Die folgende Warnung, die İsmet İnönü, einer der Gründungskader der Republik, jungen Politikern zuschrieb, ist eine prägnante Beschreibung nicht nur einer Epoche, sondern auch des Wesens der Politik: “Mein Sohn, halte dich fern von gelbem Gold und weißen Kälbern.” Wenn dieser Spruch trotz all der Jahre, die vergangen sind, immer noch aktuell ist, dann deshalb, weil die türkische Politik sowohl von Kontinuität als auch von Wandel geprägt ist.
In der İnönü-Zeit war die Republikanische Volkspartei fast identisch mit dem Staat. Die Politik war kein Feld des Wettbewerbs und des Pluralismus im heutigen Sinne, sondern eine Erweiterung der Verantwortung für den Schutz und die Aufrechterhaltung der Gründungsprinzipien des Staates. Innerhalb dieser Struktur war die Ethik eher von “staatlicher Ernsthaftigkeit” und “Pflichtethik” als von individuellen Präferenzen geprägt. Die korrumpierende Wirkung der Macht wurde dadurch jedoch nicht beseitigt, sondern manifestierte sich nur in anderen Formen.
İnönüs Metaphern vom “gelben Gold” und vom “weißen Kalb” kommen genau an dieser Stelle ins Spiel. Der Politiker sollte die öffentliche Macht in seinen Händen nicht in materiellen Gewinn umwandeln und den Einfluss, den das Amt bietet, nicht für seine persönlichen Schwächen nutzen. Diese Warnung drückt eigentlich eine universelle Wahrheit über das Wesen der politischen Macht aus: Macht ist nicht gefährlich, wenn sie unkontrolliert ist, sondern wenn sie nicht durch eine verinnerlichte Ethik begrenzt wird.
Wenn wir uns die heutige Türkei und die Republikanische Volkspartei ansehen, haben wir es mit einem viel komplexeren politischen Bild zu tun. Wir befinden uns in einer Zeit, in der sich das Mehrparteiensystem etabliert hat, der Wahlkampf intensiver geworden ist und die wirtschaftlichen, medialen und sozialen Dimensionen der Politik miteinander verflochten sind. Politik ist heute nicht nur ein Kampf der Ideen, sondern auch der Ressourcen, Beziehungen und Wahrnehmungen.
Dieser Wandel macht die Warnung von İnönü noch aktueller. “Gelbes Gold” hat heute eine breite Bedeutung, die nicht nur die individuelle Bereicherung, sondern auch politische Finanzierungsnetzwerke, Tenderbeziehungen und wirtschaftliche Einflussbereiche umfasst. “Weißes Kalb” hingegen verweist nicht nur auf individuelle Schwächen, sondern auch auf die Gefahr, dass die Privilegien der Macht in persönliche Beziehungen und unethische Interaktionen umschlagen. Das Wesen der Politik mag sich geändert haben, die ethischen Schwachstellen, die sie bedrohen, jedoch nicht.
Die heutige Republikanische Volkspartei stellt sich dieser Prüfung als politischer Akteur, der sein historisches Erbe trägt, aber auch durch gesellschaftliche Anforderungen neu geformt wird. Für die Partei, die sich von der “Staatspartei”-Identität der İnönü-Ära zu einer pluralistischeren und wettbewerbsfähigeren Struktur entwickelt hat, geht es jetzt nicht nur um den Kampf um die Macht, sondern auch um die ethische Grundlage, auf der dieser Kampf geführt wird.
Der entscheidende Punkt dabei ist folgender: Das Ansehen der Politik wird nicht nur durch den Gewinn von Wahlen bestimmt, sondern auch durch die Art und Weise, wie dieser Prozess durchgeführt wird. Die Einhaltung ethischer Grundsätze ist nicht mehr nur eine Tugend, sondern eine grundlegende Bedingung für demokratische Legitimität. Wenn wir İnönü's Aussage in diesem Kontext lesen, erkennen wir, dass er nicht nur einen individuellen Ratschlag gibt, sondern auch eine Warnung für die Gesundheit des politischen Systems.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Sprichwort “Halte dich von gelbem Gold und weißem Kalb fern” eine ethische Kontinuität von der staatszentrierten Politik von gestern zu der wettbewerbsorientierten und vielschichtigen politischen Struktur von heute darstellt. Die Politik in der Türkei mag sich verändert haben, die Akteure mögen sich gewandelt haben, und die Gleichgewichte mögen wiederhergestellt worden sein. Der grundlegendste Test der Politik hat sich jedoch nicht geändert: Sich von der Macht zu distanzieren und dem öffentlichen Wohl Vorrang vor persönlichen Interessen einzuräumen.
Vielleicht ist dies der Grund, warum İnönüs kurze, aber eindringliche Warnung immer noch von beunruhigender Aktualität ist.
