Die Linke wird oft wie eine romantische Geschichte erzählt. Als wäre sie ein rein ideologisches Abenteuer von guten Menschen, Menschen mit Gewissen, die die Welt gerechter machen wollen. Aber im wirklichen Leben ist die Linke keine romantische Pose. Die Linke ist eine schwere geistige und moralische Last, mit der man sich ständig auseinandersetzen muss, mit dem eigenen Leben, mit den eigenen Gewohnheiten, mit den eigenen Widersprüchen.
Denn ein Linker zu sein bedeutet nicht nur, die Ordnung zu kritisieren.
Wer links ist, riskiert, sich mit der Lebensweise zu arrangieren, die die Ordnung hervorbringt.
Es ist leicht, die Reihenfolge zu kritisieren.
Es ist noch einfacher, Kritik zu üben, ohne auf die Annehmlichkeiten dieser Ordnung zu verzichten.
Aber die Linke beginnt genau hier:
Mit der Frage, wie Sie in dem System leben, das Sie kritisieren.
Die Mehrheit der Menschen kritisiert die Ungleichheit, will aber das Leben, das die Ungleichheit hervorbringt, nicht verlassen. Deshalb ist Linkssein oft eine Frage des Charakters und nicht der Ideologie. Solange man in seinem eigenen Leben keine Gleichheit herstellen kann, bleibt die Parole der Gleichheit nur ein Versprechen.
Und genau hier beginnt vielleicht die größte Tragödie der Linken.
Widersprüche innerhalb der Linken: Schweiß für Schweiß verkaufen
In linken Kreisen kursiert oft eine ironische Formulierung:
“Die Hauptaufgabe der Linken ist es, Propaganda für die Linke zu machen.”
Das heißt, Schweiß an den Sweatshop zu verkaufen...
In diesem Satz steckt tatsächlich ein bitterer Humor, der die Krankheit der sich selbst auflösenden Linken beschreibt. Denn ein erheblicher Teil der linken Bewegungen verliert mit der Zeit den Anspruch, die Gesellschaft zu verändern, und verwandelt sich in einen Wettlauf um ideologische Korrektheit im eigenen kleinen Kreis.
Es wird von Kameradschaft gesprochen, aber der Kamerad wird an einem harten Tag vergessen.
Es wird von Solidarität gesprochen, aber an Solidarität wird oft am Raki-Tisch gedacht.
Sie reden von Gleichheit, aber das Leben ist nicht gleich.
Ein Genosse mit einem Sommerhaus hat ein Sommerhaus.
Der heimatlose Genosse hat Ideale.
Und oft sind Ideale billiger als Landhäuser.
Dieses ironische Bild ist nicht nur ein individueller Widerspruch. Es ist auch ein historisches Dilemma der Linken: die Distanz zwischen Ideologie und Leben.
Linkes Denken ist nicht nur eine Theorie. Es ist auch ein Anspruch an das Leben. Wenn ein Gedanke die Gleichheit verteidigt, müssen die Träger dieses Gedankens auch die Spuren dieser Gleichheit in ihrem Leben tragen.
Andernfalls wird die Ideologie zu einem Schlagwort.
Das Leben geht weiter wie bisher.
Der Trost der Rechten, die Last der Linken
Rechtes Gedankengut hat es oft leichter. Denn rechte Ideologie ist mit der Ordnung vereinbar.
Der Markt spricht bereits die Sprache der Rechten.
Das Kapital produziert bereits die Logik der Rechten.
Die Staatsapparate arbeiten oft im Einklang mit der rechten Politik.
Aus diesem Grund wird die Propaganda der Rechten oft vom Leben selbst gemacht.
Bei den Linken ist die Situation anders.
Die Linke steht in ständiger Spannung zur Ordnung. Denn die Linke macht die Ungleichheiten der bestehenden Ordnung sichtbar. Aus diesem Grund kämpft die Linke nicht nur mit der politischen Macht, sondern auch mit den Gewohnheiten der Gesellschaft.
Aber genau hier ergibt sich ein weiteres Paradoxon:
Die Linke will die Welt verändern, aber manchmal will sie sich selbst nicht verändern.
Theorien werden sakrosankt.
Führungspersönlichkeiten werden unkritisch.
Kritik ist Verrat.
Der stärkste Aspekt des linken Denkens ist jedoch seine Kritikfähigkeit. Sobald die Kritik zum Schweigen gebracht wird, verliert das linke Denken seine Vitalität und die Ideologie wird zum Dogma.
Überwindung oder Ersetzung der Bourgeoisie?
Einige Linke träumen davon, die Reichen arm zu machen.
Aber es ist oft unmöglich, ein neues Leben jenseits des bürgerlichen Lebens aufzubauen.
Aber der wahre Fortschritt beginnt nicht mit der Nachahmung der Bourgeoisie, sondern mit ihrer Überwindung.
Wenn die Arbeiterklasse die Bourgeoisie ersetzt, handelt es sich nicht um eine Revolution.
Es ist einfach ein Rollentausch.
Der wirkliche Wandel beginnt, wenn eine neue Kultur geschaffen wird.
Eine neue Moral.
Eine neue Form der Solidarität.
Eine neue menschliche Beziehung.
Der Kapitalismus ist nicht nur ein Wirtschaftssystem. Er ist auch eine mächtige Kultur des Lebens. Er ist ein gigantischer kultureller Mechanismus, der bestimmt, was die Menschen wollen, was sie als Erfolg ansehen und wie sie leben.
Deshalb leben auch Menschen, die den Kapitalismus ablehnen, oft weiter in ihm.
Selbst der schärfste Kritiker des Kapitalismus kann manchmal nur von einem besseren kapitalistischen Leben träumen.
Dies ist eine der größten kulturellen Niederlagen der Linken.
Geld, Macht und Organisation
Linke Bewegungen treten für Gleichheit ein.
Aber jede Organisation produziert ein Machtverhältnis.
Manchmal ist es wirtschaftliche Macht.
Manchmal Organisationsmacht.
Manchmal symbolische Macht.
Die Linke mit Geld ist in der Organisation oft stärker.
Denn im wirklichen Leben läuft die Organisation über Geld.
Kein Geld, keine Organisation.
Diese Tatsache wird jedoch kaum propagiert.
Hier beginnt eine der schwierigsten Prüfungen für die Linke:
Kann eine Bewegung, die für Gleichheit eintritt, Gleichheit in sich selbst herstellen?
Die Geschichte zeigt uns, dass dies nicht einfach war.
Das Zeitalter des Tastaturrevolutionismus
In der heutigen Welt steht die Linke vor einer neuen Herausforderung: der digitalen Politik.
Die sozialen Medien sind zum Zentrum der politischen Debatte geworden.
Aber zwischen dem Kampf auf der Leinwand und den Kämpfen im wirklichen Leben besteht eine große Distanz.
Es ist leicht, an der Tastatur zu revolutionieren.
Sie senden einen Tweet.
Schreiben Sie einen Slogan.
Sie starten einen Hashtag.
Und man hat das Gefühl, einen historischen Kampf zu führen.
Aber die Geschichte erzählt eine andere Geschichte.
Große Veränderungen finden auf der Straße statt, nicht auf dem Bildschirm.
In den sozialen Medien wird der Kampf oft nicht vergrößert.
Sie simuliert ihn.
Der eigentliche Kampf findet immer noch auf der Straße statt.
Die große Ironie der Politik: “Die meisten Linken unter uns”
Und genau an diesem Punkt spielte sich eine der ironischsten Szenen der türkischen Politik ab.
In einer Rede auf den Plätzen hat der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei Özgür Özel, wandte er sich an die Menge und sagte:
“Die Linkste unter uns...”
Und dann Cemal Enginyurt mit Adnan Beker applaudiert.
An diesem Punkt bleibt der menschliche Verstand stehen.
Denn die Politik bringt manchmal eine Ironie hervor, die über Kritik hinausgeht.
Wenn man sich die Geschichte des linken Denkens in der Türkei, die Tradition des Kampfes, die Arbeiterbewegung, die gewerkschaftlichen Kämpfe und die Studentenbewegungen anschaut, ist es nicht schwer, eine Liste von Personen zu erstellen, die als “die meisten Linken” bezeichnet werden können.
Aber um Cemal Enginyurt oder Adnan Beker in dieser Liste zu sehen, braucht man wirklich eine sehr starke Vorstellungskraft.
Dies ist nicht nur eine politische Entscheidung.
Dies ist auch ein Hinweis darauf, wie ideologische Konzepte entleert wurden.
Wenn der Begriff der Linken seine historische Bedeutung verliert, bleibt nur noch ein Etikett übrig.
Und dieses Etikett kann nun auf jeden angewendet werden.
Genau das geschieht heute in der Türkei.
Der Begriff "links" wird allmählich von einer ideologischen Identität zu einem politischen Verhandlungsinstrument.
Die wahre Frage der Linken
Das eigentliche Problem der Linken ist nicht die Rechte.
Das eigentliche Problem der Linken ist sie selbst.
Denn die größte Stärke und die größte Schwäche der Linken liegen an der gleichen Stelle:
Kritisches Denken.
Die Linke ist in dem Maße stark, wie sie sich selbst kritisieren kann.
In dem Moment, in dem sie die Kritik verliert, wird sie zu einer Sammlung von Slogans.
Was heute getan werden muss, ist keine Nostalgie.
“Man kann keine Politik machen mit Geschichten wie ”wir waren einmal sehr nahe an der Revolution".
Dieser Klick ist jetzt so weit weg wie das Universum.
Die heutige Frage ist eine andere Frage:
Ist eine neue Linke möglich?
Ist eine neue Kultur der Gleichberechtigung möglich?
Ist eine neue Form der Solidarität möglich?
Die Antworten auf diese Fragen werden nicht in öffentlichen Reden gegeben werden, sondern im Leben der Menschen.
Letztes Wort
Linkssein ist keine einfache Identität.
Linkssein ist eine schwere Verantwortung.
Denn die Linke verlangt, dass man sich selbst verändert, bevor man die Welt verändert.
Diejenigen, die die Welt verändern wollen, ohne ihr eigenes Leben zu ändern, schaffen oft nur eine neue Ordnung.
Aber dieser Befehl ist nur eine andere Version des alten Befehls.
Es geht also nicht nur um Macht.
Es geht darum, ein neues Leben aufzubauen.
Und dieses Leben spielt sich nicht an der Tastatur ab...
Sie wird auf der Straße, im Kampf und in der Solidarität aufgebaut.
Es leben die, die wirklich kämpfen.
Es leben die, die auf der Straße stehen.
Ihr Kampf ist immer noch der wichtigste Kampf in diesem Land.
