HALKWEBAutorenDie Türkei am Scheideweg: Kongregationen, Sekten und die säkulare Republik

Die Türkei am Scheideweg: Kongregationen, Sekten und die säkulare Republik

Der Staat darf nicht wieder von parallelen Hierarchien manipuliert werden, sonst ist die Katastrophe für die Demokratie, die öffentliche Ordnung, den säkularen Lebensstil und die Erziehung der jungen Generationen zu freien Menschen vorprogrammiert.

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In der Türkei sind Kongregationen und Sekten nicht nur religiöse oder soziale Gruppen, sondern waren im Laufe der Geschichte Machtzentren, die das soziale Gefüge, das wirtschaftliche Gewicht und die Politik geprägt haben. Seit der Gründung der Republik stehen diese Machtzentren in ständiger Spannung mit der säkularen und egalitären Struktur des Staates. Wenn wir heute über dieses Thema diskutieren, müssen wir die Spuren der Vergangenheit, die aktuellen Bedrohungen und die möglichen Risiken der Zukunft zusammen sehen.

Schließung von Derwisch-Lodges und Zawiyas sowie der alevitischen Gemeinde

Die Schließung der Derwischlogen und Logen in den Anfangsjahren der Republik war der konkreteste Ausdruck des Willens des Staates, sich von den religiösen Autoritäten unabhängig zu machen und soziale Gleichheit zu gewährleisten. Dieser Schritt schränkte nicht nur den politischen Einfluss der osmanischen religiösen Institutionen ein, sondern eröffnete auch eine historische Chance für die alevitischen Gemeinschaften. Die Verteidigung des Prinzips des Laizismus gegen die jahrhundertelange Diskriminierung bedeutete für die Aleviten gleiche Staatsbürgerschaft und Freiheit. Während des Unabhängigkeitskrieges und der Gründung der Republik unterstützten die Aleviten Atatürk und den Prozess der Nationenbildung nachdrücklich.

In Zentren wie der Hacı Bektaş Veli Derwisch-Loge hießen die alevitischen Großväter Atatürk willkommen und zeigten ihre Loyalität und moralische Unterstützung und trugen so zur Stärkung der egalitären und säkularen Vision der Republik in der Gesellschaft bei. Aus diesem Grund gingen die Aleviten nicht nur als eine marginalisierte Gemeinschaft in die Geschichte ein, sondern auch als eine aktive Kraft, die durch ihr Handeln bewies, dass sie die Gründungswerte der Republik vertrat.

Andererseits haben die Sekten mit ihrer geschlossenen Hierarchie und ihren führerorientierten Strukturen die säkularen und egalitären Grundsätze der Republik nicht verinnerlicht, sind mit dem modernen Staat und der individuellen Freiheit in Konflikt geraten und haben oft ihre eigenen Interessen in den Vordergrund gestellt. Dieser Gegensatz hat das soziale und politische Gleichgewicht in der Türkei entscheidend geprägt.

Parallele Kräfte gegen die Republik und den Laizismus

Wie die Beispiele Menzil, İsmailağa und FETÖ zeigen, können die Gemeinden in der Türkei eine kritische und riskante Rolle in Staat, Politik und Wirtschaft spielen. Die Existenz von Sekten ist an sich keine Bedrohung; die wirkliche Gefahr besteht darin, dass sie die säkularen Grundlagen der Republik aushöhlen, indem sie eine parallele Macht in den staatlichen Kadern, in der jungen Generation, in der Geschäftswelt und im gesellschaftlichen Leben schaffen. Der Säkularismus gewährleistet die Unabhängigkeit des Staates von religiösen Autoritäten und begründet die Gesellschaftsordnung auf Gleichheit und Freiheit. Der Modernisierungsprozess, der mit der Ausrufung der Republik begann, zog klare Grenzen zwischen dem Staat und dem gesellschaftlichen Leben und bereitete die Infrastruktur für die Erziehung freier Individuen vor.

Wir sehen jedoch, dass einige Strukturen diese Grenzen überschritten haben und wirtschaftlichen, sozialen und politischen Einfluss entwickelt haben; dies ist eine der schwerwiegendsten sozialen und politischen Spannungen in der modernen Türkei. Atatürks Vision zielt darauf ab, das gesellschaftliche Leben auf moderne Grundlagen zu stellen, die individuellen Freiheiten zu sichern und den säkularen Staat zu schützen. Daher ist es unerlässlich, dass in allen Bereichen des Staates die Grundsätze von Leistung, Transparenz und Kontrolle vorherrschen, um die möglichen negativen Auswirkungen der Gemeinschaften zu begrenzen.

Das Zeitalter der Mehrparteiensysteme und die Annäherung der Sekten an die Politik

Der Übergang zum Mehrparteiensystem in den 1950er Jahren ebnete den Sekten den Weg, um in der Politik sichtbar zu werden. Menderes knüpfte enge Beziehungen zu den Sekten, um bei den Wahlen die Unterstützung der religiösen Basis zu gewinnen. Erbakan integrierte die Sekten direkt in die Politik mit der Millî Nizam und der Selamet Partei. Während der Amtszeiten von Demirel, Ecevit und Özal erweiterten die Sekten ihren Einflussbereich entweder direkt oder indirekt. Heute, unter der Führung von Erdoğan, spielen die Sekten sowohl an der politischen Basis als auch in der Bürokratie eine entscheidende Rolle. Die Geschichte zeigt uns, dass Sekten nicht nur religiöse Gemeinschaften sind, sondern zu festen und strategischen Akteuren in der türkischen Politik geworden sind.

Nurcu-Gruppen und aktuelle Bedrohungen

Beginnend mit Said Nursis Risale-i Nur-Corpus verstärkten die nuristischen Bewegungen ihre gesellschaftliche Präsenz durch Bildung und Veröffentlichungen. Ab den 1960er Jahren begannen sie, indirekten politischen Einfluss auszuüben. Heute spielen die Gemeinden eine interventionistische Rolle nicht nur in den staatlichen Kadern, sondern auch in der Gesellschaft im Allgemeinen. Sie zwingen den Menschen ihren eigenen Lebensstil auf, schlagen vor, keine säkularen Feiern bei gesellschaftlichen Veranstaltungen zu organisieren, und üben Druck auf den Einzelnen aus, indem sie sagen: ’Feiert kein Weihnachten, besucht keine säkularen Veranstaltungen“. Dies stellt eine direkte Bedrohung für das säkulare und weltliche Leben in der modernen Türkei dar.

Im Bereich der Bildung ist die Situation noch kritischer. Durch die Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium, Privatschulen, Stipendienprogramme und Sommerschulen werden die Schüler nach ihrer eigenen Ideologie geführt. Anstatt zu hinterfragen und frei zu denken, wird die junge Generation den Werten einer führerorientierten und geschlossenen Hierarchie ausgesetzt. In einigen Schulen werden die Schüler in Gemeinschaftsclubs kanalisiert und andere Meinungen und Lebensstile unterdrückt. Dies vertieft die soziale Polarisierung und bedroht die Vision einer säkularen, egalitären Bildung.

Auswirkungen auf Wirtschaft, Bürokratie und Staat

Die Sekten sind in der Lage, die Politik durch ihre wirtschaftliche Macht und soziale Basis zu beeinflussen. Einige von ihnen erklären ihre direkte Unterstützung bei Wahlen, andere beeinflussen die Präferenzen, indem sie indirekte Botschaften an ihre Basis übermitteln. Im Fall der FETÖ mündete diese Strategie in staatliche Unterwanderung und einen Putschversuch. Obwohl Strukturen wie Menzil und İsmailağa nicht so radikal sind wie die FETÖ, nutzen sie ihren politischen Einfluss durch ihre wirtschaftliche und soziale Macht. Menzil ist im Energie-, Bau- und Mediensektor tätig, während İsmailağa über ihre Stiftungen und Immobilienvermögen Kontakte zu politischen Akteuren unterhält. Die FETÖ hingegen löste sich von einem Zweig der Nurcu-Tradition, infiltrierte den Staat über Bildungseinrichtungen, Vereine, Finanznetzwerke und Medien und versuchte, strategische Positionen einzunehmen. Der Putschversuch vom 15. Juli 2016 ist das extremste Beispiel dafür, wie Gemeinschaften unter dem Deckmantel der “Zivilgesellschaft” Parallelstrukturen aufbauen können.

Sozialer Druck und kulturelle Interventionen

In den letzten Jahren haben die Gemeinden diskursive Eingriffe in den gesellschaftlichen Lebensstil vorgenommen. So werden insbesondere Konzerte, Theateraufführungen und kulturelle Veranstaltungen abgesagt oder eingeschränkt. Dies bedroht die individuelle Meinungsfreiheit, die gesellschaftliche Vielfalt und die säkulare Kultur und hindert junge Generationen daran, als moderne Menschen aufzuwachsen.

Kultische Einflüsse in Ministerien: Der Fall des Gesundheitsministeriums

Vorwürfe über den Einfluss von Sekten und Gemeinschaften auf die staatliche Bürokratie in der Türkei werden seit vielen Jahren erörtert. Insbesondere wurden in den Medien und im Parlament Behauptungen geäußert, dass die Menzil-Sekte Einfluss auf das Gesundheitsministerium hat. Einige Journalisten und Analysen haben behauptet, dass Mitglieder der Sekte innerhalb des Gesundheitsministeriums angeworben wurden und mit dem Ministerium in Verbindung stehen. Abgeordnete haben auch parlamentarische Anfragen gestellt, um zu erfahren, ob es im Gesundheitsministerium ein Netz von Ernennungen und Verweisen gibt, die mit der Menzil-Sekte in Verbindung stehen, aber diese Fragen blieben teilweise unbeantwortet. Obwohl diese Behauptungen nicht direkt durch offizielle Daten oder unabhängige Untersuchungsberichte bestätigt wurden, haben sie eine ernsthafte öffentliche Debatte über die Nutzung religiöser Netzwerke als Referenz für bürokratische Ernennungen ausgelöst.

Die Pflicht des Staates und Lösungsvorschläge

Die organisierte Präsenz der Kongregationen in den staatlichen Kadern und im gesellschaftlichen Leben schwächt die Leistungsgesellschaft und die Transparenz, führt zu einer Instrumentalisierung der Politik, entzieht der wirtschaftlichen und politischen Einflusssphäre die Kontrolle, vertieft die soziale Polarisierung, erzeugt antisäkulare Effekte im Bildungs- und Kulturbereich und übt Druck auf das individuelle Leben aus. Die Lösung liegt auf der Hand: Staatliche Kader sollten nach Leistung und Transparenz ernannt werden, die Finanzstrukturen der Gemeinden sollten geprüft und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, die Politik sollte keine Instrumentalisierung von Strukturen zulassen, und im Bildungs- und Jugendbereich sollte eine strenge Kontrolle gegen die Bildung von Parallelstrukturen erfolgen. Die Gesellschaft sollte die bitteren Lehren aus den Erfahrungen mit der FETÖ nicht vergessen und vor ähnlichen Fehlern auf der Hut sein.

Die Bewahrung der republikanischen Werte und der Prinzipien Atatürks ist der beste Weg, um die Zukunft der Türkei zu sichern. Die geschlossenen und führerorientierten Strukturen der Sekten stehen oft im Widerspruch zu den Zielen des modernen und säkularen Staates. Der Staat muss einheitlich und unabhängig sein, und die Prinzipien der Souveränität, des Verdienstes und des Rechts sind unverzichtbar. Die Erfahrung der FETÖ hat uns diese Lektion zu einem sehr hohen Preis gelehrt. Es ist an der Zeit, Vorsorge zu treffen, indem wir in die Zukunft schauen, nicht in die Vergangenheit. Der Staat darf nicht noch einmal von parallelen Hierarchien manipuliert werden, sonst ist die Katastrophe für die Demokratie, die öffentliche Ordnung, den säkularen Lebensstil und die Erziehung der jungen Generationen zu freien Menschen vorprogrammiert.

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