. Inspiration hat keine Rechnung.
Heute versucht die Kulturindustrie, die Kunst in eine individuelle Marke zu verwandeln. Der Künstler wird zu einem Profil, das Werk zu einem Produkt. Bei der gemeinschaftlichen Kunst geht es jedoch mehr um die Wirkung als um die Signatur. Kollektive Produktion, gemeinsame Geschichte, gemeinsames Schaffen... Das sind nicht nur ästhetische, sondern auch politische Entscheidungen.
Ein Theater in der Nachbarschaft, ein Solidaritätsworkshop, ein gemeinsam verfasstes Fanzine oder ein in gemeinsamer Anstrengung gemaltes Wandbild... all das mag klein erscheinen. Aber sie sind die Praxis des gemeinsamen Produzierens. Denn Menschen, die gemeinsam produzieren, fangen an, gemeinsam zu denken. Und Menschen, die gemeinsam denken, stellen Fragen.
Die Kunst wird hier zu einem Feld des Widerstands. Sie verwandelt das Publikum von Konsumenten in Subjekte. Sie schafft eine Gemeinschaft, die mitmacht, nicht applaudiert. Aus diesem Grund ist die Gemeinschaftskunst nicht nur eine ästhetische Vorliebe, sondern eine Lebensform.
Die Idee der Kommune ist im Laufe der Geschichte unterdrückt worden. Weil die Kommune eine Alternative zur zentralisierten Macht darstellt. Sie verteilt die Macht. Sie teilt die Autorität. Sie flacht die Hierarchie ab. Deshalb wird sie als Bedrohung empfunden.
Die Kommune ist jedoch keine Anarchie, sondern die Aufteilung der Verantwortung. Sie ist Partizipation, nicht Chaos. Die Kommune berührt den Ort, an dem die repräsentative Demokratie fehlt: die direkte Beziehung.
Heute, da sich die Menschen von den Entscheidungsmechanismen entfernen, nimmt das Vertrauen in die Politik ab. Die Bürgerschaft, die von Wahl zu Wahl in Erinnerung bleibt, wird zu einer passiven Identität. Die Kommune hingegen verlangt eine aktive Beteiligung. Subjekt zu sein, nicht Zuschauer.
Interessant ist Folgendes: Während das System den Individualismus segnet, verhalten sich die Menschen in Krisenzeiten wie eine Kommune. Bei Erdbeben, Epidemien, wirtschaftlichen Zusammenbrüchen... rennen die Menschen zueinander. Sie teilen. Sie bauen Solidaritätsnetze auf. Mit anderen Worten: Die Kommune ist ein menschlicher Reflex, bevor sie eine ideologische Präferenz ist.
Vielleicht liegt das Problem darin, dass wir uns nur in Zeiten der Katastrophe an die Kommune erinnern.
Die Kommune führt ihre unsichtbarste, aber mächtigste Praxis am Tisch durch.
Der Tisch ist nicht nur ein Ort, an dem gegessen wird, sondern auch ein Ort, an dem Gleichheit geprobt wird. Das gleiche Brot brechen, aus der gleichen Schüssel essen, nebeneinander sitzen... Das sind Handlungen, die alltäglich erscheinen, aber eine tiefe politische Bedeutung haben. Denn der Tisch setzt die Hierarchie außer Kraft. Zumindest birgt er die Möglichkeit der Aufhebung.
Im Laufe der Geschichte haben viele Veränderungen in der Küche und am Tisch begonnen. Mit kollektiver Anstrengung gedeckte Tische in den Dörfern, Mahlzeiten in der Nachbarschaft, die auf dem Teilen beruhen, Trauer- und Feiertagsversammlungen... Der Tisch ist der Schnittpunkt von Kultur und Gemeinschaft. Dort wird nicht nur gegessen, sondern es werden auch Geschichten erzählt, Entscheidungen getroffen und Beziehungen geknüpft.
Das moderne Leben hat auch den Tisch individualisiert. Schnelle Mahlzeiten, Mahlzeiten, die vor dem Bildschirm eingenommen werden, einsame Tische... Das gemeinsame Essen ist jedoch eine Voraussetzung für das gemeinsame Denken. Gleichzeitig schweigen, gleichzeitig lachen, gleichzeitig satt sein... Das schafft einen gemeinsamen Rhythmus.
Vielleicht ist das der Grund, warum manche Revolutionen am Tisch und nicht auf den Plätzen beginnen. Denn der Tisch ist der Ort, an dem das Vertrauen wiederhergestellt wird. Dort schauen sich die Menschen an, dort zirkuliert das Wort, dort gärt die Entscheidung. Die Tischrevolution ist die Praxis des Teilens und nicht des Besitzens, der Solidarität und nicht des Wettbewerbs, der Nachbarschaft und nicht der Einsamkeit.
Das Ungesagte
Die Kommune ist nicht nur eine romantische Sehnsucht nach der Vergangenheit. Sie ist auch der Imperativ der Zukunft. Die Klimakrise, die wirtschaftliche Ungleichheit, die Epidemie der Einsamkeit... Keines dieser Probleme kann allein gelöst werden. Geschichten von individueller Befreiung reichen nicht mehr aus.
Die eigentliche Frage ist:
Wenn wir nicht wieder lernen, miteinander zu leben, wie werden wir dann getrennt überleben?
Die Kommune ist kein perfektes System. Aber sie ist der Mut, sich in anderen wiederzuerkennen.
Es ist der Wille zu erkennen, dass Teilen keine Schwäche, sondern eine Stärke ist.
“Es ist die Praxis, ”wir“ zu sein, ohne das ”Ich" zu verlieren.
Die vielleicht radikalste Maßnahme besteht darin, wieder zum Nachbarn zu werden.
Wieder gemeinsam produzieren.
Wir werden wieder Partner.
Denn manche Revolutionen beginnen nicht auf den Plätzen, sondern am Tisch.
