HALKWEBAutorenUnsichtbare Bürger: Behinderung und mentale Grenzen

Unsichtbare Bürger: Behinderung und mentale Grenzen

In der Türkei behindert zu sein bedeutet, die meiste Zeit unsichtbar zu sein. Wie ein stummer Schrei, wie ein Schrei, der nicht gehört wird.

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Um die Welt zu verändern, müssen wir nicht nur körperliche, sondern auch geistige Grenzen überwinden. Heute ist der 3. Dezember... der Welttag der Menschen mit Behinderungen. Aber in der Türkei bedeutet behindert zu sein, die meiste Zeit unsichtbar zu sein. Wie ein stummer Schrei, wie ein Schrei, der nicht gehört wird.

Behinderte Menschen werden in der Praxis oft ignoriert, auch wenn ihre Rechte auf dem Papier anerkannt sind. Barrierefreiheit ist immer noch ein Luxus; die Ungleichheiten in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Beschäftigung sind chronisch. Bürgersteige, öffentliche Verkehrsmittel und Behörden sind für Behinderte nach wie vor schwer zugänglich. Es handelt sich nicht nur um ein individuelles Problem, sondern um eine soziale Ungerechtigkeit, die jeder von uns miterlebt.

Aktuelle Situation in der Türkei

Offiziellen Angaben zufolge gibt es in der Türkei 2.511.950 Menschen mit Behinderungen, von denen etwa 775.012 schwerbehindert sind. Nichtregierungsorganisationen geben an, dass die tatsächliche Zahl bei etwa 8-9 Millionen liegen könnte. Der stille Kampf von Millionen von Menschen liegt im Verborgenen.

Beschäftigung: Die Zahl der behinderten Beamten, die im öffentlichen Sektor arbeiten, beträgt etwa 80.700, im privaten Sektor und in der Gesamtbeschäftigung etwa 200.000. Nur %8-10 der registrierten behinderten Menschen sind erwerbstätig. Millionen von Menschen, die arbeiten, produzieren und auf eigenen Füßen stehen wollen, stehen immer noch außerhalb des Systems.

Bildung: Die Zahl der an Hochschulen eingeschriebenen Studenten mit Behinderungen liegt bei 39.243. Selbst wenn man Inklusion und Sonderpädagogik mit einbezieht, ist der Zugang von Menschen mit Behinderungen zum Bildungssystem immer noch begrenzt; offiziellen Zahlen zufolge haben nur %1-2 Zugang zur Hochschulbildung. Jedes Kind, jeder junge Mensch mit seinen Träumen und Hoffnungen geht in diesem System oft verloren.

In der Türkei sollte Behinderung nicht eine Frage der politischen Präferenz sein, sondern ein Kriterium, das das Gewissen des Systems und der Gesellschaft in Frage stellt. Wenn nicht jeder Mensch die gleichen Rechte hat, bleiben die Grundsätze der Demokratie und des Sozialstaats nur eine rhetorische Angelegenheit. Die Stimmen der Behinderten nicht zu hören, sie unsichtbar zu machen, bedeutet in Wirklichkeit, das Gewissen der Gesellschaft zum Schweigen zu bringen.

Das Problem der Strafverfolgung und Überwachung

Obwohl die Gesetzgebung die für Menschen mit Behinderungen reservierten Positionen sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor festlegt, ist die Umsetzung oft unzureichend. Gesetzliche Rechte stehen oft nur auf dem Papier; die fehlende Überwachung durch autorisierte Einrichtungen hindert behinderte Menschen daran, ihre Rechte in der Praxis wahrzunehmen. Die Regierung sollte nicht nur die Positionen per Gesetz festlegen, sondern auch die Umsetzung dieser Rechte im realen Leben sicherstellen und überwachen. Andernfalls bleiben die Gesetze nur eine symbolische Garantie, und die Hoffnungen von Millionen von Menschen bleiben in ihren Händen.

Chancenungleichheit im Bildungswesen, Diskriminierung im Geschäftsleben, Schwierigkeiten beim Zugang zu Gesundheitsdiensten... Dies sind nicht nur “Probleme der Behinderten”, sondern auch Probleme des Staates und der Gesellschaft. Wenn Gesetze nicht umgesetzt werden, unzureichende Ressourcen und Vorurteile der Gesellschaft zusammenkommen, wird das Leben von Menschen mit Behinderungen zu einem dramatischen Bild.

Der 3. Dezember ist nicht nur ein Tag der Erinnerung, er ist auch eine Warnung. Das Leben von Menschen mit Behinderungen zu erleichtern, sie sichtbar zu machen und ihre Rechte zu verteidigen, ist auch eine Maßnahme, um eine demokratische Gesellschaft zu sein. Gerechtigkeit wird nicht nur durch Gesetze auf dem Papier gewährleistet, sondern auch durch die Umsetzung der Gleichstellung im täglichen Leben.

Heute sollte ein Tag sein, an dem wir die Politik, die Vorurteile und die Mauern niederreißen, die sie ignorieren, nicht die Behinderungen. Denn die Freiheit und die Rechte der Behinderten sind unmittelbar mit der Freiheit und der Gerechtigkeit der Gesellschaft verbunden. Die stummen Schreie zu hören, ist nicht länger ein Aufschub, sondern eine Verpflichtung.

Und wir sollten nicht vergessen: Um die Welt zu verändern, müssen wir nicht nur körperliche, sondern auch geistige Grenzen überwinden. Die Verteidigung der Rechte eines jeden behinderten Menschen, die Berührung der Träume eines jeden Kindes berührt eigentlich unser aller Gewissen.

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