HALKWEBAutorenSäkularismus-Diskurs, säkulares Leben und das Dilemma der CHP

Säkularismus-Diskurs, säkulares Leben und das Dilemma der CHP

Ein Hinweis auf die stille Erosion eines Prinzips

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Die meisten Debatten über den Laizismus in der Türkei konzentrieren sich nicht auf das Konzept selbst, sondern auf seine symbolische Bedeutung. Die “Verteidigung des Laizismus” ist ein mächtiger politischer Slogan. Das grundlegendste Prinzip des politischen Denkens ist jedoch folgendes: Die Verteidigung eines Konzepts gewinnt nur dann an Bedeutung, wenn es tatsächlich als konkrete und institutionalisierte Ordnung existiert. Wenn es keine institutionell funktionierende säkulare Ordnung gibt, wird nicht der Säkularismus verteidigt, sondern ein säkularer Lebensstil, der oft an dessen Stelle tritt.

Genau das ist die Spannung in der heutigen Türkei. Auf der einen Seite eine säkulare Kultur, die den individuellen Lebensbereich frei von religiösen Bezügen halten will, auf der anderen Seite ein Verständnis, das die öffentliche Sichtbarkeit und politische Legitimität der Religion erhöhen will. Meistens geht es bei diesem Konflikt jedoch nicht um den institutionellen Inhalt des Laizismus, sondern um kulturelle Identitäten.

Dies führt uns direkt zu der folgenden Frage: Wird der Laizismus in der Türkei wirklich verteidigt, oder wird unter dem Namen des Laizismus eine kulturelle Identität geschützt?

Historischer Hintergrund: Inspektion, nicht Separation

Die historische Entwicklung des Säkularismus in der Türkei unterscheidet sich von dem klassischen Beispiel in Europa. In Europa entstand der Säkularismus als Ergebnis langer Kämpfe zwischen Kirche und Staat; die Neutralisierung des Staates gegenüber der Religion und die Begrenzung des Einflusses religiöser Institutionen auf die politische Macht waren die Grundprinzipien.

In der Türkei wurde der Prozess in einem anderen Kontext gestaltet.

Am 23. April 1920, mit der Eröffnung der Großen Nationalversammlung der Türkei, änderte sich das Verständnis von Souveränität;
Am 1. November 1922 wurde das Sultanat abgeschafft;
Am 29. Oktober 1923 wurde die Republik ausgerufen;
Am 3. März 1924 wurde das Kalifat abgeschafft und Tawhid-i Tedrisat eingeführt.

Das Ministerium für Scharia und Awqaf wurde abgeschafft, und an seiner Stelle wurde das Präsidium für religiöse Angelegenheiten eingerichtet.

Der entscheidende Punkt dabei ist folgender: Die Verbindung zwischen Religion und Staat wurde nicht aufgelöst, sondern die Religion wurde unter die Kontrolle des Staates gestellt. Das daraus resultierende Modell ist kein klassischer separatistischer Säkularismus, sondern ein staatlicher Säkularismus.

Diese historische Struktur bildet den Hintergrund für die heutigen Debatten. Der Säkularismus in der Türkei war nie ein Modell der institutionellen Neutralität im westlichen Sinne. Der Staat schloss die Religion nicht aus, sondern verwaltete sie durch eine zentralisierte Bürokratie.

Vom Säkularismus zur säkularen Identität: Die Eingrenzung des Konzepts

Wenn heute vom Säkularismus die Rede ist, wird oft Folgendes verteidigt: Der Schutz der individuellen Lebensführung. Der Laizismus ist jedoch nicht nur eine Frage der Lebensführung, sondern ein Verfassungsgrundsatz, der die gleiche Distanz des Staates zu allen Glaubensrichtungen garantiert.

Wenn dieser Grundsatz tatsächlich angewendet würde:

  • Der rechtliche Status von Cemevis würde nicht zur Debatte stehen.
  • Die religiöse Institution des Staates wäre nicht in einer privilegierten Position.
  • Das Bildungssystem hätte sich nicht in einen Mechanismus verwandelt, der die Ausübung irgendeines Glaubens fördert.

Die Frage der Aleviten zeigt diese Abgrenzung am deutlichsten. Der Status der Cemevis ist nach wie vor umstritten. In einem säkularen Staat kann der Status von Gebetsstätten nicht Gegenstand politischer Verhandlungen sein.

Für diesen Widerspruch ist nicht nur die Regierung verantwortlich, sondern auch die Opposition, die sich den Diskurs des Säkularismus zu eigen macht.

Das Dilemma der CHP: Zwischen Erbe und Programm

Die Republikanische Volkspartei definiert sich selbst als “die Gründungspartei der säkularen Republik”. Dieses Narrativ ist historisch stark. Die wichtigste Frage heute ist jedoch die folgende: Wurde dieses historische Erbe in ein aktuelles politisches Programm umgewandelt?

Einerseits behauptet die CHP, den Laizismus zu verteidigen, aber andererseits legt sie keine mutige und klare Reformlinie vor, die das Verhältnis zwischen Staat und Religion neu definieren würde.

Gibt es eine klare Perspektive für den verfassungsrechtlichen Status des Diyanet?
Gibt es einen Entwurf für eine Verfassungsreform, die die Neutralität des Staates gegenüber allen Religionen institutionell garantiert?
Gibt es ein Programm, das den Grundsatz der Neutralität im Bildungswesen ausdrücklich befürwortet und umzusetzen versucht?

Solange diese Fragen nicht klar beantwortet werden, wird der Säkularismus ein kulturelles Symbol bleiben, kein politisches Programm.

Genau hier zeigt sich das Hauptdilemma der CHP: Eine vorsichtige Sprache, um konservative Wähler nicht zu verschrecken, und eine starke Rhetorik, um säkulare Wähler zu konsolidieren. Diese Doppelstrategie führt nicht zu Klarheit, sondern zu Mehrdeutigkeit.

Raum für Bildung: Das Lackmuspapier des Säkularismus

Das Ramadan-Rundschreiben des Bildungsministeriums hat die Debatte neu entfacht. Die Förderung einer religiösen Atmosphäre in den Schulen steht in direktem Zusammenhang mit dem Grundsatz der Neutralität des Laizismus.

Das Bildungssystem eines säkularen Staates kann die Ausübung eines bestimmten Glaubens nicht fördern. Die Bildungseinrichtung bringt Bürger hervor, nicht Gemeinschaften.

Der Grundsatz der Neutralität wird ausgehöhlt, wenn der Staat eine Position einnimmt, die eine bestimmte religiöse Praxis sichtbar macht oder fördert.

Es geht hier nicht um eine technische Regelung. Es ist eine Frage des Charakters des Regimes.

Papiere, Nachforschungen und Breaking Point

“Die Erklärung mit dem Titel ”Wir verteidigen den Säkularismus gemeinsam" brachte die Besorgnis über die Erosion des Säkularismus zum Ausdruck. Die im Anschluss an die Erklärung eingeleitete Untersuchung zeigte jedoch, dass die Debatte nicht auf einer theoretischen Ebene blieb.

Die Vorladung der Unterzeichner, zu denen auch der 91-jährige Prof. Dr. Korkut Boratav gehört, machte deutlich, dass die Frage des Laizismus inzwischen zum politischen Risiko geworden ist.

Die Frage ist hier:

Warum ist die Verteidigung eines Verfassungsgrundsatzes Gegenstand einer Untersuchung?

Wenn der Laizismus eine Verfassungsnorm ist, was bedeutet es dann, dass diejenigen, die ihn verteidigen, rechtlichen Risiken ausgesetzt sind?

Die Unfähigkeit der Opposition, angesichts dieser Entwicklungen eine klare politische Linie zu vertreten, vergrößert die Distanz zwischen Diskurs und Praxis weiter.

Die Verteidigung eines Grundsatzes ist nicht in einfachen, sondern in schwierigen Zeiten sinnvoll.

Säkularismus und Imperialismus: Strategische Dimension

Der Säkularismus ist nicht nur ein Rechtsprinzip. Er ist auch eine Voraussetzung für nationale Integrität.

Eines der klassischen Instrumente des Imperialismus ist die Spaltung von Gesellschaften auf der Grundlage von Religion und Sekten. Die säkulare Ordnung bietet den Rahmen, der diese Spaltung verhindert. Wenn der Staat die Auslegung einer bestimmten Sekte vorschreibt, erweitert sich der Boden für soziale Konflikte.

Säkularismus ist eine Voraussetzung für Wissenschaft, Gleichheit von Mann und Frau, Recht und freies Denken. Unwissenheit ist der fruchtbarste Boden für autoritäre Politik.

Der Säkularismus ist also nicht nur ein kultureller, sondern auch ein strategischer Grundsatz.

Die wahre Gefahr: Stille Erosion, nicht offene Ablehnung

In der Geschichte der Politik verlieren Konzepte ihre Wirkung nicht, wenn sie ausdrücklich abgelehnt werden, sondern wenn sie ausgeweidet werden.

Der Säkularismus wird heute nicht offen abgelehnt.
Aber sie wird ausgeweidet.

Dies ist der gefährlichste Moment.

Wenn ein Grundsatz behauptet, von allen verteidigt zu werden, aber in der Praxis ausgehöhlt wird, ist die Krise unsichtbar, aber tief.

Die Türkei steht heute an einer Schwelle.

Der Säkularismus wird sich in eine kulturelle Nostalgie verwandeln,
oder wird sie in ein konkretes politisches Programm umgewandelt, das die Neutralität des Staates garantiert?

Diese Frage wird nicht nur die Debatte über den Laizismus bestimmen, sondern auch den intellektuellen Mut der Opposition.

Säkularismus ist keine Verteidigung einer Lebensweise.
Es ist ein Prinzip der Ordnung.

Und die Grundsätze der Ordnung werden nicht durch Slogans, sondern durch Programme geschützt.

Wenn es kein Programm gibt, gibt es nur Erinnerungen.

Und die Politik arbeitet nicht mit Erinnerungen, sondern mit Institutionen.

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